Blutbad in Moschee Terror in Ägypten - der Plan des IS geht auf

305 Menschen sind tot, viele Kinder, viele Alte: Mit dem Anschlag auf die Rawda-Moschee erklärt der IS der ägyptischen Gesellschaft den Krieg. Staatschef Sisi reagiert hart - und hilft so den Extremisten.

AFP

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Der Haufen Sandalen am Eingang zur Rawda-Moschee zeugt von dem Grauen, das sich am Freitag in dem Gebetshaus abgespielt hat. Die Gläubigen hatten die Schuhe vor dem Freitagsgebet ausgezogen. Der Imam begann gerade seine Predigt, als Geländewagen mit schwarzen IS-Flaggen und insgesamt rund zwei Dutzend bewaffneten Terroristen vorfuhren. Sie zündeten mehrere kleinere Sprengsätze und eröffneten das Feuer auf die Betenden.

Es ist der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte Ägyptens. 305 Menschen wurden nach offiziellen Angaben getötet, 128 verletzt. 28 Tote waren zehn Jahre oder jünger. 160 Todesopfer waren älter als 60. Zehn Familien verloren Männer aus drei Generationen: Großvater, Vater und Sohn. Insgesamt ist etwa jeder vierte Bewohner des Dorfes Rawda am Freitag getötet worden.

Angriff auf die Sufis

In der Moschee hatten sich vor allem Sufis versammelt. Der Sufismus ist eine mystische Strömung innerhalb des Islams. Millionen Ägypter fühlen sich einem von Hunderten Sufi-Orden zugehörig. Salafisten und andere radikale Islamisten betrachten die Sufis als Häretiker, weil sie Verstorbene als Heilige verehren und weil Tanz und Musik im religiösen Leben der Sufis eine wichtige Rolle spielen.

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Anschlag auf dem Sinai: Blutiger Freitag

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat in den vergangenen Jahren mehrfach Sufis auf der Sinai-Halbinsel angegriffen. Im November 2016 enthaupteten die Dschihadisten den 96-jährigen Sufi-Scheich Suleiman Abu Heraz, der selbst in Rawda gelebt hatte. Im Januar dieses Jahres veröffentlichte der IS in seinem englischsprachigen Propagandamagazin "Rumiyah" ein Foto von Abu Heraz' Enthauptung. Dazu sprach die Terrororganisation eine konkrete Drohung gegen den Sufi-Orden in Rawda aus, der "ausgelöscht" werden müsste.

In den vergangenen Wochen hatte der IS laut Dorfbewohnern seine Drohungen verstärkt. Nachdem Anwohner vor drei Wochen mehrere IS-Milizionäre festgesetzt und an die Sicherheitskräfte übergeben hatten, habe die Terrororganisation das Dorf vor einer weiteren Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden gewarnt. Zudem seien die Dorfbewohner in Flugblättern aufgerufen worden, sich vom Sufismus abzuwenden. Außerdem hätten vermummte Kämpfer seit Jahresanfang zweimal den Sufi-Scheich Hussein al-Garir in seinem Haus in Rawda überfallen.

Doch die ägyptischen Sicherheitskräfte haben diese Warnungen offenbar nicht ernst genug genommen. Die Regierung in Kairo betrachtet die Beduinen des Sinais seit jeher als Bürger zweiter Klasse. Seit dem israelischen Rückzug von der Halbinsel 1982 gelten sie manchen Ägyptern gar als fünfte Kolonne Israels, schließlich hatten viele Beduinen in den 15 Jahren der israelischen Besatzung mit den Israelis kooperiert.

Endloskrieg auf dem Sinai

Die Folge: Die riesige Region wurde jahrzehntelang vernachlässigt, besonders die Menschen im Norden leiden unter den Folgen: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die ärztliche Versorgung vielerorts katastrophal - idealer Nährboden für Extremisten. Einige mächtige Beduinenstämme haben deshalb in den vergangenen Jahren für unterschiedliche Islamistengruppen gearbeitet oder sich diesen zeitweise sogar angeschlossen.

Um den Endloskrieg auf dem Sinai zu beenden, mindestens aber um die Terroristen effektiv zu bekämpfen, schickte die ägyptische Armee in den vergangenen Jahren große Truppenverbände und Spezialeinheiten an die Mittelmeerküste des Sinais.

Bislang fokussierten sich die Streitkräfte in ihrem Kampf gegen Islamisten vor allem auf das Gebiet zwischen der Provinzhauptstadt Arisch und Rafah, der Grenzstadt zum Gazastreifen. Die Rawda-Moschee aber liegt weit davon entfernt, an den Ausläufern der von Flamingos, Pelikanen und Möwen bevölkerten sumpfartigen Bardawil-Lagune. Die Moschee in diesem ruhigen Naturschutzgebiet war der ideale Anschlagsort - bis zum Wochenende unbekannt, nun wird weltweit berichtet. Der Plan der Extremisten geht auf.

Sisi wiederholt Mubaraks Fehler

Staatschef Abdel Fattah el-Sisi reagiert, wie er immer reagiert. Er kündigt Vergeltung und Gewalt an. Doch genau diese Politik hat Ägypten an den Abgrund geführt. Als in den Neunzigerjahren militante Islamisten das Land mit Terrorangriffen gegen Touristen, koptische Christen und Sicherheitskräfte überzogen, reagierte das damals herrschende Mubarak-Regime mit einer rücksichtlosen Militäroperation gegen islamistische Hochburgen in Oberägypten. Mit der Folge, dass die Terroristen noch mehr Zulauf bekamen.

Nun wiederholt sich das gleiche auf dem Sinai. Seit 2014 hat das Militär den Norden der Halbinsel praktisch abgeriegelt, fliegt die Armee Luftangriffe, wird eine ganze Provinz unter den Generalverdacht gestellt, Terroristen zu unterstützen.

Staatschef Sisi behauptete nach dem Anschlag von Rawda, das Attentat zeige die "Schwäche und Unfähigkeit" der Terroristen. Das Gegenteil ist richtig: Der IS auf dem Sinai wird immer mächtiger. So mächtig, dass er am helllichten Tag 300 Menschen in einer Moschee töten kann, ohne dass es eine Spur von den Tätern gibt.

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