Aus Kairo berichtet Ulrike Putz
Zum Abschluss des Wahlkampfs ließen die Muslimbrüder es noch einmal krachen: Bei der letzten Werbeveranstaltung für ihren Anwärter auf die ägyptische Präsidentschaft in Kairo sparten die Islamisten nicht an Pyrotechnik. Silvester-Böller übertönten die Sprechchöre der vielen tausend Schaulustigen, Feuerwerk tauchte den Nachthimmel in die Nationalfarben Rot-Weiß-Schwarz, als Mohammed Mursi am späten Sonntagabend eintraf.
"In 25 Städten in ganz Ägypten haben sich unsere Leute heute Nacht versammelt, um zu zeigen, wie stark die Muslimbrüder sind", sagt Safaa Ezat Suleiman, die in der Frauen-Sektion als freiwillige Ordnerin Dienst schiebt - die Männer stehen woanders. Obwohl er auch heute Abend reichlich ungelenk wirke, sei Mursi ihr Kandidat für Ägyptens höchstes Amt. "Mursi ist sauber, und mit Gottes Hilfe hat er die Kraft, Ägypten aus der Krise zu führen", sagt die 22-jährige Medizinstudentin. "Deshalb wird das Volk ihn wählen."
Doch auch wenn die Bruderschaft die dominierende politische Kraft im postrevolutionären Ägypten ist und zusammen mit ihren Bündnispartnern bei den Parlamentswahlen über 40 Prozent der Stimmen einfahren konnte: Es ist noch lange nicht gesagt, dass ihr Kandidat Mursi auch erster wirklich frei gewählter Staatschef Ägyptens wird. Vor dem Auftakt der ersten Präsidentschaftswahl nach dem Sturz Husni Mubaraks am Mittwoch gibt es kaum verlässliche Vorhersagen dazu, wer diese Abstimmung gewinnen könnte. Zwar verbreiten mehrere Institute Meinungsumfragen, doch keines von ihnen kann als unabhängig gelten. Kurz vor dem Urnengang, bei dem etwa 50 Millionen Wähler über den Fortgang der Geschichte des Nil-Landes entscheiden, ist der Ausgang höchst unklar.
Sehnsucht nach einem neuen starken Mann
Der Begeisterung der Ägypter, die schon bei den Parlamentswahlen im Januar mit über 60 Prozent für eine Rekordbeteiligung sorgten, tut das keinen Abbruch: Angeheizt wird die Euphorie vom Wunsch nach einer Vaterfigur: Viele der in der Mubarak-Ära aufgewachsenen Ägypter sehnen sich nach einem neuen starken Mann. Er soll das Ruder herumreißen und das Land von dem Abgrund wegmanövrieren, an dem es seit dem Fall des Despoten und dem damit einhergehenden Niedergang der Wirtschaft steht. Zahlreiche Ägypter scheinen selbst jetzt noch unsicher, wem sie den Job an der Spitze zutrauen, viele Wähler sind offenbar noch unentschlossen. Wie bei früheren Wahlen könnte es am Tag der Entscheidung zu Manipulationen in letzter Minute kommen. In Kairo kursieren Gerüchte, Wählern in Armenvierteln seien im Tausch für ihre Stimme Geld und Lebensmittelpakete angeboten worden.
Ägyptens Parteien haben viel Geld in ihre Kampagnen gesteckt. Seit Wochen sind Millionen von Plakaten an den Hauswänden Kairos angebracht. Auf ihnen prangen die Konterfeis der Kandidaten, und - für Ägyptens Millionen Analphabeten - die Symbole, anhand derer ihre Namen auf den Wahlzetteln zu finden sein werden: Eine Waage, eine Leiter, ein Adler oder die Sonne.
Im Radio dudeln Popsongs, die die Vorzüge der Bewerber preisen. "Abu al-Futuh wird unser Land schützen, er wird uns unsere Rechte zurückgeben, wir werden ein Auskommen finden", heißt es in der Hymne auf einen gemäßigten Islamisten. In einem Lied für den ehemaligen Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, glorifiziert Sänger Schaaban Abdel Rahim seinen Favoriten: "Er ist ein Polit-Veteran, der überall auf der Welt anerkannt ist." Mussas Taten und Erfolge seien "zu viele, um gezählt werden zu können", er werde der "beste Präsident sein, den Ägypten jemals hatte." Ein Höhepunkt des Wahlkampfs war das TV-Duell zwischen Mussa und Abu al-Futuh: Vier Stunden lang saß Ägypten gebannt vor dem Fernseher und sah zu, wie sich die Kandidaten stritten.
Nur fünf Kandidaten haben Chancen
Die Wahlkommission hat 13 Kandidaten zur Wahl zugelassen, doch nur fünf Bewerbungen gelten als aussichtsreich. Die erste Wahlrunde findet Mittwoch und Donnerstag statt, das Ergebnis soll kommenden Dienstag bekanntgegeben werden. Erhält kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen, folgt am 16. und 17. Juni die Stichwahl zwischen den beiden Spitzenreitern. Die besten Chancen haben laut Beobachtern und Umfragen die Kandidaten Mussa, Abu al-Futuh, Schafik, Mursi und Sabahi:
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