Präsidentenwahl in Ägypten: Islamisten drängen auf Mubaraks Thron

Aus Kairo berichtet

Wer wird Nachfolger von Husni Mubarak? Erstmals seit dem Sturz des Despoten bestimmt Ägypten einen Präsidenten. Fünf der 13 Kandidaten haben Siegchancen bei der Schicksalswahl: Islamisten und Stützen des alten Regimes.

Präsidentschaftswahl: Fünf Männer auf der Zielgeraden Fotos
AFP

Zum Abschluss des Wahlkampfs ließen die Muslimbrüder es noch einmal krachen: Bei der letzten Werbeveranstaltung für ihren Anwärter auf die ägyptische Präsidentschaft in Kairo sparten die Islamisten nicht an Pyrotechnik. Silvester-Böller übertönten die Sprechchöre der vielen tausend Schaulustigen, Feuerwerk tauchte den Nachthimmel in die Nationalfarben Rot-Weiß-Schwarz, als Mohammed Mursi am späten Sonntagabend eintraf.

"In 25 Städten in ganz Ägypten haben sich unsere Leute heute Nacht versammelt, um zu zeigen, wie stark die Muslimbrüder sind", sagt Safaa Ezat Suleiman, die in der Frauen-Sektion als freiwillige Ordnerin Dienst schiebt - die Männer stehen woanders. Obwohl er auch heute Abend reichlich ungelenk wirke, sei Mursi ihr Kandidat für Ägyptens höchstes Amt. "Mursi ist sauber, und mit Gottes Hilfe hat er die Kraft, Ägypten aus der Krise zu führen", sagt die 22-jährige Medizinstudentin. "Deshalb wird das Volk ihn wählen."

Doch auch wenn die Bruderschaft die dominierende politische Kraft im postrevolutionären Ägypten ist und zusammen mit ihren Bündnispartnern bei den Parlamentswahlen über 40 Prozent der Stimmen einfahren konnte: Es ist noch lange nicht gesagt, dass ihr Kandidat Mursi auch erster wirklich frei gewählter Staatschef Ägyptens wird. Vor dem Auftakt der ersten Präsidentschaftswahl nach dem Sturz Husni Mubaraks am Mittwoch gibt es kaum verlässliche Vorhersagen dazu, wer diese Abstimmung gewinnen könnte. Zwar verbreiten mehrere Institute Meinungsumfragen, doch keines von ihnen kann als unabhängig gelten. Kurz vor dem Urnengang, bei dem etwa 50 Millionen Wähler über den Fortgang der Geschichte des Nil-Landes entscheiden, ist der Ausgang höchst unklar.

Sehnsucht nach einem neuen starken Mann

Der Begeisterung der Ägypter, die schon bei den Parlamentswahlen im Januar mit über 60 Prozent für eine Rekordbeteiligung sorgten, tut das keinen Abbruch: Angeheizt wird die Euphorie vom Wunsch nach einer Vaterfigur: Viele der in der Mubarak-Ära aufgewachsenen Ägypter sehnen sich nach einem neuen starken Mann. Er soll das Ruder herumreißen und das Land von dem Abgrund wegmanövrieren, an dem es seit dem Fall des Despoten und dem damit einhergehenden Niedergang der Wirtschaft steht. Zahlreiche Ägypter scheinen selbst jetzt noch unsicher, wem sie den Job an der Spitze zutrauen, viele Wähler sind offenbar noch unentschlossen. Wie bei früheren Wahlen könnte es am Tag der Entscheidung zu Manipulationen in letzter Minute kommen. In Kairo kursieren Gerüchte, Wählern in Armenvierteln seien im Tausch für ihre Stimme Geld und Lebensmittelpakete angeboten worden.

Ägyptens Parteien haben viel Geld in ihre Kampagnen gesteckt. Seit Wochen sind Millionen von Plakaten an den Hauswänden Kairos angebracht. Auf ihnen prangen die Konterfeis der Kandidaten, und - für Ägyptens Millionen Analphabeten - die Symbole, anhand derer ihre Namen auf den Wahlzetteln zu finden sein werden: Eine Waage, eine Leiter, ein Adler oder die Sonne.

Im Radio dudeln Popsongs, die die Vorzüge der Bewerber preisen. "Abu al-Futuh wird unser Land schützen, er wird uns unsere Rechte zurückgeben, wir werden ein Auskommen finden", heißt es in der Hymne auf einen gemäßigten Islamisten. In einem Lied für den ehemaligen Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, glorifiziert Sänger Schaaban Abdel Rahim seinen Favoriten: "Er ist ein Polit-Veteran, der überall auf der Welt anerkannt ist." Mussas Taten und Erfolge seien "zu viele, um gezählt werden zu können", er werde der "beste Präsident sein, den Ägypten jemals hatte." Ein Höhepunkt des Wahlkampfs war das TV-Duell zwischen Mussa und Abu al-Futuh: Vier Stunden lang saß Ägypten gebannt vor dem Fernseher und sah zu, wie sich die Kandidaten stritten.

Nur fünf Kandidaten haben Chancen

Die Wahlkommission hat 13 Kandidaten zur Wahl zugelassen, doch nur fünf Bewerbungen gelten als aussichtsreich. Die erste Wahlrunde findet Mittwoch und Donnerstag statt, das Ergebnis soll kommenden Dienstag bekanntgegeben werden. Erhält kein Kandidat mehr als 50 Prozent der Stimmen, folgt am 16. und 17. Juni die Stichwahl zwischen den beiden Spitzenreitern. Die besten Chancen haben laut Beobachtern und Umfragen die Kandidaten Mussa, Abu al-Futuh, Schafik, Mursi und Sabahi:

  • Amr Mussa: Der frühere Generalsekretär der Arabischen Liga war unter Langzeitpräsident Mubarak zehn Jahre lang Außenminister. Seine kritische Haltung gegenüber Israel trug ihm damals viel Lob von den Ägyptern ein. Schließlich "entsorgte" Mubarak den Minister, der ihm zu populär geworden war, indem er ihn zur Arabischen Liga schickte. Deren Vorsitz übernahm Mussa 2001. Der 75 Jahre alte Karrierediplomat hat sicherlich die meiste Erfahrung im internationalen Politikgeschäft, wird aber von seinen Kritikern als "Überbleibsel des Mubarak-Regimes" angefeindet. Mussa geriert sich als liberaler Nationalist, der als einziger das Zeug hat, die schwächelnde Wirtschaft wieder anzukurbeln. Seine islamistischen Rivalen tut er als ahnungslose Ideologen ab.
  • Abd al-Munim Abu al-Futuh: Das ehemalige Führungsmitglied der Muslimbruderschaft ist bürgerlich, konservativ und fromm - damit liegt er im neuen Ägypten voll im Trend. Der Arzt, der sich über Jahrzehnte als Regimegegner einen Namen machte, hatte sich im vergangenen Sommer ohne die Zustimmung seiner Organisation als unabhängiger Kandidat ins Spiel gebracht und wurde daraufhin ausgeschlossen: Die Muslimbrüder hatten damals vereinbart, keinen eigenen Bewerber zu benennen. Abu al-Futuh gibt sich moderat. Trotzdem unterstützt die Partei der radikalislamistischen Salafisten die Kandidatur des 60-Jährigen, nachdem ihr eigener Bewerber von der Wahlkommission ausgeschlossen wurde. Seine Kritiker befürchten, dass er nach einem Wahlsieg das moderate Gehabe ablegen und zu seinen islamistischen Wurzeln zurückkehren könnte.
  • Mohammed Mursi: Die Muslimbruderschaft hatte ursprünglich behauptet, sie wolle gar keinen eigenen Kandidaten aufstellen, zauberte dann aber doch noch einen Kandidaten aus dem Hut. Als dieser aus formalen Gründen von der Wahlkommission ausgeschlossen wurde, sprang Mursi ein. Der ganz und gar nicht charismatisch wirkende Ingenieur wird in Ägypten seither als "Reserverad" verspottet. Unabhängig von seiner Person könnten Millionen Anhänger der Bruderschaft ihm jedoch noch zu einem Überraschungserfolg verhelfen. Mursi gehört dem konservativen Flügel der Bewegung an. In Abgrenzung zu seinem Konkurrenten Abu al-Futuh wirbt er für eine "islamische Renaissance". Bei der Wahlkampfveranstaltung am Sonntag versuchte er Ängste seiner Gegner zu zerstreuen, als er versprach, im Falle eines Wahlsiegs keine "Theokratie" errichten zu wollen.
  • Ahmed Schafik: Nach einer Karriere bei der Luftwaffe wurde Schafik 2002 von Mubarak zum Minister für Zivilluftfahrt ernannt. Da sein Ruf weniger schlecht war als der anderer korrupter Personen des alten Regimes, versuchte Mubarak ihn im Januar 2011 als Kompromiss-Kandidaten zum neuen Regierungschef zu machen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Mubarak trat schließlich zurück. Der Oberste Militärrat, der im Februar die Macht übernahm, setzte Schafik am 3. März wieder ab. Aus Sicht der sogenannten Revolutionsjugend ist auch Schafik ein "Überbleibsel des alten Regimes". Andere Ägypter, die sich über die Unsicherheit auf den Straßen sorgen, sehen ihn hingegen als möglichen Garant von Recht und Ordnung. Der 70-Jährige gilt als Kandidat des Militärs, das ihn angeblich benutzen will, um seine Pfründe zu sichern.

  • Hamdien Sabahi: Der charismatische Gründer der sozialistisch-nationalistischen "Partei der Würde" ist der einzige bekannte Kandidat mit einem klaren linken Profil. Sabahi kommt aus einfachen Verhältnissen. Der ehemalige Parlamentarier hat wegen seiner politischen Aktivitäten im Gefängnis gesessen. Er wirbt um Wählerstimmen, indem er sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Er könnte die Stimmen der revolutionären Jugend und der um ihren Arbeitsplatz bangenden Millionen Ägypter im Staatsdienst gewinnen. Sabahi tritt als unabhängiger Kandidat an und hat viele Unterstützer in der unteren Mittelschicht.

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1. sicher...
gast2011 22.05.2012
eine bereicherung für die zukunft und ein segen für alle christen in ägypten *ironie aus*
2. Islamisten
Woody.Woodpecker 22.05.2012
Prima, dann hat es ja wirklich etwas gebracht, Mubarak zu verjagen :-(
3. wie war das nochmal...?
neu_ab 22.05.2012
... mit dem "arabischen Frühling", Demokratie etc.? So wurde es in den Medien anfänglich verkauft. Nur sind bisher alle diese Länder zu Schariastaaten geworden, also dem Gegenteil von Demokratien.
4. Ein Iran mehr
qranqe 22.05.2012
Ja, wer hätte das gedacht? Es werden in Nordafrika nun ein neuer Iran nach dem anderen entstehen - direkt vor unserer Haustür. Ich bin ja so froh, dass es die Gutmenschen und ihre große Demokratisierungsbewegung gibt!
5.
rbsch 22.05.2012
Zitat von Woody.WoodpeckerPrima, dann hat es ja wirklich etwas gebracht, Mubarak zu verjagen :-(
Genau das dachte ich auch! Die armen Leute, die für die Freiheit gekämpft und gelitten haben... ich hoffe, sie halten den Druck auf die Regierung aufrecht und sorgen dafür, dass sie ihre Rechte respektiert und gut regiert. Wenn "Islamisten" die Wahlen gewinnen sollten, heißt es ja nicht automatisch, dass dort auch das Mittelalter einkehrt. Hoffe ich zumindest... Außerdem gibt es ja noch den Militärrat, Ägypten ist ja noch recht weit davon entfernt, eine Demokratie zu sein. Die neue Verfassung muss noch erstellt werden etc.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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