Frauenbewegung in Ägypten: "Es wird eine zweite Revolution geben"

Aus Kairo berichtet Nicola Abé

Der Sturz von Ägyptens Diktator Husni Mubarak brachte der Frauenbewegung Auftrieb. Doch ihre Erfolge werden jetzt schon wieder durch die Macht der Islamisten bedroht - sogar die brutale Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung scheint wieder auf dem Vormarsch.

Ägyptische Bloggerin al-Mahdi (Mitte) und Femen-Aktivistinnen in Stockholm: Protest gegen Verfassungsentwurf Zur Großansicht
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Ägyptische Bloggerin al-Mahdi (Mitte) und Femen-Aktivistinnen in Stockholm: Protest gegen Verfassungsentwurf

Noch im Kairoer Ramses-Bahnhof, der Zug in Richtung Alexandria rollte schon, da zog sich Hanan Musallam ihren Hidschab vom Kopf. Es war ein komisches Gefühl, der Fahrtwind rauschte ihr durchs Haar. Sie fühlte sich nackt. "Schließlich bin ich in den letzten 15 Jahren nur verschleiert auf die Straße gegangen", erzählt sie. Es ist Freitag, einige Monate nach dem Sturz des Diktators Husni Mubarak. Musallam, damals 29 Jahre alt, ist auf dem Weg zu einer Sufi-Zeremonie in der Abu-al-Abbas-al-Mursi-Moschee. Sie will ihre persönliche Befreiung feiern: ein Leben ohne Kopftuch. Sie sagt: "Der Geist der Revolution hatte mich inspiriert."

Als die Ägypter vor knapp zwei Jahren den Tahrir-Platz zum Zentrum ihres Protests machten, waren Tausende Frauen ganz vorne mit dabei, sie kämpften und starben an der Seite der Männer. Die ägyptische Frauenunion, die unter Mubaraks Herrschaft verboten war, gewinnt seitdem ständig an Mitgliedern. Doch in dieser Woche stimmt das Volk über eine neue Verfassung ab, die fast ausschließlich von männlichen Islamisten entworfen wurde und für die Ägypterinnen einen großen Rückschritt bedeuten könnte.

Tausende Beschwerden über Manipulationsversuche

Der Menschenrechtsanwalt Hossam Bahgat ist besonders beunruhigt wegen der Paragrafen, die in der Verfassung fehlen. "Es wird nicht explizit aufgeführt, dass Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder Ethnie verboten ist."

Die Scharia, das islamische Recht, dient als Grundlage der Gesetzgebung, ausgelegt von einer religiösen Institution, der Ashar-Universität, der damit große Macht zukommt. "Es gibt dort einen Rat der Ältesten, er besteht aus 20 Männern. Alle sind sunnitische Muslime. Keiner von ihnen ist demokratisch gewählt."

Zusätzlich schreibe die Verfassung dem Staat eine Rolle als moralischer Wachhund zu, die ihn dazu ermächtige, bis ins Familienleben hinein Normen zu definieren, sagt Bahgat. Der Anwalt weist auf eine Bestimmung im zweiten Kapitel des Entwurfs hin: "Dieser Blanko-Paragraf unterwirft alle persönlichen Rechte und Freiheiten dem Staat. Sie gelten nur, wenn sie seinen Grundlagen entsprechen."

Schon nach der ersten Runde des Referendums über die Verfassung am vergangenen Samstag gab es Tausende Beschwerden über Manipulationsversuche und Fälschungen der Abstimmung. Und obwohl unerwartet viele Menschen gegen das Dokument stimmten, zeigen sich die Muslimbruderschaft und die Regierung von Präsident Mohammed Mursi siegesgewiss.

Feministin auf der Todesliste der Islamisten

Ein Apartmenthaus im Kairoer Viertel Shubra, die Wände im Treppenhaus sind unverputzt. Eine kleine, weißhaarige Dame in blauen Ballerina-Schuhen öffnet die Tür. Es ist Nawal al-Saadawi, 82 Jahre alt, die bekannteste Feministin des Landes, auf der Todesliste der Islamisten steht sie ganz oben. "Was wir gerade erleben, ist die Abschaffung der Revolution", sagt sie. "Ich habe das so nicht erwartet." Saadawi nimmt in einem geblümten Sessel Platz. Seit ihrer Kindheit habe sie vom Aufstand gegen das Regime geträumt, zusammen mit den jungen Leuten stand sie immer wieder am Tahrir-Platz und protestierte. "Wir werden über den Tisch gezogen. Erst kamen die verfrühten Parlamentswahlen, jetzt die verfrühte Verfassung."

Sie sehe vor allem die religiösen Bezüge als Gefahr. "Wir brauchen säkulare Gesetze." Ob Christentum oder Islam, Religionen seien patriarchal strukturiert und patriarchale Systeme dienten schlicht dem Zweck, die Frau zu kontrollieren und für die Interessen der Männer auszunutzen. "In islamischen Ländern zeigt sich die Unterdrückung an materiellen Dingen wie etwa dem Kopftuch", sagt sie, "im Westen ist sie eher psychologischer Art."

Saadawi ist vor ein paar Tagen aus den USA zurückgekehrt, wo sie Vorlesungen an der Universität von Wisconsin hielt. Ihr nächster Termin: eine internationale Konferenz in Nairobi. Sie kann es sich aber nicht vorstellen, ihre Heimat ganz zu verlassen. "Die frommen Islamisten haben jetzt ihr wahres Gesicht gezeigt. Die Menschen fangen an, sie zu hassen", sagt Saadawi. Das sei gut so. Sie ist überzeugt: "Es wird eine zweite Revolution geben."

Sogar die Beschneidung kommt zurück

Amani al-Tunsi, Gründerin der Girls Only Radio Station, blickt weniger optimistisch in die Zukunft. Schon zu Mubaraks Zeiten galt sie als unerwünschte Person, wurde mehrmals vom Geheimdienst verhört. In ihren Sendungen diskutierte sie über Tabuthemen, zum Beispiel über sexuelle Belästigung und die nach wie vor weitverbreitete Beschneidung von Mädchen, die seit 2008 in Ägypten offiziell verboten ist. Bis heute wird der seit pharaonischen Zeiten bekannte Brauch an der Mehrheit der Ägypterinnen - Musliminnen und Christinnen - vollzogen. Verschiedenen Schätzungen zufolge sind mehr als 90 Prozent der verheirateten Frauen beschnitten. "In letzter Zeit werden sogar wieder mehr Mädchen verstümmelt", sagt al-Tunsi. Ihr selbst wurde im Alter von sieben Jahren in ihrem Kinderzimmer von einem Arzt die Klitoris entfernt, während zwei Nachbarinnen sie festhielten. "Ich war bei vollem Bewusstsein. Dieses Erlebnis verfolgt mich jeden Tag."

Zwar hat sogar der ägyptische Großmufti in einer Fatwa, einem religiösen Rechtsgutachten, klargestellt, dass die weibliche Genitalverstümmelung nicht mit den Werten des Islam konform sei. Die grausame, mittelalterliche Praxis geht für die Betroffenen mit psychischen und sexuellen Problemen einher und kann bei Schwangerschaft und Geburt zu erheblichen Schwierigkeiten führen. Dennoch forderten Vertreter aus dem Umfeld der Salafisten und Muslimbrüder bereits wieder die Legalisierung der weiblichen Beschneidung.

Verschiedene Medien und der nationale Frauenrat berichten von mehreren Fällen, in denen die medizinischen Karawanen der Bruderschaft, die mit Bussen in ländliche Regionen fahren, weibliche Beschneidungen zum Preis von je bis zu 30 ägyptischen Pfund als "Gesundheitsdienst" angeboten hätten.

Amani al-Tunsi selbst wird seit der Revolution beschimpft und bedroht. "Sie sagen, ich sei keine gute Muslimin und dass sie mich bestrafen wollen." Al-Tunsi ist deswegen umgezogen und verrät niemandem ihre neue Adresse, auch nicht ihren Freunden. "Für mich persönlich hat diese Revolution nichts Gutes gebracht", sagt sie, "wir sind von einem Übel ins nächste gerutscht."

Leben ohne Schleier

Mehr als ein Jahr nachdem Hanan Mussalam ihren Hidschab abgelegt hat, sitzt sie in einem Straßencafé im Kairoer Nobelviertel Samalek. Sie trägt silberne Kreolen an den Ohren und hat ihr Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden.

"Die ersten Monate waren schlimm", erzählt sie, "ich hatte ständig das Gefühl, beobachtet zu werden." Um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, habe sie ihr Haar nie offen getragen. "Es war fast eine Art Paranoia", sagt sie, "mein eigener Körper machte mir Angst."

Inzwischen ist Mussalam noch einmal nach Alexandria gereist, um den Tag ihrer Entscheidung zu feiern. Sie habe noch einmal jene Sufi-Zeremonie besucht und erleichtert festgestellt, dass sie noch dieselbe Verbindung zu Gott gefühlt habe.

Inzwischen genießt Mussalam ihr Leben ohne Schleier, sagt sie. Sie sei jetzt frei. Unter keinen Umständen wolle sie den Hidschab wieder tragen. "Damals war es eine ganz persönliche Entscheidung", sagt Mussalam, "aber jetzt könnte sie politisch werden".

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insgesamt 155 Beiträge
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1. die Herren der
Luna-lucia 21.12.2012
Zitat von sysopDer Sturz von Ägyptens Diktator Husni Mubarak brachte der Frauenbewegung Auftrieb. Doch ihre Erfolge werden jetzt schon wieder durch die Macht der Islamisten bedroht - sogar die brutale Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung scheint wieder auf dem Vormarsch. Ägypten: Frauenbewegung gerät durch Macht der Islamisten in Defensive - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-frauenbewegung-geraet-durch-macht-der-islamisten-in-defensive-a-874145.html)
Islamisten Religion, scheinen völlig vergessen zu haben, dass sie von Frauen geboren worden sind! Und! ihre Milch getrunken haben! Sonst wäre keiner von diesen ... am Leben. Und Frauen verstümmeln - geht’s noch!? In welcher Sure steht denn so was? Männlein, denkt mal an zwei rote Ziegelsteine, und dann noch ein wenig weiter ... tut's weh?
2. ...
krsone 21.12.2012
Religiösem darf nur auf eine Art und Weise begegnet werden: Ignoranz
3. Was denn?
prospektor 21.12.2012
Tja das alte kulturelle Dilemma. Die Frauenunterdrückung ist doch religiös begründet und eine jahrtausendealte Tradition. Das kann man doch wohl - wie die Genitalverstümmelung an Jungen - auch hierzulande dulden, von anderen Ländern ganz zu schweigen.
4. optional
gafreisberg 21.12.2012
Jeder der fuer laengere zeit in einem islamistischen land gelebt hat weiss, das die unterdrueckung der frau die haupt attraktion des islam ist. Millionen von ungebildeten maennern in afrika und asien werden moslems nur aus diesem grund. Ich wage zu bahaupten, dass bei einer gleichstellung der frau der islam 75 prozent seiner anhaenger verlieren wuerde. Ein guter grund fuer die atholische kirche frauen in ihrer hierarchie aufzunehmen. Aber das ist ja auch ein eingefleischter maennerclub.
5. Säkularisierung
darthmax 21.12.2012
Solange das Militär sich nicht gegen die nIslamisten wendet, gegen die Muslimbruderschaft, solange haben die Ägypter, die sich nicht von der Religion unterdrücken lassen wollen, keine Chance Da den Religionsfanatikern Gott zur Seite steht ist Ihnen der Einsatz von Gewalt genehm die sie zur Unterdrückung ohne Gewissensbisse einsetzen.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite


Streit über Ägyptens Verfassung
Artikel 4
"Das ehrenhafte Azhar-Institut ist eine unabhängige islamische Institution und eine Universität. Es organisiert seine Angelegenheiten komplett selbst und betreibt die Verbreitung des Islams, der Religionswissenschaften und der arabischen Sprache in Ägypten und in der Welt. Die Meinung der obersten Religionsgelehrten des ehrenhaften Azhar-Instituts wird eingeholt in Angelegenheiten, die das islamische Recht ("Scharia") betreffen. (…)"

Kritik: Richter, Christen und säkulare Parteien sind dagegen. Sie wollen, dass wie bisher die Richter, die in Ägypten auch islamisches Recht studiert haben, für die Auslegung der Scharia zuständig sind. Sie befürchten, dass die Religionsgelehrten zu einer "vierten Gewalt" mit großem Einfluss auf die Gesetzgebung werden.
Artikel 55
"Die Beteiligung des Bürgers am öffentlichen Leben ist eine nationale Pflicht. Jeder Bürger hat das Recht, zu wählen und zu kandidieren und seine Meinung in Volksabstimmungen zum Ausdruck zu bringen. Und das Gesetz regelt die Ausübung dieser Rechte. (...) Wenn die staatlichen Stellen Einfluss auf die Wahlen nehmen, dann stellt dies ein Verbrechen dar."

Kritik: Den Gegnern geht dieser Artikel nicht weit genug. Sie wollen, dass außer den staatlichen Institutionen die Parteien in die Pflicht genommen werden. Zudem fordern sie, dass die Bestechung von Wählern mit Geld oder Sachspenden und der Missbrauch der Gotteshäuser im Wahlkampf ausdrücklich verboten werden.
Artikel 128
"Der Schura-Rat wird gebildet von 150 Abgeordneten. Sie werden bestimmt in geheimer, direkter und allgemeiner Wahl. Der Präsident darf Mitglieder des Schura-Rats ernennen. Die Anzahl der von ihm ernannten Mitglieder darf zehn Prozent der Gesamtzahl der Abgeordneten jedoch nicht überschreiten."

Kritik: Viele Ägypter sind der Auffassung, dass diese zweite Kammer des Parlaments überflüssig und teuer ist und abgeschafft werden sollte.
Artikel 232
"Den führenden Funktionären der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) ist es verboten, sich politisch zu betätigen. Sie dürfen bei den Präsidenten- und Parlamentswahlen nicht kandidieren. Dieses Verbot gilt für zehn Jahre beginnend vom Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Verfassung."

Kritik: Nicht nur ehemalige Mitglieder der Partei des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, auch einige unabhängige Persönlichkeiten sind der Meinung, dass man nicht alle NDP-Funktionäre über einen Kamm scheren solle. Sie werfen den Islamisten vor, sich mit diesem Artikel ihrer politischen Rivalen entledigen zu wollen. Die sogenannte Revolutionsjugend, die insgesamt gegen den Verfassungsentwurf ist, hat mit diesem Artikel jedoch kein Problem.