Massenproteste in Ägypten: Mursis Gegner rebellieren auf Tahrir-Platz

AP

Krankenhäuser sind in Alarmbereitschaft, aus Angst vor Gewalt gehen Tausende Menschen nicht zur Arbeit: Gegner von Ägyptens Präsident wollen ihn mit Massenprotesten zum Rücktritt zwingen. Konflikte mit Mursis Unterstützern sind unausweichlich.

Kairo - Die Bilder ähneln denen von Anfang 2011: Damals versammelten sich Tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, um gegen Ägyptens langjährigen Machthaber Husni Mubarak zu protestieren. Nun haben sich auf dem Platz erneut Demonstranten versammelt - sie wollen sich an den geplanten Massenprotesten gegen Präsident Mohammed Mursi beteiligen.

Die Regierungskritiker campierten am Sonntagmorgen in Zelten auf dem Platz. Auf Spruchbändern bekundeten sie ihre Wut auf Mursi. Seine Kritiker werfen ihm vor, allein den Interessen der islamistischen Muslimbruderschaft, aus deren Reihen Mursi stammt, zu dienen. Zudem will Mursi in den Augen seiner Kritiker die Gesetzgebung nach den Prinzipien des Islam verändern. Dies sehen seine Gegner als Verrat an der Revolution von 2011 an.

Die Gegner des Präsidenten fordern seinen Rücktritt und eine vorgezogene Präsidentschaftswahl. Die Muslimbruderschaft lehnt dies ab. Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Präsidentschaftskandidat Mohamed ElBaradei warnte vor einem Auseinanderbrechen des Landes. In einer Videobotschaft forderte er Neuwahlen und sagte mit Blick auf Mursi: "Wir haben ihm einen Führerschein gegeben, aber er kann nicht Auto fahren."

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Massenproteste von Mursi-Gegnern: Angespannte Lage in Ägypten

Die Großdemonstrationen markieren den Abschluss der Anfang Mai gestarteten Kampagne Tamarod (Rebellion). Die Initiatoren haben nach eigenen Angaben über 22 Millionen Unterschriften von Bürgern gegen Mursi gesammelt - Unterstützer Mursis bezweifeln dies. Ziel von Tamarod war es, mehr Unterschriften zu bekommen, als der Islamist Wählerstimmen erhalten hatte. Bei der Wahl vor einem Jahr hatte sich Mursi mit 13,2 Millionen Stimmen knapp durchgesetzt.

Soldaten und Polizisten vor wichtigen Gebäuden

Im Lauf des Sonntags sollen landesweit Massenkundgebungen stattfinden. Die für den späten Sonntagnachmittag geplanten Demonstrationszüge sollten in Kairo auf dem zentralen Tahrir-Platz und vor dem Präsidentenpalast münden. Auch in anderen Landesteilen sind Proteste geplant. Überall im Land wurden Polizisten und Soldaten vor wichtigen Gebäuden stationiert, um diese vor Demonstranten zu schützen.

Tausende von Gegnern der islamistischen Regierung sind aus der Provinz nach Kairo gereist, um die Proteste gegen die Muslimbruderschaft zu unterstützen. Das Nachrichtenportal youm7 meldete, die Organisatoren der zentralen Kundgebung auf dem Tahrir-Platz hätten die Straßen rund um den Platz am Sonntagmorgen mit Metallgittern und Sandsäcken abgesperrt.

Laut dem Gesundheitsministerium wurden die Krankenhäuser in Alarmzustand versetzt. Viele Menschen gingen aus Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen nicht zur Arbeit. Tausende von Ausländern hatten Kairo am Samstag verlassen.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte es in Kairo und anderen Städten Demonstrationen von Gegnern und Anhängern Mursis gegeben. Acht Menschen wurden dabei getötet, allein am Freitag gab es drei Tote.

ulz/dpa/AFP

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1. Cool
stopfiatmoney 30.06.2013
Westliche Medien wissen noch nicht, ob sie Mursi jetzt "gut finden sollen" oder nicht. Auf der einen Seite hat er so brav mit der Syrien-Agenda pariert. Und so brav nicht gegen Mubarak rebelliert. Auf der anderen Seite sind da diese Blogger und Studentinnen. Was tun? Vorschlag- schließt Euch doch einfach den westlichen Politikern mit ihren Saudi-Freunden an= die werden demnächst die gute, alte Hardcore-Militärdiktatur installieren. Und als Danken werden zigtausend Christen gemeuchelt. Die Blogger werden einfach verschwinden, einfach nie wieder berichten.
2.
London_Riot 30.06.2013
Zitat von stopfiatmoneyWestliche Medien wissen noch nicht, ob sie Mursi jetzt "gut finden sollen" oder nicht. Auf der einen Seite hat er so brav mit der Syrien-Agenda pariert. Und so brav nicht gegen Mubarak rebelliert. Auf der anderen Seite sind da diese Blogger und Studentinnen. Was tun? Vorschlag- schließt Euch doch einfach den westlichen Politikern mit ihren Saudi-Freunden an= die werden demnächst die gute, alte Hardcore-Militärdiktatur installieren. Und als Danken werden zigtausend Christen gemeuchelt. Die Blogger werden einfach verschwinden, einfach nie wieder berichten.
Vor lauter Revolutionen in Nord Afrika weiss der Westen nicht wie er jetzt mit all den jungen Demokraten umgehen soll. Man hat ja damals der Menge versprochen,dass wenn Mubarak gestürzt wird,dann wird in Ägypten alles aufblühen...Wirtschaft braucht man nicht und die Touristen auch nicht...wir müssen dieser Horde am Tahrir-Platz erklären,dass sie erst in etwa 30 jahren wieder so leben werden wie unter Mubarak,als wenigstens die Wirtschaft etwas Geld in die Kassen gespült hat(ja richtig,viele am Tahrir wünschen die Mubarak Zeiten zurück,als überall Korruption herrschte aber wenigstens gab es Frieden und Brot auf dem Tisch und man wusste woran man ist. Jetzt droht Ägypten das gleiche Schicksal wie Irak und Mursi hat nicht umsonst alle NGOs in Ägypten verboten unter anderem deutsche K.A.S. die fleissig Geld an Demonstranten verteilt haben,damit sie nicht umsonst am Tahrir-Platz demonstrieren...
3.
enni3 30.06.2013
Zitat von stopfiatmoneyWestliche Medien wissen noch nicht, ob sie Mursi jetzt "gut finden sollen" oder nicht. Auf der einen Seite hat er so brav mit der Syrien-Agenda pariert. Und so brav nicht gegen Mubarak rebelliert. Auf der anderen Seite sind da diese Blogger und Studentinnen. Was tun? Vorschlag- schließt Euch doch einfach den westlichen Politikern mit ihren Saudi-Freunden an= die werden demnächst die gute, alte Hardcore-Militärdiktatur installieren. Und als Danken werden zigtausend Christen gemeuchelt. Die Blogger werden einfach verschwinden, einfach nie wieder berichten.
Hier muss ich ganz stark widersprechen. Einerseits verteidige ich zwar vielerorts die ägyptische Bevölkerung, andererseits haben die Kopten in Ägypten ein viel größeres Problem seit Mubarak nicht mehr an der MAcht ist. Mangels Bildung setzt sich dort eher ein Pöbel durch, der auch in dieser Art und Weise agiert. Lynchende Rotten ersetzen staatliche Kontrolle, weil Mursi und Co mehr als nur bereitwillig wegsehen. Ich weiß bis heute nicht, welchen Vorteil es gebracht hat einen weitesgehend säkularen Diktator durch einen religiös fanatischen Diktator zu ersetzen, der zwar demokratisch gewählt aber in seinen Machtphantasien einem Mubarak in nichts nachsteht. Auf die Straße gehen momentan die eher gebildeten Leute, die, zwar selber religiös, eher liberale und humanistische Gedanken vertreten.
4. Bürgerkrieg?
reisendermünchner 30.06.2013
Mit Glück gibt es keinen Bürgerkrieg und Mursi gibt Neuwahlen bekannt! Wie in den meisten Fällen wird er vermutlich jedoch seine Macht verteidigen, denn was man hat gibt man nicht mehr her! Das Land braucht schnell Ruhe und die Menschen ihre Grundrechte sonst wird es schnell zum neuen Syrien! Denn wer nichts hat, kann nichts verlieren! Nur im Südosten gibt es noch Perspektiven durch Tourismus, doch das ist schnell vorbei!
5. Demokratie und islamisierter Staat? Geht nicht!
ugwinkler 30.06.2013
Ich denke, Islam und Demokratie vertragen sich spätestens in dem Moment nicht mehr, wenn der Staat nach religiösen Grundsätzen ausgerichtet werden soll. Da gibt es eine Koexistenz nur dann, wenn man den Staat strikt weltlich hält und dann die Ausübung von Religion gewährleistet. Das ist genau der Konflikt, der z.Zt. auch die Türkei zerreisst. Sobald sich Islamismus politisch durchsetzt, ist er geradezu gezwungen, die Demokratie abzuschaffen. Oder wäre es etwa dankbar, in einer Islamischen Republik die Islamische Ausrichtung demokratisch wieder abzuschaffen? Im Leben nicht! Denn der erste politische Schritt einer solchen Republik wären Beschlüsse. die eben dies ausschließen. So eine Entwicklung hatten wir in Deutschland übrigens auch schon mal mit einer Anfangs demokratisch gewählten Regierung, die dann als erstes dafür sorgte, dass sie nicht wieder abgewählt werden konnte.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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