Gesetz gegen Atheisten Ägypten erklärt Nichtgläubige zur Gefahr fürs Land

Knapp 900 Nichtgläubige soll es in Ägypten geben. Die Regierung betrachtet sie als Gefahr für die ganze Gesellschaft. Mit einer Kampagne heizt Staatschef Sisi nun die Stimmung vor der Präsidentenwahl 2018 an.

Ägypter mit Koran und Kreuz (2012)
REUTERS

Ägypter mit Koran und Kreuz (2012)

Von Alexandra Köhler


Amr Hamroush hat Großes vor: Der Chef des Ausschusses für Religion im ägyptischen Parlament will künftig alle Landsleute bestrafen, die nicht an Gott glauben. Einen entsprechenden Gesetzentwurf zur "Kriminalisierung des Atheismus" arbeite er derzeit aus, hat Hamroush verkündet.

"Atheismus muss unter Strafe gestellt werden, weil Atheisten keinen Glauben haben und weil sie die abrahamitischen Religionen beleidigen", sagt Hamroush. Mit seiner Vorlage reagiere er auf die angebliche Ausbreitung des Atheismus in der ägyptischen Gesellschaft. "Wenn jemand die Religion verlässt, an die er geglaubt hat, bedeutet das eine Verachtung aller Religionen", argumentiert der Politiker.

Hamroushs Gesetzesinitiative erfolgt zeitgleich mit einer groß angelegten Polizeikampagne gegen Atheisten in Ägypten. In der vergangenen Woche verhafteten die Behörden den Administrator einer Facebook-Seite für Atheisten. Er wird angeklagt, weil er den Koran verzerrt dargestellt und beleidigt haben soll. Zudem nahmen sie den Social-Media-Aktivisten "Khoram" fest. Die Justiz wirft dem Mann vor, er gehöre der verbotenen Muslimbruderschaft an. Er selbst bezeichnet sich aber als Atheist. Wie ein Ungläubiger gleichzeitig Mitglied einer islamistischen Organisation sein kann - diese Erklärung sind die Ermittler bislang schuldig geblieben.

Das Gesetz öffnet der Willkür Tür und Tor

Viele Parlamentsabgeordnete und Mitglieder der Azhar-Universität, der wichtigsten religiösen Institution Ägyptens, unterstützen sowohl diese Kampagne der Sicherheitskräfte als auch Hamroushs Gesetzesinitiative. "Die Ausbreitung des Atheismus ist Ausdruck von Dekadenz und fehlendem Glauben und bedroht die gesamte Gesellschaft", sagt der Abgeordnete Mustafa Bakri. "Es ist notwendig, Gesetze zu erlassen, die Bürger davon abhalten, die natürlichen Instinkte des Menschen zu verletzen und jene zu bestrafen, die vom Atheismus verführt werden", sagt auch Mohamed Zaki, Chef des Obersten Rats für islamische Missionierung an der Azhar-Universität.

Offizielle Angaben zur Zahl der Nichtgläubigen in Ägypten gibt es nicht. Aber die Azhar-Universität bezifferte die Zahl der Atheisten 2014 auf exakt 886 - bei insgesamt fast hundert Millionen Einwohnern. Wie sie auf diesen Wert kamen, erklärten die Verantwortlichen nicht.

Auch ist unklar, wie der ägyptische Staat herausfinden will, ob ein Bürger an Gott glaubt oder nicht. Reicht künftig schon ein laut geäußerter Zweifel an der göttlichen Allmacht? Sollen Muslime bestraft werden, die im Ramadan nicht fasten? Was passiert mit Christen, die den koptischen Papst kritisieren? Klar scheint nur, dass das geplante Gesetz der Willkür Tür und Tor öffnen würde.

Minderheiten ohne Lobby sind ein leichtes Ziel

Nach außen präsentiert sich Präsident Abdel Fattah el-Sisi als Förderer eines Dialogs zwischen den Religionen und als Unterstützer eines "moderaten Islams". Doch er nutzt gleichzeitig jede Gelegenheit, um die Emotionen gläubiger Muslime und Christen anzuheizen.

Die Kampagne gegen Atheisten ist deshalb ebenso wie eine im November verkündete Initiative, Homosexualität offiziell unter Strafe zu stellen, vor dem Hintergrund der anstehenden Präsidentenwahlen im Frühjahr 2018 zu sehen. Das Regime fürchtet mangels glaubwürdiger Gegenkandidaten eine niedrige Wahlbeteiligung - das könnte im Ausland Zweifel an der Legitimation Sisis aufkommen lassen. Deshalb unternimmt man nun den Versuch, jede Stimme für Sisi als Stimme gegen Atheismus und Homosexualität darzustellen und die Menschen so an die Urnen zu bekommen.

Kleine Minderheiten ohne Lobby - Atheisten, Schwule, Lesben - sind für die Regierung ein leichtes Ziel. Indem das Regime sie als Gefahr für das Wohlergehen des Landes hinstellt, kann der Staat gleichzeitig von seinem Versagen in anderen Politikbereichen - etwa der Terrorbekämpfung oder der wirtschaftlichen Entwicklung ablenken. Bislang scheint der Plan aufzugehen, der Umgang mit den Ungläubigen wird in den Medien breit diskutiert.



insgesamt 117 Beiträge
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hadriani 30.12.2017
1. Ägypten wird zur Katastrophe
Dieses Land reiht sich ein in die Staaten, zu denen sinnvollerweise mit einer Reisewarnung ein Zeichen gesetzt wird. Es ist nicht mehr länger hinnehmbar, solchen religiösen Fanatismus durch Urlaubsreisen zu unterstützen. Wie bereits in einer anderen Meldung berichtet, sind schwule Urlaubsreisende in diesem Land nicht mehr sicher. Es ist nunmehr die Bundesregierung gefordert entsprechende diplomatischen Wege zu beschreiten. Nähern wir uns immer mehr einem religiös-fundiertem Faschismus?
Taktische Gnade 30.12.2017
2.
Religiöse Gefühle und Überzeugungen, auch die Abwesenheit selbiger, sind ja nun eigentlich Privatsache. Die Totalitären bedienen diesen Hebel natürlich gerne, wenn sie ihren unrechten Umverteilungsstaat legitimieren wollen.
ronalds 30.12.2017
3. Mittelalter
Kein Wunder, dass Länder wie Ägypten nie voran kommen. Ein Mittelalterliches Denken gebart mit männlich dominiertem Machtgehabe und das im Namen einer Religion, die zum Vorteil für das männliche Geschlecht interpretiert wird.
NewHuman 30.12.2017
4. Gewalt gegen Schwache
Was können ich und viele andere als Atheisten von Glück sagen, in Deutschland zu leben. Das ist übelster Staatsrassismus (im heutzutage ja üblicherweise aufgeweichten Sinn von "Rassismus"). In Ägypten herrscht nicht nur Homosexuellen sondern auch Frauen und insgesamt allen "Schwachen" (Minderheiten) in der Gesellschaft gegenüber ein Klima der Gewalt. Ist überall nachzulesen. Wo bleibt der Aufschrei gegen diesen staatlichen Rassismus und Chauvinismus nach innen?
elkemeis 30.12.2017
5. Eigentor!
Danke Mr. Hamroush. Wir werden unsere langersehnte und für nächstes Jahr geplante dreiwöchige Kulturreise nach Ägypten streichen. Ägypten braucht ebenso wie der Rest der Welt nicht noch mehr dummgläubige Religionsfanatiker, sondern mehr Wissen und mehr Verstand. Da beides in Ägypten offenbar nicht mehr erwünscht ist, werden wir uns andere Reiseziele suchen. Wir brauchen Ägypten nicht, aber Ägypten braucht Touristen. Ägypten schneidet sich ins eigene Fleisch!
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