Abstimmung über Verfassung: Großer Andrang bei Referendum in Ägypten

Der erste Tag des Referendums in Ägypten verlief weitgehend friedlich. Die Opposition wirft den Muslimbrüdern jedoch Manipulationen vor. Mit der Abstimmung will die Regierung ihren Verfassungsentwurf absegnen lassen, der die Rolle des Islams in Politik und Gesellschaft weiter ausbaut.

Warteschlange vor Wahllokal in Kairo: 300.000 Sicherheitskräfte im Einsatz Zur Großansicht
AP

Warteschlange vor Wahllokal in Kairo: 300.000 Sicherheitskräfte im Einsatz

Kairo/Berlin - Millionen Ägypter haben am ersten Tag des umstrittenen Verfassungsreferendums ihre Stimme abgegeben. In mehreren Provinzen war der Andrang sogar so groß, dass die Wahllokale zwei Stunden länger geöffnet blieben als zunächst geplant.

An diesem Samstag waren zunächst etwa 26 Millionen Wahlberechtigte in zehn Provinzen aufgefordert, über den von Präsident Mohammed Mursi vorgelegten Verfassungsentwurf abzustimmen. Dieser sieht eine größere Rolle des Islams in Politik und Gesellschaft Ägyptens vor. So sollen die Scheichs der sunnitischen Azhar-Universität ein Mitspracherecht bei der Gesetzgebung haben und auch in alle anderen wichtigen Streitfragen einbezogen werden.

Das könnte - bis ins Privatleben hinein - zu einer strengeren Auslegung der Scharia führen, die die wichtigste Quelle der Gesetzgebung bleibt. Journalisten befürchten eine Einschränkung der Pressefreiheit. Ein breites Bündnis aus säkularen und liberalen Kräften sowie der große Mehrheit der ägyptischen Christen lehnt den Verfassungsentwurf daher ab und hat die Bürger aufgerufen, mit "Nein" zu stimmen.

Die Auseinandersetzung um die Verfassung ist Teil eines seit Monaten lodernden Machtkampfes zwischen Islamisten und Liberalen. Bei Zusammenstößen zwischen beiden Lagern sind in dn vergangenen Wochen Dutzende Menschen getötet worden.

Nach offiziellen Angaben sicherten deshalb etwa 300.000 Soldaten und Polizisten die Abstimmung. Mehrere tausend Juristen überwachten die Rechtmäßigkeit des Referendums. Da viele Richter aus Protest über Mursis Verfassungsentwurf ihre Mitarbeit an der Abstimmung verweigerten, findet das Referendum in zwei Etappen statt. Am kommenden Samstag sind weitere 25 Millionen Ägypter in 17 Provinzen zur Wahl gerufen.

Richter kritisiert Wahlzettel

Der erste Abstimmungstag verlief weitgehend friedlich. Nur aus der Industriestadt Mahalla wurden Zusammenstöße zwischen Anhängern der Muslimbrüder und Oppositionellen gemeldet. In mehreren Wahllokalen in Kairo und Alexandria sollen Islamisten die Wähler angewiesen haben, mit "Ja" zu stimmen."

"Das Ausmaß der Manipulationen zeigt den klaren Willen der Muslimbrüder, den Willen der Wähler zu verfälschen, um die Verfassung der Bruderschaft durchzubringen", erklärte am Samstag die Nationale Heilsfront, in der die wichtigsten liberalen und säkularen Oppositionsparteien zusammengeschlossen sind.

In der Tageszeitung "al-Masri al-Jaum" kritisierte ein Richter, der Wahlzettel sei für Analphabeten ungeeignet, weil sich die braunen und roten Symbole für "Ja" beziehungsweise "Nein" nicht unterscheiden ließen. Viele der Millionen ägyptischen Wahlberechtigten seien daher auf fremde Hilfe angewiesen und könnten so manipuliert werden.

Die Stimmen aus der ersten Runde sollen in den kommenden Tagen ausgezählt werden. Unklar ist, ob und wann vorläufige Ergebnisse bekanntgegeben werden. Die Opposition hat vor einer Veröffentlichung gewarnt, weil damit aus ihrer Sicht die Abstimmung in der kommenden Woche beeinflusst werden könnte.

Viele Regierungskritiker fürchten ohnehin, dass die Muslimbrüder und ihre Verbündeten die Zeit zwischen den Wahltagen nutzen könnte, um die Resultate zu manipulieren. Sie verweisen darauf, dass an diesem Samstag in den eher säkular orientierten Gegenden des Landes gewählt wird. Sollte dort die Verfassung mehrheitlich abgelehnt werden, so ihre Befürchtung, werde die Regierung die Gelegenheit nutzen, das Ergebnis zu ihrem Gunsten zu verfälschen.

syd/dpa/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. vergebliche liebesmüh
kstbremen 15.12.2012
ist der versuch den vs entwurf noch zu stoppen, obwohl es so einfach wäre bei min 50% bevölkerungsanteil, oder?? vergessen wir aber mit westlichen maßstäben zu prognostieren. vielleicht gelingt es in 1-2 generationen, was sehr optimistisch wäre. man kann sich nur die hiesigen islamverbände anschauen, von denen immer noch nichts zu hören ist.
2. Referendum in Aegypten
moeh1 15.12.2012
Dass das Referendum angenommen wird scheint ausgemacht, die Islamisten machen sich die Unwissenheit der Bevoelkerung auf dem Land zu nutze. Die EU und die USA sollten nun aber auch taetig werden und Wirtschaft / Militaerhilfe streichen. Warum muessen die Steuerzahler fuer die Moslembrueder bezahlen ?
3. ............
lupenrein 15.12.2012
Zitat von moeh1Dass das Referendum angenommen wird scheint ausgemacht, die Islamisten machen sich die Unwissenheit der Bevoelkerung auf dem Land zu nutze. Die EU und die USA sollten nun aber auch taetig werden und Wirtschaft / Militaerhilfe streichen. Warum muessen die Steuerzahler fuer die Moslembrueder bezahlen ?
bezahlt wird für das 'Stillhalten' im Pulverfass Naher Osten.....
4. Mehrheit
Sabi 15.12.2012
Die Mehrheit der Ägypter leben auf dem Land, können kaum lesen und schreiben, und wiederholen was der Imam da sagt- und er sagt, Islam und Scharia und vor allem Allah müssen die Gesetze bestimmen, nun kommst Du !!!!!
5. So ist Demokratie
Chamar 15.12.2012
Wenn die Mehrheit sich für die Verfassung entscheidet, ist das einfach zu akzeptieren. Vergessen wir nicht, dass es "der Westen" war, der diese sogenannten "arabischen Frühling" mit Macht und Waffen unterstützte. In Tunesien hat sich alles zum Schlechten gewandt, hier wird es genau so sein... und dann, ja dann kommt Syrien. Kommen die Hersteller von Schleiern und Burgas eigentlich noch mit der Produktion nach? Aber wir - der Westen - wollten das....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare