Staatskrise in Ägypten: Ein unregierbares Land

Aus Kairo berichtet

Ägypten: Chaos am Nil Fotos
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Die Ägypter sind zutiefst polarisiert, der Hass zwischen den beiden Lagern verstärkt sich schnell. Schon beginnt auch die Zersplitterung der Anti-Mursi-Koalition, die den Übergang bis zu Neuwahlen moderieren will.

Es sind mehr als die gut 15 Minuten Autofahrt, die den Tahrir-Platz trennen vom Rabaa-al-Adawija-Platz. Zwischen den Ägyptern, die sich an den beiden Orten versammelt haben, liegen Welten. Täglich driften sie weiter auseinander.

Auf dem Tahrir-Platz verkauft man an diesem Dienstag Poster des neuen starken Mannes, von Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi. Er hat vergangene Woche den Islamisten Mohammed Mursi als Präsidenten abgesetzt. So hatte es eine bunte Koalition von Ägyptern eingefordert. Auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz halten die Demonstranten die Bilder von Mursi hoch. Sie haben eine Zeltstadt errichtet. Nach Hause gehen wollen sie erst, wenn Mursi wieder im Amt ist.

Ägypten ist inzwischen so tief gespalten, dass es unregierbar geworden ist. Es tobt ein erbittertes Ringen um die nationale Identität. Die einen glauben, die Muslimbruderschaft wolle dem Land ihre Vorstellungen aufzwingen. Das andere Lager macht den Liberalen denselben Vorwurf.

Der Putsch vergangene Woche und die anschließende Verfolgung von Anhängern der Muslimbruderschaft hat diesen Graben weiter vertieft. Am bisher schlimmsten war die Entwicklung am Montag: Mehr als 50 Mursi-Anhänger wurden erschossen, als das Militär das Feuer auf die Demonstranten eröffnete.

Die neuen Machthaber sind sich über kaum etwas einig

Das Militär will nun schnell Fakten schaffen, "durchregieren" könnte man euphemistisch sagen: Montagnacht wurde ein Verfassungsdekret veröffentlicht und ein ehrgeiziger Zeitplan. Am Dienstag konnte man sich endlich auf einen neuen Premierminister einigen. Drei vorangegangene Kandidaten wurden von den Salafisten blockiert. Allein das zähe Ringen um das Amt des Regierungschefs zeigt, wie schwierig das "Durchregieren" noch werden könnte.

Die Gesellschaftsgruppen, die noch den Plan des Militärs befürworten, hält wohl kaum etwas zusammen außer ihre Opposition zu Mursi. Es ist ein äußerst brüchiges Bündnis. Noch keine Woche an der Macht fängt es bereits an zu zersplittern. Am Dienstag kritisierte die Jugendbewegung Tamarod das neue Verfassungsdekret. Die Gelehrten der al-Azhar-Moschee überlegen, sich aus dem Bündnis zurückzuziehen. Mit einem solchen Schritt droht die Führung der salafistischen Nur-Partei inzwischen regelmäßig.

Unterdessen wird der Graben zwischen den beiden Lagern immer tiefer. Man grenzt sich ab. Die jeweils andere Seite erklärt man zum Unmenschen. Es ist die Stunde der Hassprediger.

Beide Seiten dämonisieren sich gegenseitig

Auf dem Tahrir-Platz lassen sich nur noch wenige Demonstranten blicken. Wie man die jüngsten Ereignisse bewertet, verraten die Schlagzeilen der dort verkauften großen ägyptischen Zeitungen. "Die Armee tötet über 50 Terroristen", heißt es einhellig über die Schüsse vom Montag. Die Staatszeitung "al-Akhbar" ergänzt um die absurde Behauptung: "Unter den Terroristen waren 200 schwerbewaffnete Amerikaner, Iraker und Syrer."

Befremdliche Ansichten finden sich auch auf dem Rabaa-Platz wieder, wo am Dienstag mehrere tausend Menschen zusammenkommen. Ein Redner behauptet, das Militär verhindere gewaltsam, dass weitere Demonstranten zum Platz kommen könnten - eine glatte Lüge. Eine islamistische Zeitung schmäht den liberalen Politiker Mohamed ElBaradei als "US-Agenten, der die ägyptische Demokratie zerstören will". Mursis Kritiker werden bezeichnet als "noch schlimmer als die Ungläubigen aus Prophet Mohammeds eigenem Familienclan".

Dermaßen aufgeheizt ist die Stimmung inzwischen, dass einander Unbekannte sich gegenseitig dazu auffordern, Position zu beziehen. Allein aufgrund der Kleidung wird gemutmaßt, welchem Lager das Gegenüber angehört. Überspitzt gesagt wird folgendermaßen geurteilt: Bartträger gleich Pro-Mursi, Frauen in engen T-Shirts gleich Pro-Militär. Wer der jeweils falschen Gruppe zugerechnet wird, muss mit Handgreiflichkeiten rechnen.

Wie sich diese Polarisierung überwinden lassen soll, ist derzeit vollkommen unklar. "Wir werden nicht aufhören zu demonstrieren, bis Mursi wieder Präsident ist", sagt der 53-jährige Salafist Mamdou Ismail. Er ist Mitglied der Nur-Partei, die eigentlich dem Militär ihre Unterstützung ausgesprochen hat. An der Basis sieht man dies offenbar anders.

Hoffnung auf eine Beruhigung liegt nun auf dem Fastenmonat Ramadan, der in Ägypten am Mittwoch beginnt. Doch auch wenn Ismail und seine Verbündeten dann in der Hitze nichts trinken werden, wollen sie weiter demonstrieren.

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insgesamt 73 Beiträge
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1. So blöd das klingt....
Highfreq 09.07.2013
.....aber das Beste für Ägypten wäre eine Militärdiktatur, die alle radikalen Elemente aussortiert. Ägypten kann keine Demokratie werden, nicht gestern mit Mursi und nicht morgen mit wem auch immer. Die Islamisten möchten die Demokratie als Rechtfertigung missbrauchen, ihre mittelalterlichen Vorstellungen umzusetzen. Die sog. liberalen Kräfte sind durch und durch korrupt und missbrauchen die Demokratie für ihre Zwecke. Letztendlich sind arabische Länder einfach ein ungeeigneter Boden für Demokratie und andere westliche Werte. Klingt blöd, ist aber so.
2. auch wenn es zynisch klingt...
pablocremer 09.07.2013
sollte man solch ein Land nicht ganz sich selbst ueberlassen? Alle externen Eingriffe verbessern doch nichts? Es ist doch ihr Land und ausser den Suezkanal zu schuetzen und Uebergriffe auf Nachbarlaender zu verhindern: Finger weg.
3.
Nandiux 09.07.2013
Zitat von sysopDie Ägyter sind zutiefst polarisiert, der Hass zwischen den beiden Lagern verstärkt sich schnell. Schon beginnt auch die Zersplitterung der Anti-Mursi-Koalition, die den Übergang bis zu Neuwahlen moderieren will. Ägypten in der Staatskrise - ein unregierbares Land - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-in-der-staatskrise-ein-unregierbares-land-a-910307.html)
Man wird die Islamisten (bzw. die ultrakonservativen Kräfte) irgendwie einbinden müssen. Auf dem Land sind sie nach wie vor die dominierende Kraft. Das Blutvergießen (egal wer letztlich angefangen hat) war einfach ein großer Rückschlag. Die Atmosphäre ist total vergiftet.
4. Ein unregierbares Land
sunsurfer428 09.07.2013
Hat man das nicht auch damals über Spanien und seine Bürgerkriege gesagt?
5. irgendwann...
ellenlasirene 09.07.2013
...sollten die ägypter gleich welcher religiösen couleur aufhören, sich gegenseitig die köpfe einzuschlagen. was soll das? mein verständnis schwindet mit jeder weiteren nachricht und auch meine emphatie, ehrlich gesagt.
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Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757