Ägyptens enttäuschte Revolutionäre: Die Abgehängten

Aus Kairo berichtet

Frust nach zweiter Revolte: Ägyptens ausgebootete Jugend Fotos
DPA

Hurra, Mursi ist weg - erst haben die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz noch gejubelt, schon eine Woche später folgt die Ernüchterung. Ägyptens Jugend fürchtet, dass wieder andere von den Protesten profitieren. Doch selbst in die Politik? Das will kaum einer.

Eigentlich sollte Samich al-Masri zufrieden sein. Der 32-Jährige war einer der Koordinatoren der "Front 30. Juni", einem buntgemischten Bündnis von Tahrir-Platz-Aktivisten, das den Sturz von Mohammed Mursi forderte. Seit einer Woche ist der Islamist nicht mehr Präsident, sondern steht unter Hausarrest. Und Masri ist enttäuscht.

Nicht über das Schicksal der Muslimbruderschaft. Den Religiösen trauert Masri nicht nach. Er schenkt sich ein Glas Cola ein und zündet eine Zigarette an, trotz Fastenzeit. Sein nachgemachtes Marken-T-Shirt zieren die Namen westlicher Metropolen.

Was Masri ärgert, ist das neue Verfassungsdekret, das der vom Militär eingesetzte Präsident Adli Mansur Montagnacht veröffentlichte. "Ich lehne es rundum ab", sagt Masri. "Die tun gerade so, als hätte es unsere Proteste nie gegeben."

Vergangene Woche hatte Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi Präsident Mohammed Mursi für abgesetzt erklärt. Dabei zeigte er sich mit einer seltsamen Koalition. Hinter ihm stand die Führung der salafistischen Nur-Partei, der koptische Papst, die Revolutionsjugend, die Gelehrten der Al-Azhar-Moschee und die Nationale Heilsfront, das Bündnis der wichtigsten liberalen Parteien.

Doch als Mansur am Montagabend die neue Verfassung und den zukünftigen Fahrplan veröffentlichte, waren mehrere Koalitionspartner wütend: Sie wurden vor der Erklärung gar nicht erst befragt.

Liberale haben viele Einwände gegen Verfassungsdekret

Die neue Verfassung garantiert dem Militär seine Rolle als Staat im Staate. Sie kommt den Salafisten entgegen, indem sie die Interpretation der Scharia zur Hauptquelle der ägyptischen Gesetze erklärt. Den Übergangspräsidenten macht sie zum allmächtigen Herrscher, der keiner Kontrolle untersteht - außer der des Militärchefs Sisi, der ihn einsetzte.

"Wir haben ein paar Vorbehalte", sagt Chaled Dawud, Sprecher der liberalen Nationalen Heilsfront SPIEGEL ONLINE. So sei man unzufrieden mit der Art, wie die Erklärung zustande kam, dem Artikel über die Rolle der Scharia und der Allmacht des Präsidenten. Auch am politischen Fahrplan für die Zukunft sei etwas zu bemängeln. Man wolle erst Präsidentschafts- und erst dann neue Parlamentswahlen, nicht wie bisher vorgesehen umgekehrt. Ob er auch ein Problem in der Unabhängigkeit des Militärs sehe? "Wir haben derzeit wichtigere Probleme", sagt Dawud.

Auch für Masri ist Ägyptens Militär eine Art heilige Kuh. Wie jeder Ägypter kennt er viele, die dort gerade ihren Wehrdienst ableisten. Er selbst hat sogar freiwillig länger gedient. Wie viele Jahre es waren, möchte er nicht verraten - "zu lange" ist alles, was er dazu sagt. Inzwischen verdient er sein Geld als Informatiker.

Viele junge Ägypter wollen nicht in die Politik

Zwar schimpft Masri über das neue Verfassungsdekret. Er bezeichnet es sogar als "Versuch, unsere Revolution wieder rückgängig zu machen". Dennoch lässt er auf Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi nichts kommen. "Sisi ist die Stimme der Jugend in der Armee", sagt Masri. Der 58-jährige Sisi war der Jüngste im obersten Kreis der Generäle, als Mursi ihn 2012 zum Militärchef machte. "Ihm liegt das Wohlergehen des ägyptischen Volkes am Herzen", sagt Masri.

Auch wenn das Militär hauptverantwortlich für das Verfassungsdekret ist, wettert Masri lieber über die "Felul", die Überbleibsel des Mubarak-Regimes. Husni Mubarak wurde zwar 2011 gestürzt, doch seine Funktionäre haben nun wieder Aufwind.

So sind Präsident Adli Mansur und Premierminister Hasim al-Beblawi beide Technokraten, die schon unter Mubarak führende Posten innehatten. Die neue Verfassung wird von zehn Richtern und Jura-Professoren geschrieben werden, die unter Mubaraks autoritärer Herrschaft Karriere machten. "Die Alten wollen uns wieder zurückdrängen, dabei sind wir die Zukunft", klagt Masri.

Ägyptens Revolutionsjugend schaut wieder nur hilflos zu. 2011 halfen sie mit, Husni Mubarak zu stürzen. Anschließend mussten sie mit ansehen, wie die Muslimbrüder die Macht übernahmen. Nun haben sie mitgeholfen, die Islamisten zu verdrängen. Doch wieder werden es andere sein, die davon profitieren.

Masri will nicht in die Politik. Wie so viele seiner Altersgenossen hält er wenig davon. Sein Traum ist es, sich um Straßenkinder und Slum-Bewohner zu kümmern. "Dann, wenn die Revolution ihr Ziel erreicht hat und wir Brot und soziale Gerechtigkeit haben." Doch noch, sagt er, sei die Zeit nicht gekommen.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. optional
sprechweise 11.07.2013
Das ist das Problem hier. Schimpfen ja, mitmachen und besser machen nein.
2. Die Revolution frißt ihre Kinder...
psypunk 11.07.2013
...immer und überall. Revolutionen werden immer von eher Konservativen Menschen vereinnahmt, von den ursprünglichen Zielen bleibt meist nur eine blasse Erinnerung, so auch 1989 in Deutschland geschehen...
3. Abgehängte Jugend
braman 11.07.2013
"Ägypten" ist überall. Auch in Europa. Hier wird vom demographischen Faktor (trotz Geburtenüberschuss, auch in Deutschland) gefaselt. Sucht aber ein Jugendlicher eine Stelle als Azubi muss er ein Einstellungsmarathon absolvieren als ob ein Staatspräsident gesucht wird. In anderen europäischen Staaten sind für junge Leute erst gar keine Arbeitsplätze vorhanden. In Ägypten, wie überall sonst auch, müssen die etablierten (verkrusteten) Strukturen aufgebrochen, verändert werden so dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Solange aber die sogenannten Oberschichten überall bestimmen wo es lang geht (hauptsächlich in ihrem Sinne) wird sich wohl weltweitweit nichts im positiven Sinne verändern. MfG: M.B.
4. Sorry.....
Atilla_B 11.07.2013
Zitat von sysopHurra, Mursi ist weg - erst haben die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz noch gejubelt, schon eine Woche später folgt die Ernüchterung. Ägyptens Jugend fürchtet, dass wieder andere von den Protesten profitieren. Doch selbst in die Politik? Das will kaum einer. Ägypten: Jugend wütend über das neue Verfassungsdekret - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-jugend-wuetend-ueber-das-neue-verfassungsdekret-a-910512.html)
aber selber Schuld sag ich da nur. Ohne ein "Plan B" zu haben "Plan A" zu PUTSCHEN ( weil dieses Wort mag iwi in Sachen Ägypten keiner in der EU oder USA aussprechen ). Und nun ? Ohhhhhh...soweit hat man nicht überlegt ? Schade schade...egal..regiert hat die "gute" Armee...Erst überlegen DANN handeln..In diesem Sinne..
5. Chance verpaßt
xxyxx 11.07.2013
Zitat von sysopHurra, Mursi ist weg - erst haben die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz noch gejubelt, schon eine Woche später folgt die Ernüchterung. Ägyptens Jugend fürchtet, dass wieder andere von den Protesten profitieren. Doch selbst in die Politik? Das will kaum einer. Ägypten: Jugend wütend über das neue Verfassungsdekret - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-jugend-wuetend-ueber-das-neue-verfassungsdekret-a-910512.html)
Die Liberalen, die Revolutionsjugend und die Salafisten von der NUR-Partei, werden sehr bald merken, dass sie im Vorfeld dieses Putsches nichts weiter waren als nützliche Idioten für die Wiedereinführung des alten Systems. Die Eliten, die unter Mubarak schon mächtig waren, sind jetzt wieder an der Macht. Die New York Times berichtete gestern in einem Artikel http://www.nytimes.com/2013/07/11/world/middleeast/improvements-in-egypt-suggest-a-campaign-that-undermined-morsi.html?pagewanted=all&_r=0 von Hinweisen, dass zahlreiche staatliche Institutionen, in deren Führung die Anhänger des Mubarak-Regimes noch stark vertreten waren, die Arbeit der Mursi-Regierung aktiv sabotiert haben, um die Krise in Ägypten zu verschärfen und damit den Sturz der gewählten Regierung zu fördern. Die Mursi Anhänger werden jetzt mit Verhaftungen und Pressezensur in den Untergrund gedrängt. Die Liberalen, die Revolutionsjugend und die Salafisten werden in nächsten Wochen lernen müssen zu kuschen, oder sie werden die nächsten sein, die die neue "Freiheit" in Ägypten mit aller Macht zu spüren bekommen. Die Chance, mit den demokratisch gewählten Institutionen für ein neues Ägypten zu arbeiten, haben sie verpasst.
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Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
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