Aufstand am Jahrestag der Revolution: Ägyptens Militär rückt in Suez ein

Ägypten: Blutige Proteste Fotos
REUTERS

Im ägyptischen Suez ist die Gewalt am Jahrestag der Revolution eskaliert, neun Menschen starben. Die Armee rückt mit Panzerfahrzeugen in die Stadt ein. Präsident Mursi ruft die Aufständischen zur Ruhe und kündigt an, "die Kriminellen zu verfolgen".

Kairo - Neun Tote, knapp 500 Verletzte - das ist die bisherige Bilanz einer blutigen Nacht in Ägypten. Besonders heftige Ausschreitungen gab es in der Stadt Suez. Am frühen Samstagmorgen rückte die Armee nach den tödlichen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten ein. Der Sicherheitschef von Suez, Adel Refaat, sagte im Staatsfernsehen, er habe das Militär um Verstärkung gebeten. Die Unterstützung sei erforderlich, bis "diese schwierige Zeit" vorüber sei.

Die Armee versicherte auf Flugblättern, der Einsatz werde nur vorübergehend sein, um die Sicherheit in Suez zu gewährleisten. Präsident Mohammed Mursi erklärte, der Staat werde "die Kriminellen verfolgen und sie der Justiz ausliefern". Zugleich rief er die Ägypter auf, die Prinzipien der Revolution zu achten und ihre Ansichten friedlich zu äußern. An Demonstrationen gegen Mursis Regierung beteiligten sich mehr als 500.000 Menschen.

Damit kommt Ägypten auch zwei Jahre nach der Revolution gegen den damaligen Machthaber Husni Mubarak nicht zur Ruhe. Bei den Ausschreitungen gegen die neue strenggläubige Regierung Mursis waren allein in Suez sieben Demonstranten und ein Polizist erschossen worden. Einen neunten Toten gab es in der Stadt Ismailija, wie Ärzte berichteten. Landesweit wurden nach Behördenangaben fast 500 Menschen verletzt.

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo, wo vor zwei Jahren der Aufstand gegen Mubarak begonnen hatte, versammelten sich Zehntausende Menschen. Auf Spruchbändern war zu lesen: "Zwei Jahre seit der Revolution - wo bleibt die soziale Gerechtigkeit?" Maskierte Demonstranten versuchten, eine vor den Toren von Mursis Amtssitz aufgebaute Barrikade der Polizei zu durchbrechen; die Sicherheitskräfte reagierten mit massivem Einsatz von Tränengas.

Aus Sicht der Demonstranten hat sich der mit dem Sturz von Mubarak erhoffte Wandel nicht eingestellt. Die ägyptische Opposition will mit den Kundgebungen zum Jahrestag des Volksaufstands außerdem den Druck auf Mursi erhöhen, den von Islamisten ausgearbeiteten Verfassungsentwurf zu ändern und mehr Rechte auf freie Meinungsäußerung zuzulassen. Zudem erlebt Ägypten derzeit eine schwere wirtschaftliche Krise. Ausländische Touristen bleiben aus, es werden keine Investitionen getätigt, der Wert der Landeswährung sinkt, während die Preise steigen.

Fußballfans drohen mit neuer Gewalt

In Kairo drohen an diesem Samstag zugleich neue gewaltsame Proteste. Fußballfans des Hauptstadtclubs al-Ahly kündigten Ausschreitungen an, falls bei einem Gerichtstermin zu den tödlichen Krawallen bei einem Auswärtsspiel ihrer Mannschaft vor einem Jahr keine gerechten Urteile gefällt würden. Nach der Begegnung am 1. Februar 2012 beim Verein al-Masry in Port Said war es zu Kämpfen zwischen den Anhängern und zu einer Massenpanik gekommen, bei der 74 Menschen starben. Bei anschließenden Straßenkämpfen wurden weitere 16 Menschen getötet.

Viele Fans warfen den Sicherheitskräften damals vor, die Katastrophe aus Rache angestachelt zu haben, denn die Anhänger spielten eine große Rolle bei der Revolte gegen den gestürzten Mubarak. Eine Parlamentsuntersuchung kam dagegen zu dem Ergebnis, dass die Randale nicht von Anhängern des damals regierenden Militärrats geschürt wurde. Verantwortlich waren demnach die Fans selber und mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen.

In dem Prozess sind zahlreiche Fußballanhänger wegen Mordes angeklagt. Beschuldigt werden aber auch neun Polizisten, die die Katastrophe mitverursacht haben sollen. Die Ahly-Fans haben in Kairo bereits vergangene Woche protestiert und den öffentlichen Verkehr behindert. Auf ihrer Facebook-Seite erklärten sie, der Samstag werde für viele ein entscheidender Tag. "Hütet euch vor unserem Zorn: Gerechtigkeit oder Blut", mahnten die Fans. Doch das Gerichtsurteil könnte verschoben werden. Die Staatsanwaltschaft teilte bereits mit, dass es neue Beweise gebe.

yes/Reuters/dpa/dapd

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insgesamt 33 Beiträge
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1. Ausländische Touristen bleiben aus.....
savys 26.01.2013
Das Volk hat ja genau das in Kauf genommen mit der Wahl der neuen Verfassung. Religiöse Islamisten sind nicht angewiesen auf westliche Touristen, im Gegenteil, die haben bei diesen Fanatikern nichts zu suchen. Eine 2. Revolution der Andersdenkenden bringt nichts, da sie in der Minderzahl sind.
2. Die missverstandene "Revolution"
Worldwatch 26.01.2013
Knapp 100% der westlichen Presse, wie vermutlich die Mehrheit der jungen, gebilden Aegypter sahen es falsch. Das geflohene Kapital wie auch die ausser Landes geflohenen, fuehrenden Wirtschaftskraefte sahen es hingegen richtig kommen. Ja, der Begriff "Revolution" mag dazu der richtige Ausdruck sein. Schliesslich heissen die Ergebnisse der Beseitigung des Schah-Regims, und Einnistung des neuen, sodann Glaubensterror-Dauerregime in Iran, ja heute noch "Revolution".
3. Menschenleben
mr_supersonic 26.01.2013
Zitat von sysopREUTERSIm ägyptischen Suez ist die Gewalt am Jahrestag der Revolution eskaliert, neun Menschen starben. Die Armee rückt mit Panzerfahrzeugen in die Stadt ein. Präsident Mursi ruft die Aufständischen zur Ruhe und kündigt an, "die Kriminellen zu verfolgen". http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-militaer-marschiert-nach-unruhen-in-suez-ein-a-879791.html
Ich hoffe dass die vielen Menschen, die auf der Welt ihr Leben lassen müssen wegen dem Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit nicht umsonst gestorben sind. Mehr möchte ich auch gar nicht dazu schreiben, da jeder Versuch einer Deutung zu kurz gegriffen sein wird, da ich nicht vor Ort bin und nicht alle Details kenne.
4. Ägyptischer Frühling Folge Nr 2...
alBab 26.01.2013
Zitat von sysopREUTERSIm ägyptischen Suez ist die Gewalt am Jahrestag der Revolution eskaliert, neun Menschen starben. Die Armee rückt mit Panzerfahrzeugen in die Stadt ein. Präsident Mursi ruft die Aufständischen zur Ruhe und kündigt an, "die Kriminellen zu verfolgen". http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-militaer-marschiert-nach-unruhen-in-suez-ein-a-879791.html
oder "das späte (zu späte?) Begreifen". Da fällt mir nur der alte Schiller zu ein: "Musst ins Breite dich entfalten - soll sich dir die Welt gestalten -In die Tiefe musst du steigen - soll sich dir das Wesen zeigen. Sláinte !!
5. Hoffnung
AhzekAhriman 26.01.2013
Gut zu wissen, dass in diesen Ländern auch fortschrittliche Kräfte am Start sind und sich gegen den islamistischen Faschismus wehren. Ich hoffe nur, dass sie weiterhin den Mut haben für echte Freiheit, nach ihren Vorstellungen, zu kämpfen. Aber wahrscheinlich wird es ohne Blutvergießen nicht abgehen. Dafür werden die Islamisten schon sorgen. Leider.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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