Krise in Ägypten Militärchef Sisi hetzt gegen Obamas Regierung

Die USA sind einer der wichtigsten Unterstützer von Ägyptens Armee. Dennoch schürt Militärchef Sisi in der "Washington Post" den Anti-Amerikanismus in seinem Land. "Ihr habt uns im Stich gelassen", kritisiert der General die Regierung von Präsident Obama - die Abrechnung hat innenpolitische Gründe.

Ägyptens Militärchef Sisi: "Ihr habt uns im Stich gelassen"
REUTERS

Ägyptens Militärchef Sisi: "Ihr habt uns im Stich gelassen"


Kairo/Washington - Es ist Militärchefs Abd al-Fattah al-Sisis erstes Interview nach dem Putsch vom 3. Juli. In der "Washington Post" attackiert er die US-Regierung unter Barack Obama massiv. "Ihr habt uns im Stich gelassen. Ihr habt den Ägyptern euren Rücken zugekehrt. Das werden sie euch nicht vergessen." Am 3. Juli hatte das Militär den Islamisten Mohammed Mursi nach Massendemonstrationen als Präsident abgesetzt und hält ihn seitdem an einem unbekannten Ort gefangen. Sisi zeigte sich empört über Obamas Entscheidung, wegen der aktuellen Krise eine Lieferung von F-16 Kampfjets an Kairo erst einmal zu stoppen. "So geht man nicht mit einem patriotischen Militär um", sagte Sisi. Die Zeitung hat Auszüge aus dem Gespräch auch im Wortlaut veröffentlicht.

Die Vorwürfe erscheinen auf den ersten Blick paradox. Denn Kairo gehört zu Washingtons langjährigen und engen Verbündeten. Jährlich überweist die US-Regierung über eine Milliarde Dollar Hilfe an die ägyptische Armee. Viele aus der neuen Generation von Ägyptens Generälen drückten die Schulbank in US-Militärakademien - auch Sisi, der 2006 ein Jahr lang am "US Army War College" in Pennsylvania studierte. Täglich telefoniere er seit dem 3. Juli mit US-Verteidigungsminister Chuck Hagel, sagte Sisi in dem Interview. US-Außenminister John Kerry hatte zuletzt Unterstützung für das Vorgehen des ägyptischen Militärs signalisiert.

Doch Sisis scharfe Kritik an der US-Regierung hat vor allem einen innenpolitischen Hintergrund. Ägyptens Medien und der Staatsapparat schüren in der aktuellen Krise einen virulenten Anti-Amerikanismus. "Das erinnert an hochgradigen Mubarakismus", schreibt der US-Nahostwissenschaftler Marc Lynch auf der Webseite "Foreign Policy" über die Methoden in Anspielung an den Militär Husni Mubarak, der bis 2011 brutal und autoritär Ägypten regierte. "Der Staat und die sogenannten unabhängigen Medien schüren den Anti-Amerikanismus, Anti-Islamismus und extremen Nationalismus, um ihre Herrschaft zu legitimieren", schreibt Lynch.

In Ägypten kursieren zurzeit die absurdesten Vorwürfe vor allem gegen Obama und seine Botschafterin in Kairo, Anne Patterson. Obama wird etwa vorgeworfen, ein Islamist zu sein. Die Botschafterin soll in einer Verschwörung mit der Muslimbruderschaft hinter der Gewalt in Ägypten stecken. Dabei gab es bisher am meisten Tote - rund 200 im Juli - wenn Polizisten und Soldaten auf die islamistischen Demonstranten schossen.

"Mir ist am wichtigsten, dass das Volk mich liebt"

Militärchef Sisi ist seit dem Putsch der wichtigste Mann im Staat. Fragen danach, ob er in kommenden Wahlen möglicherweise als Präsident kandidieren wolle, wich er aus. Es ginge ihm nicht um Macht. "Unsere Hoffnungen sind die Hoffnungen des Volkes", sagte Sisi. "Und wenn das Volk mich liebt - das ist das allerwichtigste für mich." Umgekehrt heißt dies wohl, dass Sisi sich durchaus zu einer Kandidatur bereit erklären könnte, würde das Volk ihn darum bitten - etwa durch ein populistisches Referendum.

In Kairo versuchen die internationalen Vermittler intensiv, doch noch einen Kompromiss zu finden zwischen den Anhängern von Sisi und Mursi. EU-Außenministerin Catherine Ashton durfte bisher als einzige Zivilistin Mursi besuchen. Nach Ashton und dem deutschen Außenminister Guido Westerwelle traf sich am Samstag der US-Vize-Außenminister William J. Burns sich mit Vertretern aus dem Sisi-Lager und der Muslimbruderschaft, um beide Seiten zu Zugeständnissen zu überreden.

Doch bisher hat sich keine Seite zum Einlenken bereit erklärt. Der Staat führt weiter Verhaftungswellen gegen Islamisten durch. Führende Islamisten werden seit einem Monat ohne Kontakt nach außen in Haft gehalten.

Auch die Muslimbrüder zeigen sich stur. Samstagnacht versicherte Mohammed al-Beltagi, einer ihrer führenden Mitglieder im Protestlager in Rabaa, dass man von vier Forderungen nicht abrücken werde: eine Rückkehr Mursis ins Präsidentenamt, die Wiedereinführung der vom Militär aufgehobenen Verfassung, die Wiederherstellung des vom obersten Gerichtshof aufgelösten Oberhaus des Parlaments und ein Gerichtsprozess für die "Mörder" in Ägypten nach den Schüssen auf die Islamisten-Proteste.

Wahrscheinlich auf Druck der internationalen Besucher hat Kairo die Protestlager der Islamisten noch nicht gewaltsam geräumt. Menschenrechtsorganisationen hatten gewarnt, dass es in einem solchen Fall Dutzende Tote geben dürfte. Das Innenministerium hat signalisiert, dass man es nun erst einmal mit einer Belagerung der Sit-ins versuchen könnte. Wann diese beginnen könnte, ist jedoch noch offen.

ras

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shareman 04.08.2013
1. Fataler Fehler
Die Haltung von USA und EU sind falsch. Es darf keine Kompromisse mit den Islamisten geben. Der ersteder das richtig gesehen hat, war Kerry. Dafür wurde er hart kritisiert. Die Absetzung Mursis war völlig legitim.
addit 04.08.2013
2. Komisch
"Führende Islamisten werden seit einem Monat ohne Kontakt nach außen in Haft gehalten." Damit müssten die Amis doch konform gehen! Was hammse nur schon wieder? ;)
micromiller 04.08.2013
3. die aegyptische armee haengt am tropf der amerikanischen steuerzahler
feldherr SISI scheint das vergessen zu haben. aber recht hat er irgendwie. wenn man die aegypter so drauflos waehlen laesst ohne denen zu sagen was sie waehlen sollen, dann kann es schon einmal passieren, dass mehrheitlich das geistige mittelalter die bevorzugte wahl ist.
JCR 04.08.2013
4. Antiamerikanismus in der Washington Post?
Wie kann man in einem englischsprachigen Interview für eine amerikanische Tageszeitung den Antiamerikanismus in Ägypten schüren?
thiotrix 04.08.2013
5. Gibt es nichts Wichtigeres für Ägypten als F-16-Kampfjets?
Wie wäre es mit Geburtenkontrolle, mehr Bildung und weniger Korruption?
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