Drangsalierung ausländischer Reporter "Ihr seid Feinde Ägyptens"

Ägyptens Militärregime hat neben den Muslimbrüdern einen neuen Feind ausgemacht: ausländische Reporter. Sie werden als Lügner beschuldigt und eingeschüchtert. Auch ein SPIEGEL-ONLINE-Team wurde grundlos stundenlang inhaftiert.

Ägyptische Sicherheitskräfte: "Ihr ausländischen Reporter habt keine Ahnung"
REUTERS

Ägyptische Sicherheitskräfte: "Ihr ausländischen Reporter habt keine Ahnung"

Aus Kairo berichtet


Aus ihrer Haltung machen die Männer mit den dunklen Sonnenbrillen und umgehängten Sturmgewehren kein Geheimnis. "Ihr ausländischen Reporter habt keine Ahnung", brüllt einer von ihnen. "Eure Berichte sind nur Lügen, ihr seid Feinde Ägyptens". Dann greift einer kräftig zu, schiebt mich mit dem Gewehrkolben auf die Ladefläche eines Polizeiwagens und kippt meine Computertasche auf dem Boden aus. Als mein Dolmetscher ihm sagt, wir seien hier nur für ein kurzes Interview, wird er noch aggressiver. "Halt den Mund", herrscht er ihn an. "Sonst schlagen wir dich grün und blau."

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Die beängstigende Szene spielte sich am Sonntag im Kairoer Viertel Raba ab. Dort waren Tage zuvor Hunderte Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mursi von den Sicherheitskräften getötet worden. Gerade eben erst hatten wir ein Interview in einem Hauseingang begonnen, da tauchte eine Gruppe von zivil gekleideten Polizisten auf. "Ihr gehört zu den Terroristen", schrien sie uns an. Angeblich hätten wir aus dem vierten Stock des Wohnblocks auf die Polizei gefeuert. Kurz darauf aber wurde klar, dass sie uns festnahmen, weil sie ausländische Reporter als Feinde und lästige Lügner ansehen.

In den folgenden Stunden bekamen wir einen ungewollten Einblick in die Willkür der Sicherheitskräfte nach dem Militärputsch. Mehr als sieben Stunden wurden wir auf der Polizeiwache in Nasr City festgehalten. Mich behandelten die Polizisten meist einigermaßen höflich. Gleichwohl forderten sie unmissverständlich, die Berichterstattung über Ägypten zu ändern. Von der Lage würden alle westlichen Medien ein völlig falsches Bild zeichnen, schließlich wehre sich Ägypten nur gegen Terroristen. Auch die Machtübernahme des Militärs werde im Ausland völlig falsch gesehen. "Was ihr als Putsch beschreibt, war eine Erhebung der Massen gegen die Islamisten", sagte einer von ihnen.

Bewusst aufgeheizte Stimmung

Mit meinem ägyptischen Kollegen gingen die Beamten - keiner von ihnen nannte seinen Namen oder trug einen Dienstausweis - weniger glimpflich um. Laut und mit drohenden Gesten beschimpften sie ihn in dem kleinen Verhörraum als Verräter, da er mit einem ausländischen Journalisten zusammenarbeite. Später kündigten sie ihm brutale Racheakte an seiner Familie und Folter in den berüchtigten ägyptischen Gefängnissen an. Während sie uns verhörten, schleppten andere Polizisten immer wieder kleine Gruppen von vermeintlichen Mursi-Anhängern an der Tür vorbei, sie wurden ohne Verhör in eine Gefängniszelle am Ende des Flurs gesperrt.

Die Tortur, die erst am Abend und nach mehreren Anrufen bei der deutschen Botschaft endete, verdeutlicht die Stimmung, die die Machthaber in Kairo in den vergangenen Tagen angeheizt haben. Mit mehreren kritischen Bemerkungen hatten zunächst der Informationsminister und dann auch General Abd al-Fattah al-Sisi den ausländischen Reportern Lügen vorgeworfen. Am Wochenende hieß es dann in einer Mitteilung der Zensurbehörde, ganz Ägypten fühle eine "tiefe Verbitterung" wegen der Berichterstattung, die eindeutig "parteiisch für die Muslimbrüder" sei und deren terroristische Aktivitäten ignoriere.

Was zunächst als etwas pathetische Propaganda eines robusten Regimes erschien, war offenbar bewusst platziert. Allein am Wochenende wurde rund ein halbes Dutzend ausländische Reporter von der Polizei oder den Bürgerwehren festgehalten. Teilweise wurden die Journalisten von den selbsternannten Ordnungshütern beraubt, geschlagen und später an die Polizei übergeben. Statt aber die Straftaten zu verfolgen, konzentrierten die Beamten sich auf den Vorwurf, die Korrespondenten hätten keine gültige Arbeitserlaubnis für Ägypten. Entgegen der früheren Praxis werden die Papiere jedoch inzwischen gar nicht mehr ausgestellt.

Gleichschaltung der Medien

Die Einschüchterungsversuche des Regimes gegen ausländische Journalisten zielen sichtbar auf die letzte Möglichkeit für die Ägypter ab, sich mit nicht zensierten und von der Übergangsregierung gesteuerten Nachrichten zu versorgen. Seit dem Putsch Ende Juni schloss das Militär bereits konsequent alle kritischen Fernseh- und Radiostationen, die nach dem Sturz des Despoten Husni Mubarak gegründet worden waren. Wie in den Tagen seiner Herrschaft setzte man bewusst auf eine Gleichschaltung der Medien.

In den letzten Tagen dann wurde das Regime noch autoritärer. Mit Polizeigewalt stellte man den arabischen Fernsehsender al-Dschasira aus Katar landesweit ab. Aus Sicht der Machthaber ist die Station politisch von den Muslimbrüdern beeinflusst. Seitdem gibt es für die meisten Ägypter mehr oder weniger nur noch das Staatsfernsehen als Informationsquelle. Dort wurde die exzessive Gewalt beim Vorgehen gegen den politischen Gegner vergangene Woche völlig ausgeblendet. Stattdessen feiert man "Ägyptens Krieg gegen den Terror" mit einer roten Dauereinblendung am Bildschirmrand.

Die Gleichschaltung mag auf westliche Beobachter plump wirken, doch abseits der gebildeten Schichten verfehlt sie in einem Land wie Ägypten ihre Wirkung nicht. "Wenn man die gleichen Nachrichten überall hört, gibt es irgendwann keinen Zweifel mehr, dass es so sein muss", sagt ein langjähriger Mitarbeiter von al-Dschasira in Ägypten. Wie viele Gesprächspartner will er derzeit kritische Kommentare nur noch ohne seinen Namen abgeben. Einige seiner Kollegen wurden bereits verhaftet. Dem Chef des Kairoer Büros wirft die Staatsanwaltschaft mittlerweile sogar Anstachelung zu Gewalt und Mord vor.

insgesamt 89 Beiträge
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RalfHenrichs 19.08.2013
1. Faschismus
Der Gründer der Sozialdemokratischen Partei Ägyptens, ein entschiedener Gegner der Muslimbrüder, nannte heute im Morgenmagazin das Militärregime faschistisch. Recht hat der Mann. Gegen Faschismus muss der Westen aber entschieden vorgehen. Das Mindeste ist Abbruch jeglicher wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen zu Ägypten.
Carabus 19.08.2013
2. optional
Die Ägypter haben wohl nur noch die Wahl zwischen Teufel und Belzebub: dem alten korrupten Mubark Staat gestützt auf Militär und Polizei oder einem islamistischen "Gottesstaat". Doch vorerst wohl eine Phase mit viel Blutvergießen oder gar Bürgerkrieg. Good By Ägypthen!
fatfrank 19.08.2013
3. So so, muss er?
Zitat von RalfHenrichsDer Gründer der Sozialdemokratischen Partei Ägyptens, ein entschiedener Gegner der Muslimbrüder, nannte heute im Morgenmagazin das Militärregime faschistisch. Recht hat der Mann. Gegen Faschismus muss der Westen aber entschieden vorgehen. Das Mindeste ist Abbruch jeglicher wirtschaftlicher und diplomatischer Beziehungen zu Ägypten.
Genau verkehrt. Die besten Geschäfte lassen sich mit Diktatoren machen, die ihre Bevölkerung gnadenlos unterdrücken. Das weiß man inzwischen sehr gut im sog. "Westen".
elikey01 19.08.2013
4. Woher kommt diese verquer-emotionale Geisteshaltung?
Zitat von sysopREUTERSÄgyptens Militärregime hat neben den Muslimbrüdern einen neuen Feind ausgemacht: ausländische Reporter. Sie werden als Lügner beschuldigt und eingeschüchtert. Auch ein SPIEGEL-ONLINE-Team wurde grundlos stundenlang inhaftiert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-militaerregime-drangsaliert-auslaendische-presse-a-917388.html
So übel wirkt sich aus, wenn man bei einem Regimewechsel die alten "Eliten" (u.a. z.B. polizeil. Folterknechte) in ihren Funktionen weitgehend belässt. Das haben Mursi und die MB wohl nicht bedacht, weil sie womöglich die "Eigenschaften und Befähigungen" dieser Staatsgewalten für ihre Interessen im Bedarfsfall zu nutzen gedachten. Da Ägypten und insb. auch das (stark wirtschaftl. involvierte) Militär auf ausländ. Investoren, Tourismus und Geldgeber (IWF) letztlich angewiesen ist, kann der Westen nur noch auf dieser Schiene agieren: Alle Gelder sperren. Die Touristikunternehmen haben Reiseangebote gänzlich eingestellt. Gerade die USA, die nicht nur ägyp. Offiziere ausbildete, sondern das Militär mit jährl. Mrd.-Hilfen unterstützte, hat hier h.E. eine entscheidende Rolle wahrzunehmen. Unter Mubarak war damit der Frieden Ägyptens gegenüber dem israel. Nachbarn gewährleistet. Dass der islamist.. Aufruhr unter den brutalen militär. und polizeil. Maßnahmen jetzt nicht auch nach Israel überschwappt, muss befürchtet werden. Dass die Islamisten bzw. die MB sich bei einem Rückzug von Militär und Polizei "mäßigen" würden, so lange nicht auch Mursi wieder im Amt ist, darf bezweifelt werden, aber ebenso eine Wiedereinsetzung Mursis.
neu_ab 19.08.2013
5. wie ist diese Aussage jetzt zu deuten?
*"Mit Mursis Islamisten wäre das nicht passiert!!1!einself!!"? * Vielleicht hätte SPON sich nicht so anbiedern sollen an die Islamisten? Vielleicht haben die Ägypter auch deutschkundige Leute? Ich empfehle den Redaktionen nur, sich am besten ganz fernzuhalten aus solchen Krisengebieten. Ein Festhalten über mehrere Stunden ist da noch äusserst glimpflich.
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