22 Tote bei Demonstration: Blutige Unruhen erschüttern Ägypten

Ägypten: Eskalation der Gewalt Fotos
REUTERS

Nach der Verhängung von 21 Todesurteilen gegen Fußballrandalierer eskaliert die Gewalt im Land, mindestens 22 Menschen sterben allein am Samstag, Hunderte werden verletzt. Außenminister Westerwelle zeigt sich besorgt.

Kairo - Zwei Jahre nach dem Sturz des langjährigen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak kehrt die Gewalt mit aller Wucht in dem Land zurück. Nach politisch heiklen Todesurteilen eines Kairoer Gerichts gegen Fußballrandalierer erreichten die Proteste am Samstag eine neue Dimension. Mindestens 22 Menschen kamen bis zum frühen Nachmittag ums Leben. Tags zuvor waren bereits neun Menschen bei Ausschreitungen anlässlich des Jahrestags der Anti-Mubarak-Revolution gestorben. Insgesamt dürfte es mehr als 700 Verletzte geben.

Am Samstagmorgen hatte das Gericht in Kairo die Todesurteile gegen 21 in Port Said inhaftierte Angeklagte wegen deren Verwicklung in die tödlichen Fußballkrawalle im Februar 2012 verhängt. Insgesamt sind 73 Menschen im Zusammenhang mit dem Unglück angeklagt. Weitere Urteile in dem Fall sollen am 9. März folgen. Am Gerichtsort brach nach dem Urteil Jubel unter den Angehörigen der Opfer aus.

In der Hafenstadt Port Said dagegen versuchten Angehörige der Verurteilten, das Gefängnis zu stürmen, in denen ihre Verwandten inhaftiert sind. Augenzeugen zufolge schossen Unbekannte auf die Polizei, die daraufhin Tränengas einsetzte. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kairo waren unter den 22 Todesopfern auch Polizisten. Zwei Polizeiwachen wurden gestürmt.

Das Innenministerium sprach von "gewaltsamen und blutigen Zusammenstößen" in Port Said. Das Gefängnis würde beschossen. Die Nachrichtenagentur Mena berichtete, die Armee habe die Entsendung von Truppen in die Hafenstadt an der nördlichen Einfahrt zum Suezkanal beschlossen. Laut der Kanalbehörde war der Verkehr auf der strategisch wichtigen Wasserstraße zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer jedoch zunächst nicht betroffen.

Wegen der Krawalle nach dem Fußballspiel zwischen dem Kairoer Club al-Ahly und dem Club al-Masry aus Port Said im Februar 2012 mussten sich vor dem Gericht in Kairo auch neun Polizisten verantworten. Die Krawalle waren mit 74 Toten die blutigsten Ausschreitungen in der ägyptischen Fußballgeschichte.

Nach den Krawallen war den Sicherheitskräften vorgeworfen worden, sie hätten die Täter bewusst gewähren lassen, um die Anhänger von al-Ahly zu bestrafen. Diese hatten während der Proteste gegen Mubarak und auch später bei den Protesten gegen den Militärrat eine wichtige Rolle gespielt. Vor dem Urteil am Samstag hatten die Ultras von al-Ahly gedroht, "Chaos" in Kairo zu verbreiten, sollten die Täter nicht bestraft werden.

Oppositionsbündnis fordert umfassende Lösung der Krise

In Suez am Südende des Kanals hatte es am Freitag bei gewaltsamen Protesten anlässlich des zweiten Jahrestags des Volksaufstands gegen Mubarak acht Tote gegeben. Die Armee bezog daraufhin mit gepanzerten Fahrzeugen Stellung vor den öffentlichen Gebäuden. Einen neunten Toten gab es in der Stadt Ismailija, wie Ärzte berichteten. Auch in Kairo, Alexandria und anderen Städten gab es gewaltsame Proteste. Am 25. Januar 2011 hatten in Kairo die Proteste gegen Mubarak begonnen, die am 11. Februar zu seinem Sturz führten.

Das größte Oppositionsbündnis in Ägypten drohte mit einem Boykott der nächsten Parlamentswahl, sollte die islamistische Regierung nicht eine "umfassende Lösung" für eine Beilegung der politischen Krise finden. Die Nationale Heilsfront, in der die wichtigsten Parteien und Bewegungen der Opposition zusammengeschlossen sind, forderte unter anderem eine Regierung der "nationalen Rettung".

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich besorgt über die anhaltende Gewalt in Ägypten. Er sehe "mit Sorge", dass es nicht gelinge, "die Auseinandersetzungen um den richtigen Weg in eine gute Zukunft des Landes friedlich zu führen". Der Minister bekräftigte die Unterstützung Deutschlands beim "langen und auch schwierigen Transformationsprozess".

Verfassungsschutz warnt vor Islamisten-Reisewelle nach Ägypten

In der kommenden Woche wird der ägyptische Präsident Mohammed Mursi Berlin besuchen. Das Bundesinnenministerium erwartet nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ("FAS"), dass bei den Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auch akute Sicherheitsprobleme besprochen werden.

So sieht Deutschland nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz durch die verstärkten Reisen radikaler Islamisten nach Ägypten und von dort zurück nach Deutschland seine Sicherheit gefährdet. "Die Zunahme der Ausreisen nach Ägypten macht uns Sorgen", sagte ein Sprecher der Behörde der "FAS". So seien im vergangenen Jahr "fast 60 Ausreisen" radikaler Islamisten aus Deutschland nach Ägypten registriert worden. Im Jahr davor hatte man nur zwölf solcher Ausreisen beobachtet.

Nicht alle nach Ägypten gereisten Islamisten hielten sich allerdings dauerhaft dort auf. So würden Weiterreisen nach Libyen, Syrien oder andere nordafrikanische Staaten beobachtet, wo sie auch in Ausbildungslager islamistischer Kämpfer gelangen könnten. "Ägypten hat die Funktion einer Drehscheibe bekommen", sagte der Sprecher.

yes/AFP/Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hier schliesst sich der Kreis
seine-et-marnais 26.01.2013
Zitat von sysopREUTERSNach der Verhängung von 21 Todesurteilen gegen Fußballrandalierer eskaliert die Gewalt im Land, mindestens 22 Menschen sterben allein am Samstag, Hunderte werden verletzt. Außenminister Westerwelle zeigt sich besorgt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-mindestens-22-menschen-sterben-bei-blutigen-unruhen-a-879819.html
Westerwelle sollte vor allem da besorgt sein. Lt Spon:"Nicht alle nach Ägypten gereisten Islamisten hielten sich allerdings dauerhaft dort auf. So würden Weiterreisen nach Libyen, Syrien oder andere nordafrikanische Staaten beobachtet, wo sie auch in Ausbildungslager islamistischer Kämpfer gelangen könnten. "Ägypten hat die Funktion einer Drehscheibe bekommen", sagte der Sprecher." Wie kann denn Deutschland in Mali intervenieren wenn die Gefahr besteht dass deutsche Islamisten da gefährdet werden könnten. Wenn Mursi nicht bereit ist diesen Banditentourismus zu bekämpfen, dann kann die Antwort zu weiteren Hilfen nur ein klares 'Nein' sein. Aber das ist wohl bei Merkel und Westerwelle zuviel verlangt.
2.
neu_ab 26.01.2013
Seit wievielen Jahren ist eigentlich jetzt schon durchgängig "Frühling" in Arabien?
3. Drehscheibe Ägypten
robert.haube 26.01.2013
Endlich haben die deutschen Dienste mal eine korrekte Analyse geliefert, nachdem sie bzgl. Syrien mal wieder völlig versagten und daneben lagen. Über die Drehscheibe Ägypten sickern Islamisten zunehmend nach Libyen ein. Wie CNN berichtet, soll es mittlerweile alleine in der Gegend um Sebha (Fezzan) drei Ausbildungslager der Al-Quaida geben. Umgekehrt werden weiterhin von Libyen aus dem dortigen riesigen Waffenarsenal heraus Waffen nach Ägypten geschmuggelt. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, wenn man auch in Ägypten bald bewaffnete islamistische Brigaden sehen würde wie schon in Libyen und Syrien.
4. Die Entwicklung ist in der Tat bedenklich
echo0815 26.01.2013
Mursi kommt bekanntlich wegen der drohenden Staatspleite nach Berlin. Die Landeswährung verfällt dramatisch, Reserven kurz vor dem Ende, die Wirtschaft geht zurück, ausländische Firmen fangen ihren Rückzug an. Der Tourismus geht stetig zurück. Eine brisante, explosive Entwicklung, die der Westen nur schwerlich aufhalten kann.
5. optional
chalchiuhtlicue 26.01.2013
Also die Ausreise radikaler Islamisten aus der BRD nach Ägypten macht mir keine Sorgen. Sorgen hingegen bereitet mir, wie wir deren zukünftige Wiedereinreise verhindern können!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare

Fotostrecke
Ägypten: Blutige Proteste

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite