Kairo - Er ist wieder da, Ägyptens umstrittener Staatschef Mohammed Mursi hat am Mittwoch nach Angaben eines seiner Berater wieder seine Arbeit im Präsidentenpalast aufgenommen. Es ist alles in bester Ordnung - das soll vermutlich das Signal Mursis sein, aber das nordafrikanische Land steckt in einer tiefen Krise: Am Dienstag war es bei Protesten Zehntausender Menschen vor dem Amtssitz Mursis zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen.
Mursi befand sich zu dem Zeitpunkt nicht im Palast, er habe ihn wie geplant nach seinen offiziellen Terminen verlassen, hatte es geheißen. SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer berichtete aus Kairo, dass die Demonstranten Mursis Schritt als Flucht werten und entsprechend bejubelten. Offenbar hatte Mursi das Gebäude durch einen Hinterausgang verlassen.
Vor den Türen seines Amtssitzes hatte die Polizei am Dienstag Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt, als diese Stacheldrahtabsperrungen rund um den Palast zerschnitten.
Die Demonstranten hatten lautstark den Rücktritt Mursis gefordert. Einige Teilnehmer versuchten, auf die Mauern des Palastes zu klettern. Die Polizei setzte vergeblich Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen.
Die Demonstranten waren zuvor durch die ägyptische Hauptstadt gezogen. Einige trugen Aufkleber mit dem Slogan: "Die Verfassung der Muslimbrüder ist illegitim". Einige riefen "Das Volk will den Sturz des Regimes". Mit diesem Schlachtruf hatten die Demonstranten Anfang 2011 den damaligen Machthaber Husni Mubarak aus dem Amt vertrieben.
Auch in Alexandria, Sohag und Minia demonstrierten Mursis Gegner. In Minia setzte die Polizei nach Zusammenstößen zwischen Mursi-Gegnern und -Anhängern Tränengas ein, drei Menschen wurden verletzt.
Ägypten steckt in einer tiefen politischen Krise, seitdem Mursi sich am 22. November per Dekret weitreichende neue Befugnisse sicherte. Vor allem untersagte er der Justiz die Prüfung und Aufhebung seiner Beschlüsse und verbot die gerichtliche Auflösung der von den Islamisten dominierten verfassungsgebenden Versammlung, die im Eilverfahren den Entwurf des neuen Grundgesetzes absegnete.
Am 15. Dezember soll nach dem Willen Mursis in einem Referendum über den Text abgestimmt werden. Nach Auffassung der Opposition schränkt er die Bürgerrechte ein. Einige Richter riefen zum Boykott der Abstimmung auf. Mursi betont, dass seine Machfülle nur für eine Übergangszeit gelte.
Die USA riefen die Demonstranten in Ägypten auf, friedlich zu bleiben. "Es gibt derzeit viele Spannungen in Kairo", erklärte der Vizesprecher des Außenministeriums, Mark Toner, in Washington. "Wir drängen die Demonstranten einfach dazu, ihre Meinung friedlich auszudrücken."
Aus Protest gegen die Artikel zur Presse im Verfassungsentwurf erschienen am Dienstag mehrere Zeitungen nicht. Mit der Aktion wollten sie sich der "Tyrannei" entgegenstellen, hieß es auf der Internetseite von "al-Tahrir".
hen/mgb/dpa/dapd/Reuters
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