Staatskrise in Ägypten: Schwere Straßenschlachten erschüttern Kairo

Aus Kairo berichtet

In Kairo ist die Gewalt eskaliert: Anhänger und Gegner von Präsident Mursi lieferten sich wüste Straßenschlachten. Unter die Demonstranten hatten sich viele Randalierer gemischt. Vor dem Palast explodierten Brandsätze, es soll mehrere Tote gegeben haben.

Straßenschlachten in Kairo: Mit Stöcken und Steinen Fotos
AFP

Kairo - Es waren die schwersten Ausschreitungen in der ägyptischen Hauptstadt seit der Revolution gegen den gestürzten Präsidenten Husni Mubarak. In Kairo lieferten sich die Unterstützer von Präsident Mohammed Mursi Schlägereien mit Vertretern der Opposition. Die Lage war den ganzen Tag und auch in den Abendstunden sehr unübersichtlich. Vor dem Palast des Staatsoberhaupts warfen Randalierer mehrere Brandsätze. Nach Informationen des Senders al-Dschasira soll es mindestens zwei Tote gegeben haben.

Sowohl die Muslimbrüder, die Mursi folgen, als auch seine Gegner hatten ihre Anhänger am Mittwoch zu neuen Kundgebungen vor dem Präsidentenpalast in Kairo aufgerufen. Zum ersten Mal seit dem Beginn der jüngsten Proteste trafen damit beide Seiten direkt aufeinander.

Die Wut der Opposition richtet sich gegen einen Gesetzesentwurf, der Mursi enorme Machtbefugnisse einräumt. Das Dokument war Ende November in einer Marathonsitzung verabschiedet worden. Die Gegner sehen in dem Entwurf einen weiteren Schritt zu einem Gottesstaat.

Auf den Straßen spielten sich am Mittwoch dramatische Szenen ab. Nach einem ersten Zusammenstoß jagten Mursi-Anhänger die Gegner in den Seitenstraßen und schlugen sie in Innenhöfen zusammen. Unter den Oppositionskräften befanden sich viele Vermummte mit Motorradhelmen und Schlagstöcken. Beide Parteien schienen zu allem entschlossen. Wie bei der Gewaltorgie auf dem Tahrir-Platz auf dem Höhepunkt der Revolution haben Krawallmacher das Ruder übernommen.

Immer wieder waren auch Schüsse zu hören. Anhänger der Muslimbrüder behaupteten, von ihren Gegnern beschossen worden zu sein. Bei dem jüngsten Ausbruch der Gewalt gab es Dutzende Verletzte, die in Hauseingängen notdürftig versorgt wurden. Die meisten von ihnen erlitten Platzwunden oder Verbrennungen.

Hetzer auf Straßen peitschte die Menge an

Unorganisiert waren die Ausschreitungen jedoch nicht. Auf Seiten der Muslimbrüder stachelten Imame die eigenen Anhänger immer wieder an. "Rennt ihnen hinterher und fangt sie im Namen Allahs", riefen sie und peitschten die jungen Männer nach vorne.

Schon am Nachmittag hatte sich eine neue Eskalation der Gewalt abgezeichnet. Kurz vor dem Beginn der Demonstrationen hatte die Muslimbruderschaft ihre Anhänger angestachelt und direkt zur Gewalt aufgerufen. "Jetzt ist die Zeit zum Kampf gekommen", tönte ein Sprecher auf mehreren Fernsehkanälen, "willkommen zu harten Auseinandersetzungen".

Augenzeugen berichteten von heftigen Zusammenstößen, nachdem die Mursi-Anhänger begonnen hatten, das kleine Zeltdorf der Opposition zu zerstören. Demnach habe es Schlägereien gegeben, bei denen mehrere Menschen verletzt wurden.

Drei Berater des Präsidenten werfen hin

Noch bevor die jüngsten Auseinandersetzungen überhaupt ausgestanden waren, wies die Opposition bereits jede Schuld an der Eskalation von sich. "Die Verantwortung für die neue Gewalt in Ägypten liegt ganz allein bei Präsident Mursi und seiner Regierung", sagte Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei.

Eine erste politische Reaktion auf die neue Gewaltwelle gab es bereits. Drei Berater von Präsident Mursi haben aus Protest ihren Rücktritt erklärt. Der Politologe Seif Abdel Fatah verkündete diesen Schritt am Abend in einem Interview mit al-Dschasira live. Er erklärte unter Tränen, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick. Die Website des Kairoer Tageszeitung "al-Shorouk" meldete, auch Eiman al-Sajed und der Fernsehmoderator Amr al-Laithi hätten sich aus dem Beratergremium zurückgezogen.

mit Material von Reuters, dpa, dapd

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insgesamt 40 Beiträge
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1. haben Krawallmacher das Ruder übernommen...
Highfreq 05.12.2012
Früher nannte man sie Rebellen, Freiheitskämpfer oder sonst was. Jetzt sind es plötzlich Krawallmacher. Interessante Wendung der Tatsachen.
2. detonierende Brandsätze...
___wegwerfaccount___ 05.12.2012
"Eine Detonation ist eine sich mit Überschallgeschwindigkeit ausbreitende chemische Reaktion in einem Sprengstoff, die zur Explosion des Sprengstoffes führt." Quelle: Wikipedia
3. Nun wäre von beiden Seiten Vernunft gefragt
xxyxx 05.12.2012
Daß sich nun anscheinend vor dem Palast eine offene Konfrontation entwickelt, wird eine Lösung des Konflikts sicherlich nicht leichter machen. Aber es ist schon so, daß bis jetzt vor allem die PRO-Mursi-Seite alles unternommen hat, um eine Eskalation zu vermeiden. So wurde in der letzten Woche die Pro-Mursi-Demonstration um einen Tag verschoben, um ein Zusammentreffen der Konfliktparteien zu vermeiden, es wurde der Ort verlegt um den auf den Tahrir-Platz verbliebenen Demonstranten nicht zu nahe zu kommen. Und auch die Reaktion auf die gestrigen Versuche, die Straßensperren vor dem Präsidentenpalast zu stürmen, waren eher zurückhaltend (Man stelle sich nur vor, 1000 Autonome hätten bei uns versucht Schloss Bellevue zu stürmen). Angesichts der Ankündgungen der Opposition,erneut zum Präsidentenpalast zu ziehen, ist es nicht überraschend, daß nun auch die Anhänger des Präsidenten dorthin ziehen, um weitere Attacken zu verhindern. Um die ganze komplexe Lage zu begreifen, muß man auch folgendes bedenken: 1. Seit dem Sturz Mubaraks ist es in Ägypten noch nicht gelungen, wirkliche demokratische Institutionen zu schaffen und dies liegt vor allem daran, daß es immer noch Machtzentren des alten Regimes gibt, die eine demokratische Entwicklung sabotieren. Dies gilt insbesondere für die noch während des Mubarakregimes ernannten Richter und Staatsanwälte, die das gerade frisch gewählte Parlament aufgelöst haben und wahrscheinlich auch die Erstellung eines Verfassungsentwurfs torpetiert hätten. Die einzigen zur Zeit überhaupt einigermaßen demokratisch legitimierten Institutionen sind der Präsident und die Verfassungsversammlung (deren Zusammensetzung in etwa dem gewählten Parlament entspricht). Man muß Mursis Dekrete nicht mögen, aber sie waren wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, die weitere Sabotage zu verhindern. Und sie sind erklärtermaßen nur solange gültig, bis eine neue Verfassung in Kraft ist. 2. Die westlich orientierten liberalen Kräfte fühlten sich in der verfassungsgebenden Versammlung unterrepräsentiert. Man kann bedauern, daß dies so ist, aber tatsächlich spiegelte diese Zusammensetzung das Ergebnis der Parlamentswahlen. Es spricht nicht für das Demokratieverständnis von El Baradei und Amr Moussa, daß sie Wahlergebnisse ignorieren, die ihnen nicht gefallen. 3. Die Jugendbewegungen, die 2011 die Kampagne gegen Mubarak entscheidend getragen haben, stehen keineswegs so geschlossen gegen Mursi, wie dies hier berichtet wird. Die damals sehr einflussreiche Gruppe "Revolutionäre Jugend des 25.Januar" und auch andere Gruppen aus diesem Spektrum haben vergangene Woche für die PRO-Mursi-Demonstration mobilisiert. Andererseits wird die Anti-Mursi-Bewegung mittlerweile von vielen Kräften des alten Regimes mitgetragen. Hier noch ein Link zum Wortlaut des aktuellen Verfassungsentwurfs: Egypt's draft constitution translated | Egypt Independent
4.
lkm67 05.12.2012
Zitat von sysopIn Kairo eskaliert die Gewalt: Anhänger und Gegner von Präsident Mursi liefern sich wüste Straßenschlachten. Unter die Demonstranten haben sich viele Randalierer gemischt. Vor dem Palast explodierten Brandsätze. Ägypten: Mursi-Unterstützer und Opposition starten Straßenschlachten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-mursi-unterstuetzer-und-opposition-starten-strassenschlachten-a-871219.html)
Es bleibt nur zu hoffen das die Säkularen nicht die Segel streichen werden. Und ich unterstreiche das mir in diesem Falle auch das Eingreifen des Militärs auf Seiten der Säkularen recht wäre!
5. Es geht um viel
susuki 05.12.2012
Freiheit, Unabhängigkeit und um eine Zukunft! Der Frühling geht weiter! Mögen die demokratischen Revolutionäre ganz Ägypten von den reaktionären Hand und Fuss verstümelnden Verückten befreien! Es lebe der arabische Frühling!
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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