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Ägypten: Muslimische Extremisten attackieren Kirche in Kairo

Von Volkhard Windfuhr, Kairo

Angriff mit Knüppeln und Eisenstangen: Hunderte muslimische Jugendliche schlugen in Kairo auf Christen ein, die eine Kircheneinweihung feierten. Regierungsnahe Medien versuchten, den Vorfall zu verschweigen.

Kairo - Die Aufregung im dicht besiedelten Ain Schams al Gharbiya-Viertel am Nordostrand von Kairo ist auch Tage nach gewalttätigen Auseinandersetzungen noch groß. Hier hatten am Sonntag hunderte Moslems Christen angegriffen. Tagelang hatten regierungsnahe Medien versucht, den Fall in dem Arme-Leute-Viertel zu verschweigen.

Der muslimische Inhaber eines Ladens für Molkereiprodukte beschreibt den Angriff gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Wie auf Knopfdruck stürmten plötzlich mit Knüppel, Langmessern und Eisenstangen bewaffnete Jugendliche aus allen Himmelsrichtungen zum Schauplatz des Geschehens. Sie hätten eine Schlägerei begonnen, "wie wir sie in unserem Stadtviertel noch nie erlebt hatten", sagt der Mann mit bebender Stimme.

Die Polizei rückte mit Tränengas vor

Zuvor hatten Kopten, wie sich die Mehrheit der ägyptischen Christen nennt, die Eröffnung einer Kirche gefeiert. Die Andacht in der zum Gotteshaus umgebauten Textilfabrik wurde aber erheblich gestört: Auf Superlautstärke eingestellte Lautsprecher aus einer Mini-Moschee, die wenig Tage vorher in dem unmittelbar gegenüber liegenden Wohnhaus hastig eingerichtet worden war, übertönten die christliche Feier.

Daraufhin versuchten erboste koptische Jugendliche vergeblich, mit den Verantwortlichen für die provozierende Gebetsstörung ins Gespräch zu kommen. Augenzeugen berichten, dass statt einzulenken, der in dem Viertel unbekannte 25-jährige Imam die Gläubigen mit den Hetzrufen "Auf zum heiligen Krieg!" und "Zerstört die Kirche" noch weiter aufstachelte.

Als die muslimischen Angreifer versuchten, in die frisch geweihte Kirche einzudringen und die dorthin zurückströmenden Kopten anzugreifen, traf ein 400 Mann starkes Polizeiregiment und eine Abteilung eine Spezialeinheit des Innenministeriums ein. Sie brauchten trotz des Einsatzes von Tränengas über zwei Stunden, um die Ordnung wiederherzustellen.

Angriff von radikalislamischer Moslembruderschaft geplant

Dabei wurden acht Randalierer und vier Angehörige der Sicherheitskräfte verletzt. Außer zwei angezündeten Autos und einigen zerstörten Stühlen im koptischen Gotteshaus hielt sich der Sachschaden in Grenzen. Die Polizei verhaftete drei koptische und 13 muslimische Jugendliche, die sich noch in Untersuchungshaft befinden. Obwohl einige Medien von "vielen Tausend" Angreifern sprachen, bezifferten Augenzeugen SPIEGEL ONLINE gegenüber die Zahl auf knapp 800.

Inzwischen wurde bekannt, dass der Angriff von Mitgliedern der radikalislamischen Moslembruderschaft geplant war. "Hätte sich die Polizei verspätet, wären sicher noch mehr Moslembrüder aus anderen Stadtteilen angekarrt worden, und es hätte ein Blutbad gegeben", sorgte sich der Imam einer benachbarten Moschee.

Illegal gebaute Gotteshäuser

Das friedliche Zusammenleben von Moslems und Christen ist nach Angaben von Beobachtern durch derartige Vorfälle nicht grundsätzlich gefährdet. Allerdings täte der Staat gut daran, beiden Glaubensgemeinschaften keinen Vorwand zu geben, die jeweils andere zu bezichtigen, ihre Gotteshäuser ohne vorherige Einholung einer staatlichen Genehmigung zu bauen.

Präsident Husni Mubarak hat zwar bereits angeordnet, die Errichtung von christlichen und muslimischen Gotteshäusern von gleichlautenden Bedingungen abhängig zu machen. Doch die ausführenden Bestimmungen fehlen nach Ansicht des Klerus immer noch. Je schneller diese in Kraft treten, umso schwerer wird es der relativ einflussreichen islamistischen Moslembruderschaft und radikalen Islamisten fallen, den Bau von Kirchen ohne Bauerlaubnis als "staatsgefährdende Praktiken" und "Verschwörung" anzuprangern.

Der ist allgemein sehr verbreitet: Auch die christliche Kirche und die Moschee, deren Imam zum Kampf gegen seine koptischen Landsleute aufrief, sind ohne staatliche Genehmigung gebaut worden.

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Kairo: Angriff auf christliche Kirche


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