Ein Debattenbeitrag von Timothy Garton Ash
"Na gut, dann reden wir eben über Brot," sagt der Abgeordnete Gamal al-Ashri zu den Wählern, die sich um ihn drängen. Es ist spät am Abend. Vor dem schäbigen Wohnblock, in dem die Versammlung stattfindet, am Rande einer staubigen Straße voller Schlaglöcher, durchsucht eine Frau einen Berg von stinkendem Müll. Sie zieht etwas hervor und stopft es schnell in einen Plastikbeutel. Pferdekarren, zerbeulte alte weiße VW-Busse, schwarze Tuk-Tuks und Fußgänger kämpfen um Platz in diesem hupenden Chaos einer ägyptischen Straße. Wir befinden uns in einem armen Viertel von Giseh, nur ein paar Kilometer von den Pyramiden entfernt - aber weit weg von jedem Touristenpfad.
Das Problem mit dem Brot ist, dass es von der billigen, staatlich subventionierten Sorte zu wenig gibt. In der Nähe des Wohnblocks verkauft eine hell erleuchtete private Bäckerei duftende frische Laibe, aber die können sich die Armen nicht leisten. Der Abgeordnete erklärt den Wahnsinn des korrupten Staatsapparats, der Ägypten so weit heruntergewirtschaftet hat, dass es von importiertem Weizen abhängig ist. Danach werden Fragen gestellt zum Müll auf den Straßen, zu Verbrechen und zum öffentlichen Nahverkehr.
Dann steht ein Mann mittleren Alters auf, sorgfältig gekleidet in Jackett, schwarzem Hemd und Krawatte. Er fragt: "Aber warum haben wir Frauen im Parlament?" Das sei doch ganz klar falsch. Und er fügt hinzu: "Die Muslimbrüder sind an Frauen interessiert. Ich nicht. Ich möchte, dass die Frauen in den Haushalt zurückkehren."
Der Abgeordnete, an den die Frage geht, gehört zur "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", dem politischen Arm der Muslimbrüder. Sie haben die - relativ freien - Parlamentswahlen gewonnen und werden höchstwahrscheinlich in der nächsten Regierung das Sagen haben. Ich warte gespannt auf die Antwort. (So weit ich es beurteilen kann, hat der Abgeordnete nicht gemerkt, dass sich ein Ausländer ganz hinten im Raum befindet.) "Nein", sagt Ashri. "Wir wollen Freiheit für alle. Ägypten kann nur gemeinsam wieder aufgebaut werden. Frauen können uns helfen, viele Probleme anzugehen, Drogen beispielsweise, Erziehung."
Dann erhebt sich in dem vor allem mit Männern gefüllten Raum eine wütende Frau und fragt - nicht nach der Stellung der Frauen. Sondern nach einem anderen Abgeordneten, der Mohamed ElBaradei, einst als Präsidentschaftskandidat im Gespräch, als ausländischen Agenten denunziert hatte.
Die größten Feinde der Freiheit sind nicht die Islamisten
Willkommen in der harten und grausamen Realität von Ägypten. Es gibt zwei westliche Klischees von der ägyptischen Revolution und dem Arabischen Frühling: Auf der einen Seite die schönen jungen Revolutionärinnen, die Facebook und Twitter nutzen und in perfektem Englisch ihre tadellosen weltlichen, liberalen Ziele erklären. Hurra, hurra! Auf der anderen: dunkelhäutige, fusselbärtige Islamisten, die den kurzen Moment einer Semi-Demokratie ausnutzen, um ihre gewalttätige, gottesstaatliche, frauenfeindliche Unterdrückung durchzusetzen. Buh, buh! Arabischer Frühling, Arabischer Herbst.
Wie so oft steckt auch hier ein Körnchen Wahrheit in beiden Klischees. Es gibt sie, die phantastischen, mutigen, aufgeweckten jungen Frauen und Männer, die sich behauptet haben gegen extreme Einschüchterungsversuche (von Polizeikugeln bis hin zu sexuellen Übergriffen), und die unsere totale und großzügige Unterstützung verdienen. Und es gibt tatsächlich einige islamistische Monster. Aber die beiden Klischees sparen zwei viel größere und wichtigere Wahrheiten aus.
Erstens: Das größte direkte Hindernis für Freiheit im heutigen Ägypten, die Kraft, die aktiv versucht, die Revolution zurückzurollen, ist nicht die Muslimbruderschaft. Es ist der vom Militär dominierte Sicherheitsapparat, der seit 60 Jahren herrscht und den nun der Militärrat repräsentiert. Das Militär hat vor kurzem zwei hässliche Wälle aus Betonblöcken aufgetürmt, die mich unweigerlich an die Bilder der Berliner Mauer erinnern, um den Zugang zum Tahrir-Platz und den nahegelegenen Regierungsbüros zu blockieren.
Die Streitkräfte haben Legionen von Spionen, Schlägern und Folterknechten befehligt, die jahrzehntelang Säkulare, Salafisten, koptische Christen und ganz normale Menschen terrorisiert haben. In letzter Zeit haben sie Blogger eingesperrt, nur weil die gewagt hatten, sie zu kritisieren. Sie kontrollieren weite Teile der Wirtschaft, Schätzungen schwanken zwischen 10 und 40 Prozent. So viel jedenfalls, dass sie, wenn die Reserven der Zentralbank erschöpft sind, mal eben eine Milliarde Dollar überweisen können - "als hätten sie die unter dem Sofa gefunden", wie ein Beobachter kommentierte. Der Militärrat ringt mit dem gewählten Parlament, um die Kontrolle sowohl über das Innen- als auch über das Verteidigungsministerium zu behalten und den Verteidigungshaushalt jeder Nachprüfung zu entziehen. Obwohl die Streitkräfte über 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe aus Washington erhielten, haben sie sich die erstaunliche Frechheit herausgenommen, 43 Aktivisten ausländischer NGOs vor Gericht gestellt, darunter den Sohn des US-Verkehrsministers. Kurz, die Militärs sind immer noch das größte Hindernis auf Ägyptens langem Weg in die Freiheit.
Eine Konterrevolution wie in Iran ist kaum zu erwarten
Zweitens: Wenn es stimmt, dass die ägyptische Wahl teilweise frei und teilweise fair war, dann haben sie die Islamisten für sich entschieden. Ob man sie nun liebt oder hasst, es waren sie - und nicht die urbanen, gut ausgebildeten jungen Leute, die die Revolution auf dem Tahrir-Platz anführten - die politisch gewonnen haben. Das ist auch nicht erstaunlich in einer konservativen, mehrheitlich muslimischen Gesellschaft, in der die Muslimbrüder im Untergrund bestens organisiert waren. Die "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit" mag mit dem Militär paktieren - sie wird aber auch versuchen, ihm die Flügel zu stutzen.
Die Menschen, die wir in den Einheitstopf der Islamisten werfen, haben verschiedene Formen und Größen: fett und dürr, hart und sanft, dogmatisch und pragmatisch. Einige setzen vorrangig auf freie Marktwirtschaft, andere auf Wohlfahrt, wieder andere auf kulturellen und religiösen Konservatismus. In den Ländern des Arabischen Frühlings kommt es entscheidend darauf an, welche Sorte von Islamisten die Oberhand gewinnt, in welchem Kontext und unter welchen inneren und äußeren Zwängen. Im Moment scheinen die Prioritäten der "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit" in Ägypten klar zu sein: einige Verbesserungen in Wirtschaft, Sozialleistungen und Sicherheit für die Bürger zu bringen. Wenn das nicht gelingt, das wissen die Politiker, werden sie Popularität und damit Stimmen verlieren.
Ein Jahr nach dem Sturz von Husni Mubarak ist das nicht das, was die jungen Revolutionäre vom Tahrir-Platz sich erträumten. Es ist auch nicht das, was wir westlichen, säkularen Liberalen uns erträumt haben. Deshalb ist es kein neues 1989. Aber es ist auch nicht 1979, und wir sind nicht in Iran, wo eine Regenbogen-Revolution schnell zu einem unterdrückerischen islamistischen Gottesstaat degenerierte. Es ist Ägypten 2012. Sogar säkulare Liberale und koptische Christen sagen, dass eine pragmatische islamistische Regierung, die nach und nach den aufgeblähten Militär-, Sicherheits- und Beamtenapparat beschneidet, vielleicht das Beste ist, das sie erwarten können.
Wenn die unter uns, die in reicheren und freieren Ländern leben, Ägypten in seiner Übergangsphase helfen wollen, dann müssen wir anfangen zu verstehen, was in all der staubigen und schlaglöchrigen Komplexität passiert. Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Klischees.
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