Krise in Ägypten: Polizei will Mursi-Anhänger im Protestlager aushungern

Mursi-Anhänger in Kairo: Leben im Lager Fotos
DPA

Die ägyptische Regierung hat eine Strategie entworfen, um den Dauerprotest von Islamisten zu beenden. Einem Zeitungsbericht zufolge soll dabei ein Blutvergießen verhindert werden. Die Sicherheitskräfte wollen die Nahrungs- und Wasserzufuhr für das Protestlager unterbinden.

Kairo - Tausende Menschen harren seit mehr als einem Monat in dem Protestcamp aus. Sie hausen in Zelten, dicht an dicht. Ganze Familien haben sich hier im Kairoer Stadtteil Nasr City niedergelassen. Zum Schutz gegen eine Erstürmung haben die Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi inzwischen mehrere Steinmauern hochgezogen.

Die ägyptischen Sicherheitskräfte drohten in den vergangenen Wochen mehrfach damit, das Camp mit Gewalt aufzulösen. Doch inzwischen hat die Regierung von diesem Plan offenbar Abstand genommen. Sie will den Dauerprotest von Islamisten mitten in der Hauptstadt ohne Blutvergießen beenden. Das berichtet die arabische Zeitung "Al-Sharq Al-Awsat" am Samstag unter Berufung auf einen Verantwortlichen.

Eine gewaltsame Erstürmung der Zeltstadt sei verworfen worden, heißt es in dem Bericht weiter, weil die Regierung anschließend internationale Konsequenzen und wirtschaftliche Nachteile fürchte. Einem Szenario des Innenministeriums zufolge hätte bei einer solchen Aktion mit 3000 bis 5000 Toten gerechnet werden müssen. Zahlreiche ausländische Diplomaten hatten die Übergangsregierung in den vergangenen Wochen vor einem gewaltsamen Vorgehen gegen die Demonstranten gewarnt.

Kein Wasser, kein Strom, kein Essen

Dem aktuellen Plan zufolge soll in den nächsten Tagen zunächst der Zugang zu dem Protestlager rund um die Rabea-al-Adawija-Moschee blockiert werden. Anschließend werde die Polizei das Zeltlager der Mursi-Anhänger mit Tränengas und Wasserwerfern beschießen. Außerdem wolle man den Protestierenden das Wasser und den Strom abdrehen. Niemand soll mehr Lebensmittel in die Zeltstadt bringen dürfen. Wer das Lager verlässt, soll nicht mehr hineingelassen werden.

Laut "Al-Sharq Al-Awsat" rechnet das Innenministerium dem Informanten zufolge dennoch mit einer recht langen Zeit von etwa drei Monaten, bis sich das Lager auflöst. Grund hierfür sei, dass die Islamisten in den vergangenen Wochen rund 300 Wohnungen in dem Viertel rund um das Zeltlager übernommen hätten, von denen aus das Protestcamp versorgt werde.

Die Islamisten fordern die Wiedereinsetzung Mursis, der Anfang Juli nach Massenprotesten von der Armee abgesetzt worden war. Sie wollen so lange in ihrer Zeltstadt ausharren, bis diese Forderung erfüllt ist. Bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Islamisten wurden seitdem mehr als 250 Menschen getötet.

Mursi wird an einem geheimen Ort festgehalten. Die Militärs setzten Adli Mansur als Übergangspräsidenten ein und installierten eine neue Regierung unter Hasim al-Beblawi. Außerdem wurde eine Änderung der unter den Muslimbrüdern verabschiedeten Verfassung beschlossen.

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1. Ob Aushungern hilft
herpich 10.08.2013
erscheint bei den Islamisten wohl mehr als fraglich. Vermutlich treten sie dann gleich in den Hungerstreik, was den Militärs die Lösung des Problems vor den Augen der Welt nicht einfacher machen würde.
2. optional
egyptwoman 11.08.2013
Verblendet und verbohrt. Die Camp-Insassen hatten seit Wochen Zeit sich mit der Regierung zu einigen, aber sie beharren auf einem Ziel was nicht erreicht werden kann und das wissen sie auch. Besser diese Lösung als Gewaltsam vorzudringen und damit zu riskieren das auch unschuldige ums Leben kommen, denn nicht alle Bewohner von Nasr City stehen hinter den Islamisten. Und wenns halt noch 3 Monate dauert, dann dauert es halt solange. Ein Blutbad wäre das letzte was Ägypten jetzt brauchen kann.
3. Geht wohl auch in die Hose.
M. Thomas 11.08.2013
Bisher konnte weder frontale, maximale Gewaltanwendung noch versteckte durch Scharfschützen die Proteste verhindern. Nach wie vor versammeln sich ägyptenweit Zehntausende - und das jeden Tag. Nicht nur Ägypten, sondern die ganze Welt sollte gut darüber nachdenken, ob es sich tatsächlich wie behauptet nur um eine "trotzige Minderheit" handelt, die angeblich "niemand will". In der Zwischenzeit gehen auch medienmanipulative Aktionen der Putschisten fehl: die prominente Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman, die sich bis zum 30.06.13 noch zum Putsch bekannte und sich nun auf die Seite der Protestanten stellt, wurde kurzerhand an ihrer Einreise nach Ägypten gehindert. Hinweise, die auf eine starke Beteiligung und Vorbereitung des Putsches von außen zeigen, verdichten sich durch Dokumente und Stellungnahmen. Das Militär wird wohl um weitere Massaker und willkürliche Verhaftungen nicht herumkommen; es dürfte den Demonstranten möglich sein, trotz eines Belagerungsringes etliche tausend Demonstranten zu ernähren.
4. Bitte mal wieder auf den Teppich zurück!
hubertl 11.08.2013
Mursi wurde demokratisch gewählt. Die Armee hat ihn abgesetzt und die Regierung übernommen, ihren Kandidaten eingesetzt. Gegen diesen Wechsel in der Macht prostestieren nun Wähler und Wählerinnen. Wo ist das Problem? Das Problem könnte weniger in dem undemokratischen Machtwechsel liegen als darin, dass außerhalb Ägyptens anderen Mächte das freie demokratische Wahlergebnis nicht so gut gefallen hat.
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Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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