Muslimbrüder in Ägypten: Religiös, machtbewusst, starrköpfig

Aus Mahalla berichtet

In Ägypten prallen Welten aufeinander: Präsident Mursi will eine islamisch geprägte Verfassung durchdrücken - die säkulare Opposition hält mit Massendemos dagegen. Beide Seiten machen Politik ohne Kompromisse, alles läuft auf eine neue Konfrontation auf der Straße hinaus.

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Islamist Hassan Saif Abdel-Fatah in Mahalla: "Wir räumen auf mit dem Mubarak-Regime"

Mahalla, eine Arbeiterstadt zwei Stunden nördlich von Kairo, sieht sich selbst gern als die Geburtsstätte der ägyptischen Revolution. Schon 2008 kam es hier zu Aufständen der Verzweiflung. Die Menschen waren wütend über die steigenden Lebensmittelpreise. Es war der Beginn der Jugendbewegung "6. April", die später auch auf dem Tahrir-Platz für mehr Rechte eintrat.

Wenn man heute nach Mahalla fährt, wird man als erstes von einem riesigen Plakat begrüßt, auf dem Mohammed Mursi gütig lächelt. "Der Präsident Ägyptens" steht groß darauf. An der Hauptstraße hängen immer wieder Banner der "Partei für Freiheit und Gerechtigkeit", der Partei der Muslimbruderschaft. Die Jugendbewegung vom 6. April ist sichtbar nur mit ihrem Logo, einer geballten Faust, als Graffiti auf den Wänden.

Das Büro der Islamisten liegt nur ein paar hundert Meter entfernt vom Hauptplatz der Stadt. Der Muslimbruder Hassan Saif Abdel-Fatah, ein 48-Jähriger in einem etwas älteren, beigefarbenen Anzug, steht davor und begutachtet die Schäden. Am Dienstagabend haben ein paar hundert wütende Jugendliche die Zentrale mit Steinen und Molotow-Cocktails beworfen. Die Glasscheibe am Eingangstor ist zersplittert, Brandspuren sind an der Hauswand zu erkennen. Durch das Banner der Muslimbruderschaft zieht sich ein Riss.

"Ich verstehe das nicht", sagt Abdel-Fatah. "Vorher haben die Mursi-Gegner gesagt, sie wollen revolutionäre Entscheidungen - und jetzt sind sie dagegen. Ich verstehe das nicht."

Obwohl sich Widerstand gegen die Muslimbrüder in Ägypten regt, geben sich diese uneinsichtig. Sie können nicht nachvollziehen, warum ein Teil der Ägypter sie der Machtergreifung bezichtigt und in Aufruhr ist.

Liberale fürchten eine Diktatur der Religiösen

Präsident Mursi hat sich vor einer Woche autoritäre Vollmachten erteilt und eine umstrittene verfassungsgebende Versammlung für unanfechtbar vor den Gerichten erklärt. Am Donnerstag hat sie den Entwurf der Verfassung abgesegnet, der von den Islamisten geschrieben wurde, nachdem sich die liberale Minderheit wütend aus der Versammlung verabschiedet hat. Nun soll der Entwurf den Ägyptern zum Referendum vorgelegt werden.

Er enthält mehrere vage, kontroverse Artikel, die islamischen Gelehrten Möglichkeiten geben würden, sich in das Privatleben der Ägypter einzumischen. Die Liberalen fürchten eine Diktatur der Religiösen. Dass Mursi den Entwurf nun kompromisslos durchboxt, hat ihre Sorgen nur verstärkt.

"Wir räumen auf mit dem Mubarak-Regime. Das sind doch nur die eifersüchtigen Verlierer, die uns kritisieren", sagt Abdel-Fatah. Wie viele Muslimbrüder sieht er sich als "echten Revolutionär", schließlich wurden die Islamisten Jahrzehnte lang verfolgt. Auch Präsident Mursi betont immer wieder seine Zeit in Haft unter Mubarak, sie soll ihm Glaubwürdigkeit verleihen, wo das Charisma der Straße fehlt. Die Muslimbrüder - sie sehen sich als die Vertreter der Guten. Wer daran zweifelt, so der Umkehrschluss, muss ein Anhänger des alten Regimes sein.

Tatsächlich hatten die Gerichte immer wieder den Übergangsprozess in Ägypten zurückgeworfen. Das Unterhaus des Parlaments wurde von ihnen wegen eines Formfehlers im Wahlgesetz aufgelöst. Erst übernahm der Militärrat die Legislative in Eigenregie, dann Präsident Mursi. Am Sonntag wäre wahrscheinlich die verfassungsgebende Versammlung für ungültig erklärt worden. Manche, nicht alle Richter hatten gute Verbindungen zum alten Regime. Dass Mursi vergangene Woche die gesamte Judikative zum Feind erklärte und sich kurzerhand über das Recht stellte, dürfte deren ungesunde Politisierung wohl nur verstärken.

Viele Bürger kritisieren Mursis Rücksichtslosigkeit

"Wer wurde gewählt, die Richter oder wir?", fragt Abdel-Fatah. Es ist ein eigentümliches Verständnis von Recht, das die Muslimbrüder an den Tag legen, soll doch die Judikative eigentlich unabhängig von den wechselnden politischen Mehrheiten sein und über ihnen stehen. "Wir hatten 40 Prozent im Unterhaus des Parlaments bekommen. Wir haben die Mehrheit", sagt Abdel-Fatah. Zusammen mit der Partei der konservativen Salafisten kamen die Islamisten bei den Parlamentswahlen sogar auf gut 65 Prozent. Dementsprechend glauben die Muslimbrüder auch jetzt die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. "80 bis 90 Prozent der Ägypter stehen hinter mir", sagt Mursi in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der amerikanischen Zeitschrift "Time".

Wenn man in Mahalla herumfragt, sieht es anders aus. Viele kritisieren Mursis Rücksichtslosigkeit. Ihr Kandidat war er nicht. Die zahlreichen moderateren und charismatischeren Politiker nahmen sich gegenseitig die Stimmen weg. Als in der Endrunde der Präsidentschaftswahlen nur noch Mohammed Mursi und Ahmed Shafik übrigblieben, ein Mubarak-Mann, gewann Mursi mit 52 zu 48 Prozent der Stimmen. Knapp die Hälfte der Wahlberechtigten war zu Hause geblieben. Diejenigen, die von vorneherein für Mursi gestimmt haben, halten ihm allerdings weiterhin die Treue. "Wir müssen ihm doch erst einmal eine Chance geben", sagt ein Textilarbeiter.

Es ist tatsächlich nur eine Minderheit, die sich offen gegen den Präsidenten und die Muslimbrüder auflehnt. In Kairo werden am Freitag wohl wieder Hunderttausende zusammenkommen. Viele der Demonstranten in der Hauptstadt gehören der Bildungselite an. Auch in Mahalla werden sich wohl wieder ein paar Tausend versammeln. Die Steine werden wieder fliegen, wahrscheinlich auch in ein paar anderen Städten. Doch es bleibt eine Minderheit, die sich auflehnt. Die Mehrheit mag nicht mit Mursi übereinstimmen, aber sie wünscht sich vor allem, dass es wieder voran, wieder aufwärts geht, irgendwie.

Die Muslimbrüder wollen ihre Kritiker vom Tahrir-Platz verdrängen

Dass zur Politik auch Kompromiss und Konsens gehören, um die Opposition mit an Bord zu bekommen - gerade bei so weitreichenden Entscheidungen, wie sie Ägypten dabei ist zu treffen -, scheint in Mursis Politikverständnis nicht vorzukommen. Seine Idee von Demokratie scheint das reine Mehrheitsprinzip, nicht die Herrschaft des Volkes. Dass zur Herrschaft der Mehrheit gerade auch der Respekt der Minderheit gehört, scheint der Präsident zu ignorieren. Er nimmt keine Rücksicht auf die extrem misstrauische Opposition, die ihrerseits kaum zu Zugeständnissen bereit ist.

Die Antwort Mursis auf seine Gegner? Eine noch größere Demonstration. Die Muslimbrüder und Salafisten wollen mit ihrer Massenkundgebung zeigen, wer die Mehrheit wirklich vertritt. Politische Erfahrung haben die ägyptischen Muslimbrüder wenig. Unter Mubarak wurde verfolgt, wer ihm gefährlich wurde. Der politische Arm der Islamisten wurde immer wieder verboten, die Führungsriege eingesperrt. Viele Mitglieder sind Unternehmer, Ingenieure, Wissenschaftler - der Öffentliche Dienst war für die Islamisten vor der Revolution nahezu unmögliches Terrain.

In Mahalla ist Abdel-Fatah zuversichtlich, dass die Gegner der Muslimbruderschaft mittelfristig auf deren Linie umschwenken werden. "Lasst uns erst einmal machen", sagt Abdel-Fatah. "Wir wollen mit unseren Handlungen, nicht mit Gewalt, zeigen, dass der Islam die beste Religion für alle ist."

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insgesamt 42 Beiträge
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    Seite 1    
1. frei leben
lebenslang 30.11.2012
alle die etwas auf dem kasten haben und sich nicht bigottem religiösen diktat beugen wollen werden abhauen, dorthin wo man frei von religiöser zwangsjacke leben und arbeiten kann - in den freien westen.
2.
XRay23 30.11.2012
Zitat von lebenslangalle die etwas auf dem kasten haben und sich nicht bigottem religiösen diktat beugen wollen werden abhauen, dorthin wo man frei von religiöser zwangsjacke leben und arbeiten kann - in den freien westen.
Das glaube ich kaum. Es wird dort richtig eskalieren oder die Muslimbrüder knicken ein und ändern die Verfassung. Sollte es Neuwahlen geben würde das Ergebnis diesmal anders aussehen. Der Großteil der Ägypter will aber wahrscheinlich auch keine strikte Trennung von Staat und Religion. die Sharia war jahrzehntelang Quelle aller Gesetze und die Leute sind damit gut gefahren, weil klare Regeln definiert waren. diese Ordnung wollen die meisten beibehalten. Bei vernünftiger, moderner Auslegung ist das auch alles kein Problem und rechtstaatlich durchaus zu vereinbaren, findet sie doch auch in Deutschland bei Familienstreitigkeiten muslimischer Familien vor unseren Gerichten Anwendung. Wenn jedoch die Imame die Gesetze erlassen könnte sich die Situation durchaus ändern. Andererseits finden sich auf den Anti-Mursi Demonstrationen wohl auch Gelehrte der al-Azhar-Universität, welche ja die Gesetze auf ihre Vereinbarkeit mit der Sharia prüfen sollen. Die Situation ist also seltsam und gefährlich, aber definitiv steuert sie nicht in Richtung Iran. Fakt ist, es wird keine Ruhe einkehren so lange nicht alle zufrieden sind. Der Zustand kann erst erreicht werden wenn man Kompromisse macht.
3. Regypten
meklein 30.11.2012
ja, sehr vertrauenserweckend, der herr auf dem foto. bei dem würde ich mich auch in guten händen regiert fühlen
4. Ohne Kompromisse!
denkdochmal 30.11.2012
Zitat von sysopIn Ägypten prallen Welten aufeinander: Präsident Mursi will eine islamisch geprägte Verfassung durchdrücken - die säkulare Opposition hält mit Massendemos dagegen. Beide Seiten machen Politik ohne Kompromisse, alles läuft auf eine neue Konfrontation auf der Straße hinaus. Ägypten: Protest gegen Muslimbrüder und Präsident Mursi - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-protest-gegen-muslimbrueder-und-praesident-mursi-a-870042.html)
Mit Verlaub, welchen Kompromiß kann es geben? Die Säkularen kennen die Musimbrüder genau und wissen, daß das, was sie von ihnen zu erwarten haben, keine Freiräume für eine Gesellschaft mit menschenwürdigen Ambitionen zuläßt. Religiöse Fanatiker kennen keine Kompromisse. Das sollten wir auch in Europa bedenken und entsprechend angemessen handeln.
5. yoooh
geotie 30.11.2012
Je dümmer der Mensch ist, desto brutaler wir er seinen Willen durchsetzen und somit auch die Oberhand erlangen. Dummheit wir folglich nie aussterben! Nachweislich hat man noch nie einen Gott gesehen, aber es wir dafür gemordet (was vom Glauben her eine Sünde ist). Ungläubige müssen nach den Regeln leben, die von Geistlichen erfunden wurden und oft nichts menschliches an sich haben.
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Fotostrecke
Protest gegen Mursi: Wut, Steine, Tränengas

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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