Krise in Ägypten: Die Muslimbrüder bunkern sich ein

Aus Kairo berichtet

Straßenkämpfe in Ägypten: Mauern als Barrikaden, Steine als Waffen Fotos
AFP

Mindestens 72 Menschen starben beim Angriff der Sicherheitskräfte am Samstagmorgen. Das Militär glaubt, sich das brutale Vorgehen leisten zu können. Das Protestlager der Islamisten soll bald geräumt werden. Doch die geben sich trotzig. Sie denken nicht daran, zu gehen.

Es ist noch nicht einmal zwölf Stunden her, dass hier die Kugeln einschlugen. Mindestens 72 Menschen kamen ums Leben, als am Samstagmorgen die Sicherheitskräfte an dieser Stelle auf die islamistischen Demonstranten schossen. Und doch sitzen die Anhänger des gestürzten Mohammed Mursi schon wieder hier hinter ihrer selbst aufgetürmten Mauer am Denkmal des Unbekannten Soldaten.

"Wir müssen Rabaa verteidigen", sagt der 34-jährige Abbas Adel, über das Protestlager der Mursi-Anhänger. Der Eingang zu der Zeltstadt der Islamisten liegt etwa 800 Meter hinter ihm.

Kaum einer der Mursi-Anhänger bezweifelt, dass die Sicherheitskräfte versuchen werden, die Proteststadt der Islamisten zu räumen. Am Samstag hat der Innenminister angekündigt, die Polizei und die Armee seien dabei zu klären, wann der beste Zeitpunkt dafür sei.

In Rabaa bauen sie deswegen Mauern, eine nach der anderen. Inzwischen sind es sieben aufeinanderfolgende Steinringe, die von der Zeltstadt weg die Nasr- Straße versperren. Immer weiter rücken sie dabei vor auf Feindesland.

Die Muslimbrüder verfolgen eine selbstmörderische Strategie

Der Kairoer Stadtteil Nasr City, in dem sich ihr Protestlager befindet, ist nicht nur eine Hochburg von Mittelklassefamilien mit Sympathien für die Islamisten. Dort befindet sich auch ein Armee-Gebäude nach dem anderen, inklusive dem Verteidigungsministerium. Die Namen - Nasr, der Sieg - erinnern daran.

Es ist ein symbolischer Ort, den sie mit ihrer siebten Mauer eingezäumt haben. Auf dieser breiten Straße fand 1981 eine fatale Militärparade statt. Die Tribüne ist zu sehen, auf der Präsident Anwar Sadat von radikalislamistischen Offizieren erschossen wurde.

Gegenüber ist Sadats Grab und der Pyramidenbogen des Denkmals des Unbekannten Soldaten. Davor weht ein nun von Kugeln durchlöchertes Mursi-Plakat - der Islamisten-Präsident über dem Grab des von Islamisten erschossenen Militärs.

Man will keinen Zentimeter weichen. Die Muslimbruderschaft hält an ihrer Forderung fest, dass Mohammed Mursi ins Präsidentenamt zurückkehren muss. Sie überschätzt sich, schon wieder. Ihre Strategie scheint der pure Selbstmord.

Die Überwachungspolizei kann aktiviert werden

Ägyptens Sicherheitskräfte haben klar gemacht, dass sie nur allzu gern brutal mit den Mursi-Anhängern aufräumen würden. Nach dem Schüssen vom Samstagmorgen sagte der Innenminister Mohammed Ibrahim, die Muslimbrüder seien selbst schuld daran. Auch stellte er in Aussicht, dass die Überwachungspolizei für politische und religiöse Angelegenheiten reaktiviert werden könnte. Sie war unter Husni Mubarak unter anderem zuständig für die Folter von Islamisten.

Das Militär und die Polizei glauben, sich das brutale Vorgehen leisten zu können. Denn aus dem Lager der Anhänger von Militärchef Abd el-Fattah al-Sisi kommt kein Widerspruch. Auch international bekannte Liberale wie Mohammed El-Baradei bleiben stumm. Bei manchen Ägyptern ist der Hass auf die Muslimbruderschaft dermaßen groß, dass sie die Nachricht von den erschossenen Demonstranten sogar bejubelten.

Es scheint, als stünde ein massives Einschreiten der Sicherheitskräfte gegen die Rabaa-Zeltstadt kurz bevor. Die Dämonisierung des Islamisten-Camps läuft in den Staatsmedien auf Hochtouren. Die Menschen dort werden als ausländische Agenten dargestellt - keine gleichberechtigten ägyptischen Mitbürger - oder als folternde Bestien, die im Müll hausen.

Keine Waffenlager, Foltertunnel oder ausländische Terroristen

Es gibt genügend Ägypter, die diese Vorwürfe glauben. Tatsächlich gibt es in Rabaa regelmäßige Müllsammlungen. Unter der Rednertribüne befindet sich eine Gemeinschaftsküche, keine Waffenlager, Foltertunnel oder ausländische Terroristen, wie das ägyptische Staatsfernsehen berichtete.

Der 22-jährige Omar Hisam stammt aus Ismailije, der Stadt, wo die Muslimbruderschaft 1928 gegründet wurde. Er campiert in Rabaa schon seit 31 Tagen. An diesem Samstag hat er Tränen in den Augen. Er hat den zweiten Freund verloren. Der erste wurde bei den Protesten vor der Republikanischen Garde am 8. Juli vom Militär erschossen. "Ich gehe hier nicht weg, bis ich ihnen folge", sagt Hisam. "Ich sterbe oder wir siegen im Namen Allahs".

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Die Armee hat keine Wahl als hart und konsiquent durchzugreifen
commonsense2 27.07.2013
Muslembrueder sind vergleichbar mit Taliban, AlQuaida und allen moeglichen fanatischen Terrororganisationen die Islam hervorgebracht hat. Um sie zu kontrollieren, gehoeren Demonstarionsverbote, ev. Ausgangssperren und rigeroses Durchgreifen mit isolieren dazu, die Chance aufrechtzuerhalten, dass der fortschrittliche Teil der Aegyter, die fuer Ansaetze von Demokratie, Liberalismus, sekulaere Formen des Islam und Meinungsfreiheit eintreten, sich nicht schon wieder einem noch uebleren Terrorregim wie gerade von der Macht entfernt, sich unterwerfen wollen. Die Europaer, auch Politiker, sollten sich demonstrativ hinter General Sisi und die fortschrittlichen Aegypter stellen, ansonsten werden sie bald auch "Muslimbruederverhaeltnisse" in ihren Hinterhoefen, auf Strassen, in Moscheen vorfinden.
2. ordentlich drauf
adazaurak 27.07.2013
gut gemacht, Ägypten, kein Fußbreit dem religiösen Wahn
3. Im Namen Allahs
reactor 27.07.2013
"Ich gehe hier nicht weg, bis ich ihnen folge", sagt Hisam. "Ich sterbe oder wir siegen im Namen Allahs". Na dann warten wir mal ab.... Es sieht ja endlich so aus, als ob nun wirklich der "Arabische Fruehling" ausgebrochen ist. Auch die Tunesier haben anscheinend jetzt die Schnauze endgueltig voll von diesem religioesen Wahn. Fuer diese fanatischen Extremisten wird es immer enger....
4. Mal sehen
MHB 27.07.2013
ob sich ein weiteres Syrien noch verhindern lässt. Ich heiße diesen Militärputsch nicht gut, aber wenn erstmal die ganzen islamistischen Spinner ans Werk gehen mit ihrem "Dschihad" dann wars das.
5.
widder58 27.07.2013
Zitat von sysopMindestens 65 Menschen starben beim Angriff der Sicherheitskräfte am Samstagmorgen. Das Militär glaubt, sich das brutale Vorgehen leisten zu können. Das Protestlager der Islamisten soll bald geräumt werden. Doch die geben sich trotzig. Sie denken nicht daran, zu gehen. Ägypten: Sicherheitskräfte schießen auf Mursi-Anhänger - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-sicherheitskraefte-schiessen-auf-mursi-anhaenger-a-913519.html)
Eine Farce, Mubarak wegen genau der Verbrechen anzuklagen, die Mursi und die Militärs selbst verüben. Eine Farce westlicher Traumtänzer, in diesen Ländern "Demokratie" durchsetzen zu wollen (was auch immer damit gemeint ist). In Syrien opfert der Westen für diese Schnapsidee derzeit das Volk - in Ägypten und Tunesienist man nicht weit entfernt davon und in Libyen regiert eh bereits der Mob.
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

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Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757