Aussteiger über die Muslimbrüder: "Alles-oder-nichts-Mafiosi im religiösen Gewand"

Ägypten ist in Aufruhr. Islamisten und Opposition liefern sich einen erbitterten Streit über die Verfassung. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Muslimbruderschaft. Einer ihrer Ex-Anführer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum er die religiöse Bewegung inzwischen für gefährlich hält.

Anhänger von Präsident Mursi und der Muslimbruderschaft: "Langfristig keine Chance" Zur Großansicht
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Anhänger von Präsident Mursi und der Muslimbruderschaft: "Langfristig keine Chance"

Kairo - Die Muslimbruderschaft gehört zu den wichtigsten Unterstützern des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Er war ihr Kandidat. Mursis Gegner verspotten ihn sogar als Marionette dieser islamischen Bewegung. Vor dem Sturz des alten Regimes war die Muslimbruderschaft in Ägypten offiziell verboten. Inzwischen ist sie die am besten organisierte politische Bewegung im Land.

Im aktuellen Verfassungskonflikt spielt die Muslimbruderschaft eine entscheidende Rolle, denn sie hat den von der Opposition kritisierten Entwurf wesentlich formuliert.

Der Rechtsanwalt Tharwat al-Chirbawi gehörte einst dem Führungsgremium der Muslimbruderschaft an. Der 56-Jährige ist ein prominentes Mitglied des einflussreichen Rechtsanwältesyndikats. Inzwischen ist Chirbawi aus dem Führungszirkel der Muslimbruderschaft ausgetreten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verurteilt er die mafiösen Machenschaften der Islamistenorganisation.

SPIEGEL: Sie sind der bislang ranghöchste Dissident aus dem inneren Zirkel der Muslimbruderschaft. Wird Präsident Mohammed Mursi einen Bürgerkrieg riskieren?

al-Chirbawi: Er hätte die blutigen Zusammenstöße zwischen den Liberalen und den islamistisch orientierten Demonstranten der letzten Tage verhindern können - er kann auch jetzt noch eingreifen und Blutbäder verhindern, die sich bereits abzeichnen. Er hat aber neues Öl in die Flammen gegossen. Mursi ist zwar dem Namen nach Staatschef des größten Araberstaats, de facto trifft er die meisten seiner Entscheidungen aber nicht allein. Er hat Ratgeber, außerdem ist er dem Bruderschaftsführer Badi zu absolutem Gehorsam verpflichtet wie alle Mitglieder. Natürlich benutzt die von der Bruderschaft gegründete "Freiheits- und Gerechtigkeitspartei" schon mal andere Vorgehensweisen. Doch das Endziel des islamischen Scharia-Staates haben alle gemeinsam.

SPIEGEL: Heißt das, dass die im Westen anfangs als demokratische Alternative gehandelte Bruderschaft den Konflikt ausweiten will - um jeden Preis?

al-Chirbawi: Die Bereitschaft ist prinzipiell da, wenn auch nicht bei jedem einzelnen Mitglied der Bruderschaftsführung. Die Machthaber auf dem Mokattam machen zum dritten Mal in ihrer langen Geschichte immer den gleichen Fehler: Sobald sie politischen Freiraum und Auftrieb verspüren, verlieren sie den Sinn für die Realitäten. Das war so nach der Serie politischer Morde unter König Faruk, nach Gamal Abd al-Nasser Kooperationsbereitschaft und dem Anschlag auf sein Leben sowie nach Anwar al-Sadats Rehabilitierung der Bruderschaft und deren Versuch, ihn nach der Unterschrift unter den Friedensvertrag mit Israel zu isolieren. Es kam sogar schlimmer. Die Bruderschaft will die Macht einfach nicht teilen, und für dieses Ziel sind alle Mittel recht.

SPIEGEL: In Ägypten können sie sich doch auf einen Großteil der Bevölkerung stützen. Schließlich ist Mursi ja gewählt worden.

al-Chirbawi : Wie sauber die Wahlen wirklich waren, weiß niemand so genau. Aber so überwältigend groß ist die Bruderschaft gar nicht, sie hat nicht einmal eine Million Mitglieder - nicht viel bei einem 85-Millionen-Volk. Aber die Mitglieder sind organisiert und auf Knopfdruck einsatz- und abrufbereit.

SPIEGEL: Meinen sie die Milizen?

al-Chirbawi : Vor allem die Milizen, die in verschiedenen entlegenen Landesteilen, manchmal sogar in getarnten "Sportclubs" in den Großstädten trainiert werden. Natürlich hat es auch unter Mubarak Kollaborateure auf höchster Ebene gegeben. Waffen waren nie ein Problem, mit Ausbruch der Revolution in Libyen kamen gewaltige Mengen über die Grenze. Was viele nicht wissen: Die Muslimbruderschaft hat immer ihren "Gihaz sirri", die "Geheimer Apparat" genannte Untergrundorganisation beibehalten, die in den neunziger Jahren von Bruderschaftsführer Aschur straff reorganisiert wurde. Die ist äußerst effizient und skrupellos.

SPIEGEL: Was passiert, wenn die Gegner eines theokratischen Staatswesens auch weiterhin gegen die islamistisch dominierte Verfassung und gegen die pharaonischen Vollmachten Mursis Sturm laufen? Wird noch mehr Blut fließen?

al-Chirbawi : Sicher. Die werden Augen ausstechen und Zungen herausreißen. Die Milizen werden Straßenkämpfe entfachen. Davor schrecken sie nicht zurück.

SPIEGEL: Und die Armee, wird die untätig zuschauen?

al-Chirbawi : Schwer zu beantworten. Denn es gibt einen Deal zwischen der Bruderschaft und der Armeeführung, der besagt, dass die Bruderschaft freie Hand bekommt und ihr die Truppe nicht in den Arm fällt. Doch ich will mich nicht dafür verbürgen, dass die Soldaten und Offiziere sich vor dem ganzen Volk demütigen lassen werden. Aber vielleicht bricht das Unrechtsregime der Bruderschaft und der heterogenen und politisch völlig unerfahrenen Salafisten schon vorher in sich zusammen. Ich war nicht der Erste oder der Letzte, der diesem Verein der machtgierigen Alles-oder-nichts-Mafiosi im religiösen Gewand den Rücken gekehrt hat. Langfristig gebe ich der Muslimbruderschaft sowieso keine Chance.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr und Ayman Badr

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1. Wow!
kleiner-moritz 08.12.2012
Zitat von sysopÄgypten ist in Aufruhr. Islamisten und Opposition liefern sich einen erbitterten Streit über die Verfassung. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Muslimbruderschaft. Einer ihrer Ex-Anführer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum er die religiöse Bewegung inzwischen für gefährlich hält. Ägypten: Tharwat Al Chirbawi kritisiert Muslimbruderschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-tharwat-al-chirbawi-kritisiert-muslimbruderschaft-a-871701.html)
Wow! Der Begriff *Mafiosi *ist in diesem Zusammenhang *hier* neu, trifft aber natürlich irgendwie trotzdem des Pudens Kern, schon wegen der angestrebten Weltherrschaft und so. Kann es sein, dass da die wirtschaftliche Ahnung der Zukunftslosigkeit bei weiterem Realitätsverschweigen nachhalf?
2. die mafiosis ist mir
HappyPrimateIdiot 08.12.2012
Zitat von sysopÄgypten ist in Aufruhr. Islamisten und Opposition liefern sich einen erbitterten Streit über die Verfassung. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Muslimbruderschaft. Einer ihrer Ex-Anführer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum er die religiöse Bewegung inzwischen für gefährlich hält. Ägypten: Tharwat Al Chirbawi kritisiert Muslimbruderschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-tharwat-al-chirbawi-kritisiert-muslimbruderschaft-a-871701.html)
als krankheit noch nicht untergekommen - sie ist wohl ein kulturelles phaenomaen ? falls sie den plural von "mafioso" meinen, der braucht kein "s" am ende, ein "tz" wie bei "lausitz" waere vielleicht als anflug von originalitaet gekommen - so ist es nur "ahnungslos in pisa".
3. sehr interessantes interview!!
tart 08.12.2012
wünsche mir mehr solcher informationen auf spon. der mut der Ägypter ist zu bewundern.
4. Die Wahrheit
maria-egypt 08.12.2012
Endlich sagt mal einer die Wahrheit ueber die Gesinnung dieser Brüder. Das war auch hoechste Zeit. Diese Truppe ist faschistisch bis auf die Knochen - da geht es mitnichten um Religion. Wer auch immer es nachlesen will, kann es auch, denn sie machen in ihren 'Statuten' ja auch gar kein Geheimnis daraus. Das erklaerte Ziel ist der globale islamische Staat nach dem Motto: First we take Egypt, then we take the rest of the world. Nicht umsonst heisst der oberste Bruder ja auch 'Führer'. Und ueber die Geisteshaltung von Menschen, die in Massen schreien "Führer befiehl, wir folgen Dir!" braucht man sich keine weiteren Gedanken mehr zu machen. Dass das alles unter dem Deckmantel der Religion geschieht, macht die Sache doppelt schlimm und kriminell.
5.
dilinger 08.12.2012
Zitat von sysopÄgypten ist in Aufruhr. Islamisten und Opposition liefern sich einen erbitterten Streit über die Verfassung. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Muslimbruderschaft. Einer ihrer Ex-Anführer erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, warum er die religiöse Bewegung inzwischen für gefährlich hält. Ägypten: Tharwat Al Chirbawi kritisiert Muslimbruderschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-tharwat-al-chirbawi-kritisiert-muslimbruderschaft-a-871701.html)
Dass das Ganze von einen ex-Muslimbruder, einschließlich Details erzählt wird, macht die Sache natürlich interessant. Wobei das meiste bekannt ist, und man sich den Rest auch denken konnte. Insbesondere dann, wenn man das Handeln der Hamas, eines genuinen Ablegers der ägyptischen Muslimbruder in Gaza, über die letzten 6 Jahre hinweg verfolgt hat. Dabei geht es nicht um deren Vernichtungsabsichten gegenüber Israel, sondern vielmehr um deren Umgang mit der Opposition und wie sie sich an die Macht geschlichen haben und sie nicht mehr aus der Hand geben. Wenn man sich erinnert; die Hamas ist auch mal in freien Wahlen an die Macht gekommen. Das waren dann aber auch gleichzeitig die letzten Wahlen in Gaza.
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Streit über Ägyptens Verfassung
Artikel 4
"Das ehrenhafte Azhar-Institut ist eine unabhängige islamische Institution und eine Universität. Es organisiert seine Angelegenheiten komplett selbst und betreibt die Verbreitung des Islams, der Religionswissenschaften und der arabischen Sprache in Ägypten und in der Welt. Die Meinung der obersten Religionsgelehrten des ehrenhaften Azhar-Instituts wird eingeholt in Angelegenheiten, die das islamische Recht ("Scharia") betreffen. (…)"

Kritik: Richter, Christen und säkulare Parteien sind dagegen. Sie wollen, dass wie bisher die Richter, die in Ägypten auch islamisches Recht studiert haben, für die Auslegung der Scharia zuständig sind. Sie befürchten, dass die Religionsgelehrten zu einer "vierten Gewalt" mit großem Einfluss auf die Gesetzgebung werden.
Artikel 55
"Die Beteiligung des Bürgers am öffentlichen Leben ist eine nationale Pflicht. Jeder Bürger hat das Recht, zu wählen und zu kandidieren und seine Meinung in Volksabstimmungen zum Ausdruck zu bringen. Und das Gesetz regelt die Ausübung dieser Rechte. (...) Wenn die staatlichen Stellen Einfluss auf die Wahlen nehmen, dann stellt dies ein Verbrechen dar."

Kritik: Den Gegnern geht dieser Artikel nicht weit genug. Sie wollen, dass außer den staatlichen Institutionen die Parteien in die Pflicht genommen werden. Zudem fordern sie, dass die Bestechung von Wählern mit Geld oder Sachspenden und der Missbrauch der Gotteshäuser im Wahlkampf ausdrücklich verboten werden.
Artikel 128
"Der Schura-Rat wird gebildet von 150 Abgeordneten. Sie werden bestimmt in geheimer, direkter und allgemeiner Wahl. Der Präsident darf Mitglieder des Schura-Rats ernennen. Die Anzahl der von ihm ernannten Mitglieder darf zehn Prozent der Gesamtzahl der Abgeordneten jedoch nicht überschreiten."

Kritik: Viele Ägypter sind der Auffassung, dass diese zweite Kammer des Parlaments überflüssig und teuer ist und abgeschafft werden sollte.
Artikel 232
"Den führenden Funktionären der aufgelösten Nationaldemokratischen Partei (NDP) ist es verboten, sich politisch zu betätigen. Sie dürfen bei den Präsidenten- und Parlamentswahlen nicht kandidieren. Dieses Verbot gilt für zehn Jahre beginnend vom Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Verfassung."

Kritik: Nicht nur ehemalige Mitglieder der Partei des gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, auch einige unabhängige Persönlichkeiten sind der Meinung, dass man nicht alle NDP-Funktionäre über einen Kamm scheren solle. Sie werfen den Islamisten vor, sich mit diesem Artikel ihrer politischen Rivalen entledigen zu wollen. Die sogenannte Revolutionsjugend, die insgesamt gegen den Verfassungsentwurf ist, hat mit diesem Artikel jedoch kein Problem.
Fotostrecke
Ägyptens Konfliktparteien: Alte Gegner, neue Freunde

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Adli Mansur (interimistisch)

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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