Terror in Ägypten Zweiter Anschlag auf Christen - Präsident Sisi beruft Sicherheitsrat ein

In Ägypten sind am Palmsonntag zwei Bombenanschläge auf christliche Kirchen in Alexandria und Tanta verübt worden. Dutzende Menschen sind tot, mehr als hundert verletzt. Die Terrormiliz IS reklamiert die Taten für sich.

Von Anschlag getroffene Kirche in Tanta
ELFIQI/ EPA/ REX/ Shutterstock

Von Anschlag getroffene Kirche in Tanta


Am Palmsonntag sind zwei Anschläge auf die christlich-koptische Minderheit in Ägypten verübt worden. In der Hafenstadt Alexandria und in der Stadt Tanta sind bei Explosionen in und vor koptischen Kirchen insgesamt mindestens 36 Menschen getötet und mehr als hundert verletzt worden. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte beide Anschläge inzwischen für sich. Eine entsprechende Mitteilung der IS-Agentur Amal konnte allerdings bislang nicht unabhängig auf Echtheit überprüft werden.

In der Hafenstadt Alexandria am frühen Nachmittag (Ortszeit) kam es außerhalb des koptischen Gotteshauses St. Markus zu einer Explosion, mehrere Menschen wurden getötet und Dutzende verletzt. Dem Gesundheitsministerium zufolge gab es nach jüngsten Angaben mindestens elf Tote, mindestens 35 weitere Menschen sind demnach verletzt worden.

Die staatliche Zeitung "Al-Ahram" berichtet, die Explosion sei durch einen Selbstmordattentäter verursacht worden, der zuvor am Einlass in die Kirche gehindert worden sei. In der St.-Markus-Kirche hatte der koptische Papst Tawadros II. Staatsmedien zufolge am Palmsonntagsgottesdienst teilgenommen - es ist allerdings unklar, ob er sich zum Zeitpunkt des Anschlags noch in der Kirche befand oder diese bereits verlassen hatte.

Bereits am Vormittag hatte ebenfalls ein Selbstmordattentäter eine Bombe in der koptischen Kirche St. Georg in der Stadt Tanta 120 Kilometer nördlich von Kairo gezündet. Dabei kamen nach jüngsten Angaben mindestens 25 Menschen ums Leben und mindestens 59 Menschen wurden verletzt.

Ein Video vom Zeitpunkt der Explosion in der St.-Georg-Kirche in Tanta wird vom ägyptischen Nachrichtensender al-Hadath ausgestrahlt. Darauf sind koptische Geistliche während des Gottesdienstes zu sehen, die einen Choral singen - wahrscheinlich "Hosanna, König Israel", wie auf dem Schriftband eingeblendet wird. Dann sind die Explosion und Schreie zu hören, die Bildübertragung bricht zu diesem Zeitpunkt ab. Die Sequenz ist in einem Tweet einer Journalistin des arabischen Fernsehsenders al-Aan TV zu sehen:

Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi hatte bereits als Reaktion auf den ersten Anschlag in Tanta den nationalen Sicherheitsrat einberufen. Dieser solle noch am Sonntag Konsequenzen beraten, berichtete das staatliche ägyptische Fernsehen. "Der Terrorismus trifft Ägypten erneut, dieses Mal an Palmsonntag", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Ahmed Abu Seid, auf Twitter. Es sei eine weitere widerwärtige Tat gegen alle Ägypter.

Die Bundesregierung hat die Gewaltakte scharf verurteilt. "Erneut sind damit christliche Gläubige Ziel einer Bluttat geworden", sagte Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Er forderte, die Hintergründe aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte, es empöre ihn besonders, dass eine solche Tat Menschen in Ausübung ihrer Religion treffe. "Mein tiefes Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen, meine Wut den Tätern", fügte er hinzu und forderte eine internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror. Gabriel und de Maizière warnten zugleich davor, dass sich die Gesellschaften durch solche Gewalttaten nicht spalten lassen dürften.

Weitere Regierungen verurteilten die Anschläge. Die Staatschefs Frankreichs und Russlands, François Hollande und Wladimir Putin, riefen in Schreiben an Ägyptens Staatschef Sisi zum gemeinsamen Kampf gegen Terrorismus auf. Putin verwies ebenfalls darauf, dass es Ziel der Täter sei, Zwietracht zwischen verschiedenen Konfessionen zu säen.

Zum christlichen Feiertag sind die Messen in den koptischen Kirchen Ägyptens gut besucht. Die koptischen Christen machen in Ägypten zehn Prozent der etwa 94 Millionen Einwohner aus. Sie können ihre Religion weitgehend frei ausüben und leben traditionell überwiegend friedlich mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit zusammen.

Der ARD-Journalist und Islamexperte Constantin Schreiber verbreitete einen Tweet des arabischen Nachrichtensenders al-Arabiya, auf dem zu sehen ist, wie ägyptische Muslime Blut für die koptischen Anschlagsopfer spenden:

Allerdings werden Kopten in Ägypten seit einigen Jahren zunehmend Opfer von Gewalt. Radikale Islamistengruppen werfen den Kopten vor, den Sturz des islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi im Sommer 2013 unterstützt zu haben. Seitdem wurden Menschenrechtsaktivisten zufolge mehr als 40 koptische Kirchen in Brand gesetzt oder beschädigt. Die Aktivisten werfen den ägyptischen Behörden vor, die Augen vor der Gewalt gegen Kopten zu verschließen.

Im Dezember 2016 waren bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Kairo fast 30 Menschen getötet worden. Damals reklamierte ebenfalls die IS-Terrormiliz die Tat für sich. Im Februar flohen Hunderte ägyptische Christen aus dem Norden der unruhigen Sinai-Halbinsel. Vorangegangen war eine Mordserie an Mitgliedern der religiösen Minderheit, hinter der die IS-Terrormiliz vermutet wurde.

Der Name Kopten leitet sich über das Arabische aus dem griechischen Wort "aigyptios" ab und heißt damit eigentlich nichts anderes als Ägypter. Die koptisch-orthodoxe Kirche führt ihren Ursprung auf den Evangelisten Markus zurück, der im ersten Jahrhundert in Ägypten gewirkt und in Alexandria den Märtyrertod gestorben sein soll. Bereits im fünften Jahrhundert hatte sich die koptische Kirche von der römischen Reichskirche abgespalten.

Das koptische Kirchenjahr richtet sich nach dem Julianischen Kalender, der dem Gregorianischen Kalender der Westkirchen um 13 Tage hinterherläuft. Im Jahr 2017 fällt aber der Ostersonntag in Ost wie West auf den 16. April. Damit fällt auch der Palmsonntag auf den gleichen Tag, an dem Christen die vorösterliche Karwoche einleiten.

fdi/dpa/Reuters/AFP



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