Staatskrise in Ägypten Kampf um Arabiens Zukunft

Ägypten könnte einen gefährlichen Präzedenzfall setzen: Wie der Machtkampf zwischen Mursi und den Militärs ausgeht, hat Folgen für die gesamte Region. Er droht die Islamisten auf Jahrzehnte zu radikalisieren.

Eine Analyse von

DPA

Kairo/Berlin - Für Ägypten geht es an diesem Mittwoch um alles: Gibt Präsident Mohammed Mursi doch nach, gibt es eine Kompromisslösung? Oder schreitet das Militär ein? Alles ist offen - es könnte zu Neuwahlen kommen, einem Bürgerkrieg oder einer Wiederauflage der Militärdiktatur.

Der Streit ist nicht auf das Land am Nil beschränkt. Er durchzieht die gesamte Region. Es ist ein alter Konflikt, der wieder aufbricht - je nach Land und lokalen Besonderheiten in abgewandelter Form.

In diesem Machtkampf stehen sich zwei Lager gegenüber: diejenigen, die sich als Garanten des säkularen Staates verstehen, gegen diejenigen, die eine stärkere Islamisierung der Gesellschaft von oben herab befürworten. Auf beiden Seiten stehen Muslime.

In Tunesien und in Libyen hat dieser Konflikt für einen Anstieg der Gewalt gesorgt. Einige befürchten, dass die Situation in Tunesien sich zuspitzen könnte wie in Ägypten, möglicherweise bis hin zum Bürgerkrieg.

In Syrien tobt bereits ein Krieg. Eine Ursache ist auch der Kampf zwischen Sakulären und denen, die für Islamisierung stehen. Selbst in der nicht-arabischen Türkei, die im Vergleich zu ihren arabischen Nachbarn weniger autoritär regiert wird, stehen sich in diesen Tagen die Lager erbittert gegenüber.

Die Neuauflage eines alten Konfliktes

Es ist ein Déjà-vu. Der Nahe Osten hat diesen Streit schon einmal erlebt - mit katastrophalen, weitreichenden Folgen. Auch damals war Ägypten der Präzedenzfall für alle Araber.

Mit der Unabhängigkeit im Zuge des Zerfalls des Osmanischen Reichs und der zwei Weltkriege kamen für die neuen arabischen Staaten Fragen auf: Woran sollen wir uns orientieren? Was macht unsere Identität aus? Was können wir vom Westen lernen, was vom Islam? Die nicht-arabischen Länder Türkei und Iran gingen voran. Die Säkularen setzten sich durch und unterzogen ihre Gesellschaften radikalen Reformen mit autoritärer Härte.

Für die arabische Welt war Ägypten ein Vorreiter. Dort putschte sich 1952 das Militär mit Gamal Abdel Nasser an die Macht. Mehrere Länder der Region zogen nach.

Es folgte eine Radikalisierung der Politik unter autoritären, säkularen Regimen, die nationalistische Töne anstimmten. Anhänger von islamistischen Bewegungen wurden brutal verfolgt. Nicht wenige radikalisierten sich.

Einige dramatische Beispiele sind die Herrschaft von Saddam Hussein im Irak und die der Assads in Syrien oder der Bürgerkrieg in Algerien.

Ägypten zeigt, wie schwierig eine Versöhnung ist

Die Umbrüche im Zuge des Arabischen Frühlings könnten die Chance zur Versöhnung sein zwischen den Lagern. Doch Ägypten zeigt deutlich, wie schwer es ist, das historische Erbe zu überwinden.

Nach Jahrzehnten der Verfolgung scheinen die Muslimbrüder nahezu paranoid. Überall wittern sie Verschwörungen. Gleichzeitig führen sich ihre Gegner so kompromisslos auf, dass es die schlimmsten Befürchtungen der Islamisten bestätigt.

Wie werden Ägyptens Muslimbrüder reagieren, sollte das Militär tatsächlich den gewählten Präsidenten wegputschen und das vom Volk gewählte Parlament auflösen, in dem sie dominieren?

Der Ausgang der Machtprobe zwischen Präsident Mursi und den Militärs könnte Ägyptens Islamisten auf Jahrzehnte radikalisieren. Und nicht nur dort. Die gesamte Region verfolgt aufmerksam das ägyptische Experiment. Syriens Regime verspottet bereits die Muslimbruderschaft - in klarer Anspielung auf die eigene Opposition.

Die ägyptischen Muslimbrüder hatten auf Demokratie gesetzt. Das könnte sich nun ändern, wenn ihre politischen Gegner sich selbst nicht an die demokratischen Spielregeln halten.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.