Umbruch in Arabien Von der Staats- zur Identitätskrise

Zwei Jahre nach dem Arabischen Frühling erschüttern wieder Massenproteste die Revolutionsländer. Der Konflikt zwischen Islamisten und Säkularen spitzt sich zu, die nächste Runde der Gewalt steht bevor. Bei Fragen der Identität gibt es keinen Kompromiss.

Von und Ulrike Putz, Kairo und Tunis


Vor dem Gebäude der verfassungsgebenden Versammlung in Tunis prallen am Samstagabend zwei Welten aufeinander: Auf der einen Straßenseite skandieren Hunderte bärtige Männer: "Islam ist die Lösung! Das Volk will die Scharia!" Gegenüber auf einer Verkehrsinsel rufen Tausende der säkularen Opposition: "Verschwindet! Verschwindet!"

Omesine Benschikas, zerzauster blonder Dutt, strassbesetzte Lesebrille, beobachtet das Spektakel genau: Die Philosophie-Professorin ist sozusagen beruflich hier. "Hier wird der Kampf um Tunesiens Identität ausgetragen", sagt die 48-Jährige, die am Institut für Geisteswissenschaften der Universität Tunis Politische Philosophie lehrt.

Nicht nur in Tunesien, in der ganzen arabischen Welt schwelt der Konflikt zwischen den Säkularen und den Islamisten, die Religion und Politik vermischen wollen. Muslime stehen auf beiden Seiten. Doch besonders erbittert ausgetragen wird dieser Streit dort, wo der Arabische Frühling den Staat ins Wanken gebracht hat und nun erst ein neuer Gesellschaftsvertrag ausgehandelt werden muss.

Was hält uns zusammen? Diese Frage quält die Revolutionsländer. Bisher waren es in den arabischen Republiken meist autoritäre Machtcliquen, die mit Gewalt regierten. Ihre Legitimität stützen sie auf den Kult um ihre Person. Manche inszenierten sich auch als Widerstandshochburg gegen den vermeintlich imperialistischen Westen. Und nun?

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Tunesien und Ägypten: Kampf zwischen Islamisten und Säkularen
In Ägypten gibt es zwei Antworten - je nachdem, wen man fragt. "Ägypten ist die Armee", sagt die 52-jährige Mona Abdallah, eine der wenigen vollverschleierten Frauen auf dem Tahrir-Platz. "Das Volk und das Militär sind eine Hand", sagt sie und: "Religion hat in der Politik nichts zu suchen."

"Ägypten ist der Islam", sagt auf dem Rabaa-Platz der 30-jährige Mohammed Abdel Mubde in bunt kariertem Hemd und Jeans. "Wir wollen einen islamistischen Staat, keinen säkularen", sagt er und: "Das Militär hat in der Politik nichts zu suchen."

"Wir sind die Revolution", schreien die Unterstützer des Militärchefs Abd al-Fattah al-Sisi auf dem Tahrir-Platz. "Die Revolution ist hier", rufen die Anhänger des Islamisten Mohammed Mursi auf dem Rabaa-Platz. Hüben wie drüben ist alles ein Meer aus Rot-Weiß-Schwarz, der Nationalflagge.

Neue Gewalt

Das Ringen um die Identität ist brandgefährlich. Denn anders als bei politischen Fragen kann es keine Kompromisse geben. Jeder Streit droht in Ausschreitungen zu münden.

"Das sind keine echten Ägypter!", schimpft man auf dem Tahrir-Platz über die Demonstranten von Rabaa. Dort wettert man umgekehrt über die Tahrir-Proteste: "Das sind Ungläubige!" Demonstrativ packen am Freitag bei den Massenprotesten auf dem Tahrir-Platz ein paar Frauen den Koran aus und lesen darin. "Wir sind auch Muslime!", sagt eine von ihnen zur Begründung.

Ähnlich fühlen sie in Tunis: "Ich bin Muslimin genau wie diese Leute. Die haben mir nicht vorzuschreiben, wie ich meine Religion auszuüben habe", sagt die Philosophie-Professorin Omesine Benschika über die Anhänger der islamistischen Nahda-Partei.

Den "Dogmatismus" der Nahda-Anhänger bezeichnet Benschika als "untunesisch", befeuert vom Golfstaat Katar. Der reiche Zwergstaat steckt Milliarden in den meinungsmachenden TV-Sender al-Dschasira und islamistische Parteien in der Region.

Die Aggressivität der Islamisten ist es, die die Säkularen in der arabischen Welt nervös macht. In Libyen, Tunesien und Syrien mehren sich die Gewaltakte von Radikalen. In Ägypten boxten die Islamisten rücksichtslos ihre Linie durch.

Nun haben Ägyptens Säkulare einen mächtigen Verbündeten im Sicherheitsapparat gefunden. Sie machen der Region nun vor, wie sie den Identitätskonflikt zu lösen gedenken. Dabei setzen sie bisher vor allem auf eines: die nächste Runde der Gewalt.

Zwei Jahre nach dem Arabischen Frühling erschüttern wieder Massenproteste die Revolutionsländer. Der Konflikt zwischen Islamisten und Säkularen spitzt sich zu. Gewalt ist vorprogrammiert. Bei Identitätsfragen gibt es keine Kompromisse.



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