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Wahlen in Ägypten: Sehnsucht nach dem Pharao

Aus Kairo berichtet

Wahl in Ägypten: Die Macht des Ex-Feldmarschalls Fotos
DPA

Die Ägypter wählen einen neuen Präsidenten - schon wieder. Der Sieg von Ex-Militär Sisi scheint sicher. Seine Anhänger erwarten nicht weniger als ein Wunder von ihm.

Dass die beiden Hassans verschiedene politische Ansichten haben, wird schon beim Anblick ihrer Läden in Kairo deutlich. Hassan Lutfi, 55, bekleidet mit einem ockerfarbenen Gewand, hat sein Schuhgeschäft mit Bannern des Ex-Militärs Abd al-Fattah al-Sisi geschmückt. Im Jeansladen gegenüber von Hassan Ismail, 52, gestreiftes Hemd, hängt nichts.

"Ich kann mir Wahlposter nicht leisten", entschuldigt sich Hassan Ismail. Er unterstützt den linksnationalistischen Politiker Hamdin Sabahi, einziger Gegenkandidat des Generals bei der Wahl. Die Wahlplakate des mächtigen Sisi gäbe es überall umsonst. Statt eines Posters hält er resigniert einen Brotfladen in die Kamera, als der Fotograf ein Bild machen möchte.

Am Montag und Dienstag entscheiden die Ägypter über ihren nächsten Präsidenten, schon wieder. Beim letzten Mal in Ägyptens erster demokratischer Wahl konnten sie 2012 zwischen 13 Kandidaten auswählen. Nun sieht es anders aus. Man könnte sogar den Eindruck haben, es kandidiere nur ein einziger: Ex-Militärchef Sisi.

Es sind keine fairen Wahlen. Sisis Kandidatur wird von Ägyptens Medien, Staatsinstitutionen und der Wirtschaftselite unterstützt. Seine Banner hängen in jeder Straße. Sisi prangt auf jeder Titelseite der Zeitungen. Er, der Mann des Militärs, sieht wie der sichere Sieger aus. Die Plakate von Hamdin Sabahi lassen sich einzeln abzählen.

"Wir brauchen Sicherheit, Stabilität - einen starken Mann", sagt Sisi-Fan Hassan Lutfi, "wir sind Pharaonen gewöhnt!" Seit 1953 wurde Ägypten von Militärs autoritär regiert - mit Ausnahme des einen Jahres unter dem islamistisch-autoritären Zivilisten Mohammed Mursi. Doch der wurde 2013 gestürzt. Seitdem dominiert wieder das Militär. "Genau deswegen bin ich für Sabahi: Weil er Zivilist ist", widerspricht Hassan Ismail. "Sisi will uns zurück zu den Zeiten Husni Mubaraks führen", glaubt er. Er meint den 2011 entmachteten Dauerpräsidenten. "Das wäre nicht so schlimm. Immerhin hatten wir da Sicherheit", sagt Hassan Lutfi.

Hoffnungen auf Sisi

Wahrscheinlich könnte Sisi auch ohne die massive Einflussnahme des Establishments gewinnen: Viele Ägypter setzen ihre Hoffnungen auf den 59-Jährigen. Eine Umfrage des Pew-Meinungsforschungsinstituts kam auf 54 Prozent Unterstützung für Sisi und 45 Prozent Ablehnung bei einem Stichprobenfehler von plus minus vier Prozentpunkten.

Doch offenbar will der Ex-Militär kein Risiko eingehen. Kritiker werden weggesperrt. Wer es nicht mit Sisi hält, schweigt oftmals lieber. Die Stimmung ist ganz anders als noch vor zwei Jahren: Resignation und Angst - statt Jubel und Aufbruch. Hassan Ismail ist einer der wenigen, die offen zugeben, dass sie gegen den Ex-Feldmarschall sind.

Suleifa Ranim, Schauspielerin mit langen schwarzen Locken, setzt ebenfalls auf Sisi. Sie will sich nicht fotografieren lassen, aus Angst vor den Anfeindungen aus dem eigenen Milieu: "Die Künstler, Intellektuellen und Aktivisten sind alle gegen Sisi. Ich bin eigentlich eine Bäuerin", lacht sie. Ursprünglich kommt sie nicht aus Kairo, sondern aus Mansura, einer Textilarbeiter-Hochburg im Nildelta.

"Es geht jetzt nicht um Freiheit, sondern ums Essen", sagt Ranim. "Wir brauchen eine Pause von der Revolution. Wir brauchen wieder Wirtschaftswachstum."

Maximal zwei Jahre Zeit für Sisi

Ranims Familie sah sich schon mitten im sozialen Aufstieg. Doch nun müssen sie zurückschrauben. Ihre Schwester, die in der Tourismusbranche arbeitet, hatte ihre Kinder auf einer Privatschule eingeschult - nahezu Voraussetzung für bessere Posten in Ägyptens klassengeprägter Gesellschaft. "Nun mussten sie die Kinder wieder herausnehmen", sagt Ranim.

Für die 37-Jährige ist Sisi der Mann, der Ägypten nun aus der Misere holt. Der Ex-Militär hat enorme Erwartungen geweckt, die er nicht wieder einfangen kann. Zwar hat er in seinen jüngsten Reden immer wieder gewarnt, die Wirtschaftslage sei schwierig. Seine Anhänger wie Hassan Lutfi und Suleifa Ranim erwarten trotzdem Wunder von ihm. Und das sofort.

"Wenn unser Leben unter Sisi nicht besser wird, dann werden wir ihn eben wieder stürzen und ins Gefängnis bringen wie schon die letzten zwei Präsidenten", sagt Ranim. Stabilität sieht anders aus.

Wie lange will Ranim nun dem nächsten Präsidenten geben, die Wirtschaftslage zu verbessern? "Maximal zwei Jahre", sagt sie.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Ja toll,
wooka 25.05.2014
..und warum bekam Mursi nicht einmal 1 Jahr Zeit? An Sisis Händen klebt sehr viel unschuldiges Blut, bin mir deshalb sicher dass er ein schlechtes Ende in Ägypten finden wird. Ob in 2 Jahren oder vielleicht erst in 6 Jahren, wer weiß?
2. Mursi hat viel zu viel Zeit bekommen
tschinakl 25.05.2014
seine Verbrechen zu begehen, nicht zuwenig!
3.
vox veritas 25.05.2014
Zitat von wooka..und warum bekam Mursi nicht einmal 1 Jahr Zeit? An Sisis Händen klebt sehr viel unschuldiges Blut, bin mir deshalb sicher dass er ein schlechtes Ende in Ägypten finden wird. Ob in 2 Jahren oder vielleicht erst in 6 Jahren, wer weiß?
Die Muslimbrüder sind / waren auch nicht besser. Die haben das lediglich religiös begründet.
4.
fail 25.05.2014
Zitat von wooka..und warum bekam Mursi nicht einmal 1 Jahr Zeit? An Sisis Händen klebt sehr viel unschuldiges Blut, bin mir deshalb sicher dass er ein schlechtes Ende in Ägypten finden wird. Ob in 2 Jahren oder vielleicht erst in 6 Jahren, wer weiß?
Hätte er noch mehr Zeit bekommen, hätten wir in Ägypten den nächsten radika-islamistischen Staat. Problem war hier primär, das die meisten Ägypter darauf nicht wirklich Lust hatten. Sisi ist kein Despot und hat enormen Rückhalt in der Bevölkerung. Ob er besser ist als ein Mubarak oder Mursi werden wir noch sehen...
5. Mursi
M. Thomas 25.05.2014
jedenfalls ist nie "Terrorist" gewesen, hat keine tausend Menschen auf offener Straße abknallen und keine Opposition verhaften und verbieten lassen. Mursi hat auch keine Journalisten wegsperren, zusammenschlagen und erschießen lassen. Und er hat zu so massiven Schwachsinnigkeiten wie der Behauptung, er sei "zweimal Allah begegnet", nie gegriffen. Soviel zu al- Sisi.
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