Inhaftierter Fotograf in Ägypten "Beweise spielen keine Rolle" 

Menschenrechte zählen unter Ägyptens Diktator Sisi nichts, Zehntausende politische Häftlinge darben in Gefängnissen. Der Fotojournalist Shawkan ist einer von ihnen - weil er seinen Job gemacht hat.

Shawkan (2016, während einer Gerichtsverhandlung)
AFP

Shawkan (2016, während einer Gerichtsverhandlung)

Aus Kairo berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Sorge um seinen Bruder hat sich tief in Mohammeds Gesicht eingegraben. Sein Blick ist müde, er spricht leise. Mohammed ist erschöpft. Seit vier Jahren sitzt sein Bruder Mahmud Abu Zaid, den alle nur bei seinem Spitznamen Shawkan nennen, im ägyptischen Hochsicherheitsgefängnis Tora am Stadtrand von Kairo in Untersuchungshaft. Ihm droht die Todesstrafe.

Sein Verbrechen: Er hat als Fotojournalist Aufnahmen von der gewaltsamen Räumung eines Protestcamps in Kairo gemacht. Bei dem Massaker am 14. August 2013 töteten die ägyptischen Sicherheitskräfte mindestens 800 Menschen.

An jenem Tag nahmen die Behörden Shawkan fest. Sie beschlagnahmten seine Fotoausrüstung und die gemachten Aufnahmen. In dem Prozess gegen ihn, der sich seit Jahren hinzieht, wurden die Bilder jedoch kein einziges Mal als Beweismittel herangezogen. Dass er als Fotograf seit 2010 für ägyptische und ausländische Medien tätig war, interessiert das Gericht ebenso wenig. Stattdessen bezeichnet ihn die Anklage als Mitglied der Muslimbruderschaft - und damit als Mitglied einer terroristischen Vereinigung.

17 Häftlinge in einer Zelle

"Das ist ein politischer Prozess. Beweise spielen in dem Verfahren keine Rolle", sagt Shawkans Bruder Mohammed. "Das Regime führt Regie."

Shawkan teilt sich seine Gefängniszelle mit 16 weiteren politischen Häftlingen. Privatsphäre gibt es nicht, die Gefangenen sind rund um die Uhr in einem Raum eingesperrt. Nur alle zwei bis drei Tage dürfen sie die Zelle für eine Stunde Sport verlassen. "Für meinen Bruder ist das Gefängnis wie Folter", berichtet Mohammed. "Denn er ist ohne Grund eingesperrt." Immerhin konnte Shawkan durchsetzen, dass er sich die Zelle nicht mehr mit Muslimbrüdern teilen muss, sondern in eine Zelle mit anderen politischen Gefangenen gesperrt wird.

Einmal pro Woche darf Shawkan Besuch empfangen. Bücher und Zeitungen sind verboten, auch wenn er jedes Mal danach fragt. "Es geht ihm schlecht", sagt Mohammed. "Er leidet an Hepatitis und Anämie." Doch schlimmer noch sind die psychischen Probleme. Die lange Haftzeit hat den 30-Jährigen mürbe gemacht. Immer mal wieder hat ihm der Richter Hoffnungen auf eine baldige Freilassung geweckt. Hoffnungen, die jedes Mal enttäuscht worden sind. "Wir haben keine Erwartungen mehr, was den Prozess angeht", sagt Mohammed. "Das Verfahren kann noch vier oder fünf Jahre weitergehen."

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen haben Kampagnen für die Freilassung des Journalisten gestartet - bislang ohne jeden Erfolg. Staatschef Abdel Fattah el-Sisi hat seit dem von ihm initiierten Militärputsch gegen den islamistischen Präsidenten Mohamed Morsi im Sommer 2013 zwischen 40.000 und 60.000 Ägypter aus politischen Gründen inhaftiert: Sympathisanten und Mitglieder der Muslimbruderschaft, Gewerkschafter, Menschenrechtsaktivisten und Journalisten wie Shawkan. Hinzu kommt massiver Druck auf Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Stärkung der Demokratie in Ägypten starkmachen.

"Es herrscht ein Klima der Angst und Einschüchterung"

"Die Menschenrechtslage ist dramatisch", sagt ein Aktivist. Die staatlichen Repressalien seien unter Sisi um ein Vielfaches schlimmer als in der Mubarak-Ära. "Es herrscht ein Klima der Angst und Einschüchterung, wie es das zuletzt in den Sechzigerjahren unter Gamal Abdel Nasser gab." Kaum jemand traut sich noch, offen mit ausländischen Journalisten zu sprechen. Kritik an Sisi wird allenfalls noch im Flüsterton vorgetragen. Jedes kritische Wort kann Ägypter ins Gefängnis bringen.

Besonders absurd: Während die Vertreter der ägyptischen Generation, die 2011 Langzeitherrscher Husni Mubarak stürzte, inzwischen entweder im Knast sitzen oder vor der Verfolgung ins Exil flüchteten, sind die Unterdrücker von einst mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Mubarak und seine Söhne, sowie der frühere Innenminister Habib Adli, der einst die Polizei und den Inlandsgeheimdienst befehligte, die während des Aufstands 2011 Hunderte Demonstranten töteten - sie alle sind inzwischen aus dem Gefängnis freigelassen worden.

Am 8. April ist der nächste Verhandlungstermin im Prozess gegen Shawkan und mehr als 400 Mitangeklagte. Kürzlich ist der Häftling wegen seiner Krankheiten im Gefängnishospital untersucht worden. Nun warten er und seine Familie auf das Ergebnis. Sie hoffen darauf, dass die Ärzte Shawkans Freilassung aus gesundheitlichen Gründen empfehlen werden.


Zusammengefasst: Mahmud Abu Zaid, genannt Shawkan, ist Fotojournalist - und einer von vielen Tausenden Menschen, die in Ägypten unschuldig in Haft sitzen. Er hatte Bilder von einer Räumungsaktion des Regimes gemacht. Die Anklage lautetet hingegen auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sein Fall steht symbolisch für die Willkür unter Präsident Sisi.



insgesamt 7 Beiträge
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malu501 07.04.2017
1. Und wer
hat el-Sisi in Ägypten massiv gefördert und an die Macht gebracht? Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Herr Sydow um die Beteiligung der USA an unangenehmen politischen Entwicklungen oder tödlichen Angriffen auf Zivilisten windet. Deren maßgebliche Beteiligung an der Machtergreifung Sisis wird in seinem Artikel mit keinem einzigen Wort erwähnt. Auch nicht das absolut wohlwollende Verhältnis, das die USA derzeit zu Sisi unterhalten und trotzdem keinen Finger krumm machen, dessen Treiben ein Ende zu setzen. Die Verletzung von Menschenrechten darf bei Sydow nie in Zusammenhang mit den USA gebracht werden. Das erschüttert anscheinend sein festgefahrenes Weltbild. Es soll eben nicht sein, was nicht sein darf. Zumindest soll keiner davon wissen. Man kann sich letztendlich vorstellen, welche Art Machthaber die USA im Falle von Assad in Syrien installieren würden. Kein bisschen besser, aber Hauptsache Amerika-treu.
leser008 07.04.2017
2. Reisender
Wir waren noch im Januar in Ägypten, sind rumgefahren und haben mit vielen Leuten geredet. Ägypten ist mitnichten die totalitäre Vorhölle, als die es im Artikel dargestellt wird. Das Problem ist, dass es im Land sehr viel Islamistenanhänger und Moslembrüder gibt, die lieber heute als morgen wieder die islamistischen Verhältnisse von vor dem Umsturz einführen wollen. Gleichzeitig beschweren sie die ausbleibenden Touristen und kapieren nicht, dass sie selber ihr eigenes Problem sind. Da ist Sisi auf jeden Fall das kleinere Übel mit dem die Mehrheit gut leben kann.
HeisseLuft 07.04.2017
3. Ach?
Zitat von leser008Wir waren noch im Januar in Ägypten, sind rumgefahren und haben mit vielen Leuten geredet. Ägypten ist mitnichten die totalitäre Vorhölle, als die es im Artikel dargestellt wird. Das Problem ist, dass es im Land sehr viel Islamistenanhänger und Moslembrüder gibt, die lieber heute als morgen wieder die islamistischen Verhältnisse von vor dem Umsturz einführen wollen. Gleichzeitig beschweren sie die ausbleibenden Touristen und kapieren nicht, dass sie selber ihr eigenes Problem sind. Da ist Sisi auf jeden Fall das kleinere Übel mit dem die Mehrheit gut leben kann.
Ah - sie haben die Knäste dort besucht und können die Haftbedingungen beurteilen?
syracusa 07.04.2017
4.
Zitat von leser008Wir waren noch im Januar in Ägypten, sind rumgefahren und haben mit vielen Leuten geredet. Ägypten ist mitnichten die totalitäre Vorhölle, als die es im Artikel dargestellt wird. Das Problem ist, dass es im Land sehr viel Islamistenanhänger und Moslembrüder gibt, die lieber heute als morgen wieder die islamistischen Verhältnisse von vor dem Umsturz einführen wollen. Gleichzeitig beschweren sie die ausbleibenden Touristen und kapieren nicht, dass sie selber ihr eigenes Problem sind. Da ist Sisi auf jeden Fall das kleinere Übel mit dem die Mehrheit gut leben kann.
Nun, für den im Artikel beschriebenen Journalisten ist Ägypten eine totalitäre Vorhölle. Und dass ein großer Teil der Bevölkerung sich mit einem totalitären Regime arrangiert hat, bedeutet ja in keiner Weise, dass der Widerstand einiger weniger gegen dieses Terrorregime dadurch delegitimiert würde. Wer wie Sie argumentiert, der hat es nicht verdient, in einem freiheitlichen demokratischen Staat zu leben. Mit genau den gleichen Gründen können Sie nämlich jede beliebige Diktatur rechtfertigen, und nicht zuletzt die Diktaturen, die Deutschland auf seinem Weg zur Demokratie durchleben musste. Unser Grundgesetz gibt gottlob jedem einzelnen Bürger das Recht auf notfalls sogar bewaffneten Widerstand gegen eine Terrorherrschaft wie die Sisis. Und dieses Recht müssen wir auch all den unterdrückten Bürgern zugestehen, die sich mit dem Terrorregime, unter dem sie leben, nicht arrangieren wollen.
wolfgangwe 07.04.2017
5. Ja, nun
der Herr Sisi iund sein Regime ist auch nicht akzeptabel? Nachdem es freie Wahlen gab in Aegypten die der Herr Mursi mit seinen Bruedern gewann was dann fuer den Westen unakzeptabel war - sodass dann der von den US sanktionierte (Obama, Hillary) Putsch die Sache bereinigen musste. Was jetzt? p.s. ist das jetzt auch schon gutes Deutsch? ".. weil er seinen Job gemacht hat" ? seine Arbeit getan?
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