Sturm auf Protestlager: Ägyptens Armee riegelt Kairo ab

AP

Ägyptens Sicherheitskräfte haben damit begonnen, die Protestlager der Muslimbrüder in Kairo zu räumen. Zahlreiche Menschen wurden getötet. Die Armee hat die Verbindungsstraße zum Flughafen abgeriegelt. Auch in anderen Städten gibt es Zusammenstöße, Kirchen wurden in Brand gesetzt.

Kairo - Ägyptens Sicherheitskräfte gehen mit großer Härte gegen die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi vor. Am Morgen begann die Polizei damit, die beiden Protestlager der Muslimbrüder in Kairo zu räumen. Ein AFP-Reporter zählte allein in einem Feldhospital am Rande eines Camps 43 Tote. Zudem ist von mehr als hundert Verletzten die Rede. Das Staatsfernsehen meldete den Tod zweier Polizisten.

Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Gummigeschosse ein, mehrere Journalisten vor Ort berichteten zudem, dass die Soldaten aus Maschinengewehren mit scharfer Munition auf die Demonstranten feuerten. Außerdem seien Bulldozer und gepanzerte Fahrzeuge im Einsatz. Über den Plätzen Rabaa al-Adawija im Osten Kairos und Nahda im westlichen Stadtteil Gizeh kreisten Armeehubschrauber. Dichter Rauch hängt über den Protestlagern. Fernsehbilder zeigen, wie vermummte Sicherheitskräfte von Häuserdächern aus in die Menge feuern.

Die Protestierenden warfen mit Steinen auf die anrückenden Truppen und beschossen diese mit Feuerwerkskörpern. Islamistische Prediger und Anführer der Muslimbrüder riefen ihre Anhänger in den Protestlagern auf, weiter Widerstand zu leisten und im äußersten Fall als Märtyrer zu sterben. An die Armee gerichtet rief ein Muslimbruder am Rabaa-al-Adawija-Platz: "Wir sind Ägypter, keine Israelis. Wir sind eure Brüder und Schwestern. Bringt uns nicht um!" Zudem riefen sie alle Ägypter auf, gegen das Vorgehen der Armee auf die Straßen zu gehen.

Daraufhin ordnete die Regierung an, den Zugverkehr im gesamten Land zu stoppen - offenbar will die Führung verhindern, dass die Muslimbrüder weitere Anhänger nach Kairo bringen. Auch die Straße zwischen Kairo und der Stadt Ismailia am Suez-Kanal wurde gesperrt - ebenso wie die Verbindungsstraße zwischen dem Stadtzentrum und dem Flughafen.

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Ausnahmezustand in Ägypten: Sturm auf die Muslimbrüder
Die beiden Zeltcamps seien inzwischen komplett von Sicherheitskräften umzingelt, ein Entkommen damit praktisch unmöglich, berichteten Augenzeugen. Journalisten vor Ort schilderten zudem, dass Mediziner daran gehindert würden, zu den Lagern vorzudringen. Mehrere Reporter wurden kurzzeitig festgenommen, Sicherheitskräfte löschten die Aufnahmen auf ihren Kameras, schilderte ein Reuters-Fotograf via Twitter.

Den Nahda-Platz haben Polizei und Armee nach eigenen Angaben inzwischen unter ihre Kontrolle gebracht, auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz halten die Kämpfe weiter an. Mehrere Funktionäre der Bruderschaft seien festgenommen worden, um wen es sich dabei handele, teilte das Innenministerium aber nicht mit.

Auch in anderen Städten liefern sich Anhänger der Bruderschaft Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften. In der Mittelmeerstadt Alexandria sowie in Minya und Asiut in Oberägypten sollen Demonstranten staatliche Einrichtungen und Polizisten angegriffen haben. In mehreren Orten am Oberlauf des Nils sollen Mursi-Anhänger Kirchen in Brand gesteckt haben.

Mit dem Einsatz am Mittwoch ist der Machtkampf zwischen Militär und Muslimbrüdern eskaliert. Die Islamisten haben seit dem Putsch gegen Präsident Mursi am 3. Juli demonstriert und sich auf den Plätzen verbarrikadiert. Sie verlangen die Wiedereinsetzung des abgesetzten Staatschefs. Armee und Interimsregierung hatten die Protestierenden in den vergangenen Wochen mehrfach aufgefordert, ihre Zeltlager zu räumen. Die Muslimbrüder wiesen die Aufrufe zurück, Vermittlungsversuche von USA und EU blieben ohne Erfolg. Trotzdem mahnte der Westen Ägyptens neuen starken Mann, Armeechef Abd al-Fattah al-Sisi, zum Gewaltverzicht.

Innerhalb der neuen ägyptischen Führung hatte es zuletzt Streit darüber gegeben, wie mit dem Protest der Muslimbrüder umzugehen sei. Einige hatten zu einem gewaltsamen Vorgehen gedrängt, andere wollten die Demonstranten zum Aufgeben zwingen, indem ihnen die Versorgung mit Wasser, Strom und Lebensmitteln abgeschnitten wird. Nun haben sich offenbar die Vertreter des harten Kurses durchgesetzt.

syd/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 274 Beiträge
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1. :-)
-volver- 14.08.2013
alle möglichkeiten lagen auf dem tisch... wie die anderen wohl ausgesehen haben
2. Es ist einer der widerlichsten menschlichen...
ratxi 14.08.2013
Zitat von sysopDPADie Gewalt in Kairo eskaliert. Die Sicherheitskräfte haben damit begonnen, die Protestlager der Muslimbrüder zu räumen. Sie setzen Tränengas ein und feuern mit scharfer Munition. Mehrere Menschen wurden getötet - die Islamisten wehren sich mit Steinen und Feuerwerkskörpern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegyptens-armee-raeumt-protestlager-in-kairo-und-toetet-mehrere-menschen-a-916457.html
"Islamistische Prediger und Anführer der Muslimbrüder riefen ihre Anhänger in den Protestlagern auf, weiter Widerstand zu leisten und im äußersten Fall als Märtyrer zu sterben." Natürlich. Die Prediger selbst sind sich aber bestimmt viel zu "wichtig", als dass sie diesen Weg selber gehen würden. Es ist einer der widerlichsten menschlichen Wesenszüge, andere in den Tod zu schicken und sich selbst unter seinem Kaftan oder sonstwo zu verstecken.
3. War vorauszusehen.
M. Thomas 14.08.2013
Die Putschisten hatten letztlich keine andere Wahl, als mit maximaler Gewaltanwendung vorzugehen. Nennenswerte Teile der Bevölkerung stellen sich gegen sie - und es werden mehr. Als gestern abend die ersten Gerüchte, es käme nun zur Säuberung, aufkamen, strömten noch einmal tausende in die Camps hinein. Und nicht heraus. Metzger al-Sisi will die Welt und vor allem Ägypten endlich vor vollendete Tatsachen stellen und vergleichsweise offen eine Militärdiktatur durchsetzen, die sich mit ein paar wohlmeinende, aber völlig hilflose Greise als Alibi-Kabinett als "Demokratie" verkleidet. Gerade die letzten Tage haben sehr eindrucksvoll gezeigt, dass el-Beblaoui und el-Baradei zusammen mit Mansour nur noch hinter dem Militär herhetzen und sich beeilen, dessen Entscheidungen kritiklos in der Öffentlichkeit zu unterstützen - mehr dürfen sie ja auch nicht. Seitens "Tamarod" und der "Jugend des 6. April" ist vollkommene Funkstille, dort taucht man angesichts dessen, was man da herbeigerufen hat, denn doch lieber ab und überlässt das Kämpfen und Sterben für eine ägyptische Demokratie anderen. Denn es sind längst nicht mehr nur "Muslimbrüder", die auf Seiten der Anti-Militär-Allianz stehen. Seit Wochen gesellen sich neben allerlei unvorbelasteten Bürgern auch Nobelpreisträger zu den Demonstranten. Dem Militär ist nichts anderes mehr übriggeblieben; wenn es nicht zum Preis von vielen Toten Ägypten gewaltsam zur Ruhe zwingt, steht die Legitimität seiner Regierung von Tag zu Tag offener zur Diskussion.
4. Wer nicht hören will muss
wichtiger Kommentar 14.08.2013
Die neuen ägyptischen Führung wechselt schneller als andere Ihre Unterwäsche. Und von Führung würde ich da nicht reden
5. allerhöchste Zeit für den Westen ...
c--3po 14.08.2013
... wie in solchen Fällen üblich Waffen in das Land zu liefern, um irgendeine der beiden Konfliktparteien zu unterstützen. Am besten Flugabwehrraketen, die dann in irgenwelchen dunklen Kanälen verschwinden und in zwei Jahren gegen Flugzeuge der Spenderstaaten eingesetzt werden.
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