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Ägyptens Außenminister in Berlin: Der unermüdliche Herr Shoukry

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Ägyptens Außenminister Shoukry: "Zorn auf Teheran ist gewaltig" Zur Großansicht
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Ägyptens Außenminister Shoukry: "Zorn auf Teheran ist gewaltig"

Offiziell wirbt Ägyptens Außenminister Shoukry auf seinem Deutschlandbesuch für eine engere Zusammenarbeit beider Länder. Aber er kommt auch als Verbündeter Saudi-Arabiens, das vom Partner zum Problem für Berlin geworden ist.

Sameh Hassan Shoukry, 63, gefällt sich in der Rolle des unermüdlichen Vermittlers. Am vergangenen Dienstag etwa ist Ägyptens Außenminister erst weit nach Mitternacht wieder in Kairo eingetroffen. Im Wortsinne rund um die Uhr hatte er zuvor in Riad mit seinem saudi-arabischen Amtskollegen Adel Al-Jubeir und anderen einflussreichen Politikern und Beratern des Königshauses konferiert.

Offiziell ging es um die bilateralen Beziehungen. Tatsächlich war es wohl eher ein Krisengipfel. Die Exekution von 47 mutmaßlichen Terroristen, unter ihnen der hohe schiitische Geistliche Nimr Baqir al-Nimr, hatte weltweite Proteste ausgelöst, vor allem in Iran. Sogar ein offener militärischer Schlagabtausch zwischen der schiitischen Theokratie und dem sunnitischen Königshaus schien nicht mehr ausgeschlossen.

Obwohl er nur wenige Stunden Schlaf gefunden hat, sitzt Shoukry am Dienstagmorgen kurz vor neun Uhr schon wieder an seinem Schreibtisch im zweiten Stock des Außenministeriums und bereitete sich auf seine nächste Reise vor, die ihn nach Deutschland führt. Gut eineinhalb Stunden hat er sich Zeit genommen, um dem SPIEGEL zu erklären, was er von seinem Besuch erwartet (Lesen Sie das vollständige Interview hier).

Offiziell wird er auch in Berlin vier Tage lang bilaterale Gespräche führen, Routine für Länder wie Ägypten und Deutschland, die eigentlich gute Beziehungen pflegen. Dass ihm sein Berlin-Besuch "besonders wichtig" ist, glaubt man Shoukry auch aufgrund seiner Vita. Der Jurist und Berufsdiplomat hat die deutsche Politik schon als Botschafter in Österreich und der Schweiz mitverfolgt.

Nach dem Umsturz 2011 und der Wahl des Moslembruders Mohammed Morsi zum Präsidenten wähnte Shoukry seine Karriere am Ende. Doch mit der Wahl des Ex-Generalfeldmarschalls Abdel Fattah el-Sisi zum neuen Staatschef ist Shoukry wichtiger denn je. Die beiden gelten als Vertraute. Er sei ein "zuvorkommender Gastgeber", aber auch "harsch und aggressiv", beschrieben US-Diplomaten einst den Botschafter Shoukry in von WikiLeaks veröffentlichten Berichten.

Auf wen soll Berlin setzen - Riad oder Teheran?

Doch wenn der Außenminister in Berlin bis zum Donnerstag nicht nur seinen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier trifft, sondern insgesamt eine Handvoll Bundesminister, dann geht es in den Begegnungen nicht nur um die engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, die weitere Demokratisierung Ägyptens und die Stabilität des Landes unter Staatschef Sisi. Auch Shoukrys Berlin-Besuch wird überschattet von dem Ringen der schiitischen Theokratie mit dem sunnitischen Königreich um die Vorherrschaft in der Region.

Und es geht auch darum, auf wen der Westen, die Europäische Union und auf wen Deutschland in Zukunft verstärkt setzen werden: Auf die Turbanträger aus Teheran, die nach dem Nuklearabkommen im vergangenen Jahr - trotz aller Revolutionsrhetorik - vom Paria zum Partner werden könnten? Oder auf die Öl-Prinzen vom Golf, deren extrem konservative Islam-Interpretation, der Wahabismus, den ideologischen Nährboden für al-Qaida und den "Islamischen Staat" (IS) bereitet?

Shoukry lässt keinen Zweifel daran, dass mit ihm auch ein Anwalt Saudi-Arabiens in Berlin vorspricht: "Der Zorn auf Teheran in der Region ist gewaltig", sagt er. Sein saudi-arabischer Amtskollege Adel bin Ahmed Al-Jubeir habe ihm "sehr deutlich aufgezeigt, wie sich Iran in die inneren Angelegenheiten Saudi-Arabiens einmischt und dessen Stabilität gefährdet". Dass Riad damit die Aufwiegelung der geschätzt zwei Millionen Schiiten in Saudi-Arabien meint, will Shoukry zwar nicht bestätigen. Aber er betont, es sei nun mal "Fakt, dass Iran sich das Recht herausnimmt, die Verhältnisse in anderen Ländern zu beeinflussen" und mit seinen scharfen Reaktionen auf die Exekution "die ohnehin labile Lage eskaliert" habe. Die Hinrichtung selbst reduziert der Jurist Shoukry zu einer reinen Rechtsfrage: "Das Urteil und dessen Vollstreckung ergeben sich aus dem saudi-arabischen Rechtssystem".

Ägypten hängt am Tropf des Königreichs

Shoukry muss Saudi-Arabien allerdings auch verteidigen, denn zum einen hängt Ägyptens ausgemergelte Wirtschaft am Tropf des Königreichs. Mit seinen Petro-Milliarden dämmt Riad die verheerenden Folgen von Missmanagement, Korruption und Terror ein, bislang zumindest. Denn auch Riad steckt in einer Finanzkrise. Der Ölpreis macht König Salman ebenso zu schaffen wie der Krieg gegen die von Iran unterstützen Huthi-Rebellen im Jemen, der Riad angeblich 200 Millionen Dollar im Monat kostet.

Zum anderen hat Ägypten, wie Shoukry betont, selbst ungute Erfahrungen mit der Islamischen Republik Iran gemacht. Auch wegen scharfer Attacken Teherans gegen Ägyptens Friedensvertrag mit Israel brach Kairo die Beziehungen schon vor Jahrzehnten ab. Kairo sei "nicht überzeugt, dass Irans Politik dem Frieden und der Stabilität in der Region dient", so Shoukry.

Seine Gesprächspartner in Berlin will der Mann vom Nil um Unterstützung im Kampf gegen den Terror bitten, die Lieferung von Radpanzern für den Kampf gegen Extremisten auf dem Sinai inklusive. "Wir brauchen Beistand und keine Kritik", sagt der Außenminister. Dass Präsident Sisi den islamistischen Terror mit Staatsterror bekämpft, weist Shoukry entschieden zurück. "Wir halten uns an unsere Gesetze und unsere Rechtsprechung." Im Übrigen sei es "anmaßend" von westlichen Politikern "uns sagen zu wollen, was wir unter Menschenrechten, Demokratie und Fortschritt verstehen sollen". Letztlich seien beide Länder aufeinander angewiesen. "Wir brauchen Deutschland im Kampf gegen den Terror und für Wohlstand - und sie brauchen ein stabiles Ägypten."

Das vollständige Interview lesen Sie im neuen SPIEGEL.

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1. Titel
huggiii 12.01.2016
... wie sagt der Herr Shoukry ---Zitat--- " Im Übrigen sei es "anmaßend" von westlichen Politikern "uns sagen zu wollen, was wir unter Menschenrechten, Demokratie und Fortschritt verstehen sollen". ---Zitatende--- Was islamische Gesellschaften unter den Menschenrechten verstehen hat wenig mit dem zu tun was in der Erklärung der Menschenrechte festgelegt wurde. Da ist der werte Herr Aussenminister schon sehr deutlich. Grundsätzlich sollte kein Land hinter die Menschenrechte der Vereinten Nationen zurück fallen, aber selbst unser Land erlaubt es dass Kinder verstümmelt werden weil es Religionen gibt die das als genauso normal betrachten wie alles was sich in deren Vorstellungen als gottgegeben versteht. Dennoch, wenn man dort mit diesen Vorstellungen zufrieden ist, so ist das erst einmal nicht zu ändern. Dass sich diese Länder aber dadurch selbst schwächen ist Teil der selbstgewählten Gesellschaftsform. Demokratie braucht eine freie und geistig dazu bereite Gesellschaft, keine islamische Gesellschaft ist frei und in der Regel auch nicht reif für eine Demokratie.
2. @huggii
r_dawkins 12.01.2016
Gebe Ihnen da völlig Recht! Säkularisation ist der erste Schritt zu einer aufgeklärten, humanistischen Gesellschaft. Leider wird auch bei uns in Dtl die Religion noch zu hoch gewertet, daher die Sache mit den Kruzifixen in den Schulen (halb so wild) und den Beschneidungen (Menschenrechtsverletzung!)
3. Wählen zwischen Regen und Traufe?
clearglass 12.01.2016
Sieht man die zunehmend weniger nachvollziehbare Politik der Saudis, könnte dies vielleicht eine Option sein. Obendrein, wenn man die agressiven Versuche der Wahhabiten bewertet, mit ihre orthodoxen Auslegung des Islam die arabische Welt, die Gläubigen in den westlichen Staaten zu radikalisieren.
4. Shoukry
berndbuttke 12.01.2016
Zitat von huggiii... wie sagt der Herr Shoukry Was islamische Gesellschaften unter den Menschenrechten verstehen hat wenig mit dem zu tun was in der Erklärung der Menschenrechte festgelegt wurde. Da ist der werte Herr Aussenminister schon sehr deutlich. Grundsätzlich sollte kein Land hinter die Menschenrechte der Vereinten Nationen zurück fallen, aber selbst unser Land erlaubt es dass Kinder verstümmelt werden weil es Religionen gibt die das als genauso normal betrachten wie alles was sich in deren Vorstellungen als gottgegeben versteht. Dennoch, wenn man dort mit diesen Vorstellungen zufrieden ist, so ist das erst einmal nicht zu ändern. Dass sich diese Länder aber dadurch selbst schwächen ist Teil der selbstgewählten Gesellschaftsform. Demokratie braucht eine freie und geistig dazu bereite Gesellschaft, keine islamische Gesellschaft ist frei und in der Regel auch nicht reif für eine Demokratie.
In den islamischen Gesellschaften läßt sich eine schnelle Entwicklung beobachten. Der Islam modernisiert sich in einem rasenden Tempo. Die Medien bekommen das gar nicht mit, weil sie nur auf Horrornachrichten anspringen. (Wenn ein Märtyrer sich und andere in die Luft jagt, kommt das sofort in die Schlagzeilen. Wenn eine Muslima ihre Burka ablegt, weil sie die Nase voll vom Islam hat, interessiert das im Westen niemanden. Und doch findet das eine millionenfach statt, das andere nur hin und wieder.) Wer sich vom Islam ein Bild macht, das von den Schlagzeilen geprägt ist, muß notwenigerweise einen falschen Eindruck bekommen. Er erhält ein arges Zerrbild der tatsächlichen Entwicklungen im Islam. Der ägyptische Aussenminister kann sagen, was er will, er hat kaum ein Interesse daran, daß sich die Ägypter emanzipieren und zu einer modernen Zivilgesellschaft entwickeln. Seine deutschen Gastgeber sollten ihm freundlich zuhören, ihm gut zu essen und zu trinken geben, wenn er in einen Puff mit deutschen Frauen will, soll man ihn einen solchen bringen, aber ansonsten soll man sich bedeckt halten. Die Zeit wird kommen und über Shoukry hinweggehen.
5. Teheran liberal
G-Punkt 12.01.2016
In Teheran lebt es sich liberal. Frauen, Reiche, etc. Sicher liberaler als auf dem Land oder gar in Riad. Und Iran war schon mal modern, auch wenn es etwa 50 Jahre her ist. Wir sollten von daher auf den Iran setzen, und auch mehr geschäftlich für den Frieden "überzeugen". Ist natürlich auch kein Partner erster Wahl. Mir Russland hat man es ja versch...
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Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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