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Ägyptens Islamisten: Revolutionäre der zweiten Stunde

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash

Wie islamisch soll das neue Ägypten werden? Die Muslimbrüder drängen in die Politik - sie möchten zwar nicht unbedingt regieren, aber kräftig mitbestimmen. Auch die Salafisten organisieren sich. Der Dialog zwischen den Liberalen und ihren Kontrahenten ist schwieriger geworden.

Demo auf dem Tahrir-Platz: Ägyptens Islamisten schlossen sich erst spät den Protesten an Zur Großansicht
dpa

Demo auf dem Tahrir-Platz: Ägyptens Islamisten schlossen sich erst spät den Protesten an

In der Freitagspredigt ging es um den Ramadan: Die besondere Gnade, die der Fastenmonat darstellt, die Gelegenheit zum Innehalten, die er dem Gläubigen bietet. Doch dann folgte eine Abschweifung in die Politik, die sich der Prediger im ärmlichen Kairoer Matariya-Viertel nicht verkneifen konnte: "Es heißt, dass wir eine neue Verfassung brauchen. Wir brauchen keine Verfassung. Wir haben schon eine, und sie kommt von Gott!"

Der Ausflug in die Politik kam nicht bei allen Gläubigen gut an. "Das nächste Mal gehe ich in eine andere Moschee", sagte ein Besucher, der mit seinem Cousin gekommen war, beim Heraustreten.

Der Prediger war zweifellos ein Islamist mit sehr dogmatischen Ansichten. Die beiden Cousins beschrieben sich selbst als "Liberale". Ägypten ein halbes Jahr nach der Revolution, das zeigt diese kleine Szene, befindet sich mitten in einem Wettstreit der Ideen. Es geht um die Identität des Landes, um seine Verfassung, aber auch um die Frage, welche der neuen politischen Kräfte sich kompromissfähig zeigen werden - und welche nicht.

"Das sind gute Leute, die bauen Schulen"

Diese Debatte lässt sich allerdings nicht auf den Gegensatz zwischen Liberalen und Islamisten verkürzen. Beide Lager teilen sich in zahlreiche Untergruppen. Und auch die Armee, die das Land seit dem Sturz des Präsidenten Husni Mubarak im Februar führt, spielt eine gewichtige Rolle.

Sicher ist jedoch, dass die Auseinandersetzung schärfer geworden ist, seit Ägyptens Islamisten mit Macht auf die politische Bühne drängen. Am Anfang des Aufstands gegen das Mubarak-Regime fehlten die Muslimbrüder bei den Kundgebungen auf dem Tahrir-Platz. Erst als die Revolution schon ins Rollen gekommen war, schlossen sie sich an. Als das Militär die Macht übernahm, gelobten sie überschwänglich ihre Treue.

Die Brüder mögen Revolutionäre der zweiten Stunde sein, mittlerweile sind sie trotzdem zu einem wichtigen Faktor geworden. Sie haben eine eigene Partei gegründet, deren Potential von einigen auf bis zu 30 Prozent der Stimmen geschätzt wird, von anderen allerdings wesentlich niedriger. Ihnen kommt zugute, dass sie organisiert sind und strikte Hierarchien kennen. Außerdem genießen die Brüder Respekt in den vielen armen Landesteilen. "Das sind gute Leute, die bauen Schulen, die verteilen Essen", sagt zum Beispiel der 23-jährige Mahmud, der ebenfalls in Matariya lebt und zwischen streunenden Katzen und baufälligen Häusern an Autoteilen herumschweißt. "Die anderen führen Selbstgespräche auf Twitter", sagte jüngst ein Führer der Bruderschaft auf die Generation Facebook gemünzt, die den Aufstand angezettelt hatte. "Wir sind in den Straßen präsent."

Die Muslimbrüder wollen keinen Präsidenten stellen

Die Bruderschaft will ein gewichtiges Wort mitreden, wenn es um die Zukunft Ägyptens geht. An die Macht will sie jedoch zunächst nicht: Ihre "Partei für Gerechtigkeit und Freiheit" wird keinen Präsidentschaftskandidaten nominieren; überhaupt wird sie nur in höchstens der Hälfte der Wahlkreise Kandidaten aufstellen - das hat zwei Vorteile: Sie kommt nicht in die Verlegenheit, plötzlich vor einer absoluten Mehrheit zu stehen. Und falls ihr Potential doch niedriger sein sollte als angenommen, fällt es nicht so auf.

Die Sprachrohre der Muslimbrüder betonen unterdessen, wie pragmatisch sie sind. "Wir brauchen keine Moscheen, wir brauchen Fabriken", erklären sie etwa. Die am Boden liegende Wirtschaft und soziale Gerechtigkeit sind ihre großen Themen.

Im Hintergrund geht es freilich auch um die Identität Ägyptens. Die Brüder sehen sich als Korrektiv zu den Liberalen und Säkularisten, was deren Misstrauen schürt. Mit einer starken Fraktion im Parlament, so hoffen die Brüder, können sie massiven Einfluss auf die zu schreibende Verfassung nehmen. Viele Liberale waren dafür, erst eine Verfassung ausarbeiten zu lassen - aus demselben Grund.

Parolen für einen islamischen Staat

Zugleich sind die Brüder in den vergangenen Monaten Richtung politisches Zentrum gerückt - sie haben Konkurrenz auf der religiösen Seite, und wollen nicht mit den Salafisten in eine Ecke gedrängt werden. Die Salafisten - Anhänger eines äußerst konservativen Islam, der sich an Regeln des 7. Jahrhunderts orientiert - haben ebenfalls Parteien gegründet. Und Ende Juli organisierten sie gemeinsam mit Anhängern der Brüder und anderen Islamisten eine Massenkundgebung auf dem Tahrir-Platz: Zehntausende, heranchauffiert aus allen Landesteilen, überschwemmten Kairos Innenstadt und riefen Parolen für einen islamischen Staat und gegen die Gottlosigkeit. Die Slogans sorgten für Ärger - es hatte eine Absprache mit den Liberalen gegeben, keine umstrittenen Forderungen vorzutragen.

"Das war der Millionen-Bärte-Marsch", sagt Hakam zynisch, ein junger Politologe, der zum liberalen Lager zählt und mit den Salafisten wenig anfangen kann. Die Brüder hingegen nimmt er ernst: "Sie sind ein wichtiger Teil unseres Volkes, natürlich müssen sie eingebunden werden." Nur ob er ihren Führern trauen kann, weiß er nicht so recht: "Sie sagen, sie wollen keinen religiösen Staat; aber fünf Minuten später sagt ein anderer von ihnen das Gegenteil!" Ägyptens Salafisten sind freilich noch schwerer einzuschätzen - und umstrittener. Es gibt Gemäßigte, aber auch Militante unter ihnen; in den letzten Monaten brannten immer wieder koptische Kirchen in Ägypten. Die Täter waren mutmaßlich radikale Salafisten.

Die Brüder bieten sich gezielt als moderate und politikfähige Alternative an. Beobachter vermuten, ihnen könnte ein türkisches Modell vor Augen stehen - freilich mit freundlicheren Beziehungen zum Militär. Auch der ägyptische Militärrat scheint keine Einwände gegen eine zentrale politische Rolle der Muslimbruderschaft zu haben. Beide Institutionen teilen wichtige Werte wie Stabilität und Ordnungsliebe. Wenn sie eine taktische Koalition eingehen, könnte es zu beider Nutzen sein - etwa, wenn die Brüder zulassen, dass das Militär eine Art Beschützerrolle für die Demokratie in die Verfassung geschrieben bekommt.

"Islam als zivilisatorische Grundlage"

Abderrahman Jusuf gehört zu jenen Aktivisten, die den Draht in beide Lager halten - der Dichter ist der Sohn des weltbekannten, in Katar lebenden Islamisten Jusuf al-Qaradawi; er selbst arbeitete lange als Pressesprecher für den liberalen Oppositionsführer Mohammed al-Baradei. Jusuf ist zuversichtlich, dass es einen Mittelweg gibt: "Es gibt etwas zwischen einem rein weltlichen Staat und einem religiösen Staat. Ich nenne es einen zivilen Staat. Und in diesem Staat würde die Rolle des Islam als zivilisatorische Grundlage angemessen gewürdigt." Ohne Koalitionen und Allianzen, sagt Jusuf, würde das Land nicht vorankommen.

Das klingt gut und versöhnlich. Tatsächlich aber könnten die Fronten sich eher noch verhärten - spätestens, wenn nach den Wahlen um Verfassungsformulierungen und Gesetze gerungen wird. Wie stehen die Muslimbrüder wirklich zur Pressefreiheit? Auf welche Weise wollen sie die Rolle des Islam festschreiben? Was bedeutet das für das Strafrecht? Und kann man in solch grundsätzlichen Fragen überhaupt Kompromisse machen?

"In einer Demokratie", sagt der liberale Politologe Hakam, "geht es eben nicht um Wünsche, sondern um Konflikte." Aber was heißt das? Hakam zuckt mit den Schultern und zieht die Augenbrauen hoch: "Wir werden sehen."

Einstweilen geht der Konflikt weiter: Für den kommenden Freitag hat eine breite Allianz von liberalen und moderat religiösen Bewegungen zu einem neuen Millionenmarsch auf dem Tahrir-Platz aufgerufen. Bekräftigt werden soll dabei, dass das neue Ägypten nicht nur ein islamischer, sondern auch ziviler Staat ist.

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1. .
raka, 06.08.2011
Zitat von sysopWie islamisch soll das neue Ägypten werden? Die Muslimbrüder drängen in die Politik - sie möchten zwar nicht unbedingt regieren, aber kräftig mitbestimmen. Auch die Salafisten organisieren sich. Der Dialog zwischen den westlich geprägten Liberalen und ihren Kritikern wird immer schwieriger. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778700,00.html
Viele in diesem Forum wird das nicht überraschen, andere rufen immer 'Islamophobie', wenn man solche Entwicklungen voraussagt. Und unsere Regierungen stehen völlig auf dem Schlauch und haben das Wesen dieses Gesellschaftsentwurfes nicht verstanden.
2. Ein Ägypten für alle
RagabAbdelaty 06.08.2011
Ägypten ist groß genug, dass alle Ägypter darin leben können. Nur braucht man ein bisschen Demokratie und Respekt des anderen. Als Ägypter, der in seiner Heimar über 30 Jahre lebte, kann ich von einer wichtigen Rolle aller Gruppierungen in Ägypten sprechen; die Muslimbrüder haben viele Anhänger, sind nie korrupt und haben auch wirtschaftliche Pläne. Sie waren auch die ersten, die am meisten unter Nasser, Sadat und mUbarak gelitten haben. Salafisten waren wie gefesselt, jetzt haben sie eine goldene Chance sich poltisch zu äußern. Das ist ihr Recht, aber sie brauchen vielleicht Zeit, um die Demokratie zu lernen und politisch, nicht religiös zu sprechen, ansonsten werden sie in Kürze von ägyptischen Volk ausgeschlossen. Entweder werden sie also demokratisch, oder sie werden ab übernächsten Wahlen keine politische Rolle mehr spielen. Die Kopten sind die reichsten Ägypter und stellen ca. 7 Millionen der Ägypter dar. Sie haben auch das recht, Parteien zu gründen und eine politische Rolle zu spielen. Liberalen und Säkularisten können nur eine politische Macht werden, wenn sie ihren Ruf in der Gesellschaft besser machen; es verhilft ihnen nicht, wenn sie bloß die Islamisten kritisieren. Sie müssen lieber versuchen, mehr Anhänger zu gewinnen und das religiöse ägyptische Volk von ihrer Ideologie zu überszeugen. Ägypten kann und muss für alle sein. Dafür braucht man Demokratie, gegenseitigen Respekt und Akzeptanz des Anderen .. andernsfalls verlieren wir alle.
3. Sobald ein Islam
kornfehlt 06.08.2011
irgendeine mitbestimmende Rolle in der Regierung Ägyptens spielt, ist der Traum von Demokratie ausgeträumt. Leider wird es so kommen, allen Gutmenschen zum Trotz.
4. ...
Liquid 06.08.2011
in einer positiven sichtweise an den islam als staatstragend denkt man an das mittelalter, wo dieser eine blüte hatte, wo die arabischen länder führend in wissenschaft und kultur waren, wo der islam mit 'wissen' und liberalität einher ging. in einer negativen denkweise fallen einen nur reglements, hetzprediger und beschenidungen der freiheit ein, wo reiche geldgeber aus saudi arabien und malaysien unegbildete bevölkerungsgruppen geistig vergiften, wo hinterhofkoranschulen kleine bombengürtelträger heranziehen, wo staatliche ordnungen unterwandert werden und für sich freiheiten gefordert werden, die man in den ursprungsländern niemals geben würde. noch hoffe, glaube und warte ich auf eine renaissance des positiven islams.
5. Weise Worte....
mr_supersonic 06.08.2011
Zitat von RagabAbdelatyÄgypten ist groß genug, dass alle Ägypter darin leben können. Nur braucht man ein bisschen Demokratie und Respekt des anderen. Als Ägypter, der in seiner Heimar über 30 Jahre lebte, kann ich von einer wichtigen Rolle aller Gruppierungen in Ägypten sprechen; die Muslimbrüder haben viele Anhänger, sind nie korrupt und haben auch wirtschaftliche Pläne. Sie waren auch die ersten, die am meisten unter Nasser, Sadat und mUbarak gelitten haben. Salafisten waren wie gefesselt, jetzt haben sie eine goldene Chance sich poltisch zu äußern. Das ist ihr Recht, aber sie brauchen vielleicht Zeit, um die Demokratie zu lernen und politisch, nicht religiös zu sprechen, ansonsten werden sie in Kürze von ägyptischen Volk ausgeschlossen. Entweder werden sie also demokratisch, oder sie werden ab übernächsten Wahlen keine politische Rolle mehr spielen. Die Kopten sind die reichsten Ägypter und stellen ca. 7 Millionen der Ägypter dar. Sie haben auch das recht, Parteien zu gründen und eine politische Rolle zu spielen. Liberalen und Säkularisten können nur eine politische Macht werden, wenn sie ihren Ruf in der Gesellschaft besser machen; es verhilft ihnen nicht, wenn sie bloß die Islamisten kritisieren. Sie müssen lieber versuchen, mehr Anhänger zu gewinnen und das religiöse ägyptische Volk von ihrer Ideologie zu überszeugen. Ägypten kann und muss für alle sein. Dafür braucht man Demokratie, gegenseitigen Respekt und Akzeptanz des Anderen .. andernsfalls verlieren wir alle.
Ich mache mir allerdings immer Sorgen wegen der Saudis, wie groß der Einfluss, vor allem wegen des Ölgeldes aus dem Westen, auf die Ägypter sein wird. Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Demokratie in Ägypten aussehen wird.
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