Ägyptens Wahlsieger: Muslimbruder Mursi will internationale Verträge einhalten

Er ist Islamist und er ist Ägyptens neuer Präsident. Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbruderschaft, hat in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg betont, er werde alle internationale Abkommen einhalten und den Frieden mit Israel achten. Zugleich würdigte er die Opfer der Revolution.

Kairo - Er will "Präsident aller Ägypter" sein. Muslimbruder Mohammed Mursi hat in seiner ersten TV-Ansprache als gewählter ägyptischer Präsident versöhnliche Töne angeschlagen. Sonntagabend versprach Mursi die Einhaltung aller internationaler Verträge und würdigte mit gefühlvollen Worten die Revolution des vergangenen Jahres, die den Sturz von Ex-Machthaber Husni Mubarak bewirkt hatte.

Mursi äußerte sich ausführlich zu den mehr als 800 Menschen, die während des Aufstands gegen Mubarak von den Sicherheitskräften getötet worden waren. "Die Freiheit hatte eine hohen Preis", sagte er. "Ich verspreche, dass ich alles tun werde, dass das Blut der Märtyrer nicht vergeblich vergossen wurde."

"Muslime oder Christen, Männer oder Frauen, Alte oder Junge, (...), ihr seid alle meine Familie", erklärte er. Die Unabhängigkeit der Justiz müsse garantiert werden. Die Armee bezeichnete er als "historische Institution", die von allen geachtet werde. Auch die Angehörigen der Polizeikräfte seien "Brüder aller Ägypter". Nur wer beim Vorgehen gegen die Anti-Mubarak-Proteste Schuld auf sich geladen habe, müsse "entsprechend dem Gesetz bestraft werden".

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Wahl in Ägypten: Jubel auf dem Tahrir-Platz
"Wir wollen Frieden", sagte er. "Wir werden uns um sehr ausgewogene Beziehungen zu allen internationalen Staaten und Institutionen bemühen, auf der Grundlage gemeinsamer Interessen und wechselseitigen Respekts." Damit schwächte Mursi vor allem Befürchtungen Israels ab. Der Staat hatte den neuen Präsidenten aufgerufen, das vor 33 Jahren geschlossene Friedensabkommen der beiden Länder zu achten. Israel hofft, weiter mit Ägypten zusammen arbeiten zu können. Basis sei "der Friedensvertrag zwischen beiden Ländern, der im Interesse beider Völker ist und zur Stabilität in der Region beiträgt", hieß es in einer Stellungnahme des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. "Israel schätzt den demokratischen Prozess in Ägypten und respektiert seine Ergebnisse."

51,7 Prozent der Stimmen für Mursi

Am Sonntagnachmittag wurde Mursis Wahlsieg verkündet. Der Kandidat der Muslimbruderschaft habe in der Stichwahl eine Mehrheit von 51,7 Prozent der Stimmen erreicht, gab die Wahlkommission bekannt.

Es war die erste Präsidentenwahl in Ägypten seit dem Sturz des langjährigen Staatschefs Husni Mubarak im Februar 2011. Mursis Konkurrent Ahmed Schafik, ein früherer Premier des alten Regimes, ist mit 48,3 Prozent knapp gescheitert. Die Wahlbeteiligung lag den Angaben zufolge bei 51 Prozent.

Auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos hatten sich seit dem Vormittag Tausende Anhänger Mursis versammelt. Als das Ergebnis um kurz vor 16.30 Uhr Ortszeit verkündet wurde, brach frenetischer Jubel aus.

Die Muslimbrüder hatten sich seit Tagen immer wieder im Zentrum Kairos versammelt, um ihren Kandidaten zu unterstützen und gegen den Militärrat zu protestieren. Die herrschenden Generäle stehen massiv in der Kritik, weil sie nach der Auflösung des von muslimischen Abgeordneten dominierten Parlaments weitreichende Befugnisse von der Volksvertretung übernommen hatten.

Auch die Macht des Präsidentenamts wurde beschnitten: So ist der Staatschef nicht mehr der Oberbefehlshaber der ägyptischen Streitkräfte. Den Krieg erklären oder die Streitkräfte im Landesinneren einsetzen, kann er nur mit vorheriger Zustimmung des Militärrats.

Dem Präsidenten ist außerdem die Kompetenz entzogen worden, Ernennungen und Beförderungen im Militär vorzunehmen. Auch auf den Umgang mit den Finanzen in den Streitkräften hat er keinen Einfluss.

Das Ergebnis der Wahl hätte eigentlich bereits am Donnerstag bekanntgegeben werden sollen. Das musste jedoch aufgrund zahlreicher Beschwerden wegen Wahlbetrugs verschoben werden.

Auch die Anhänger Schafiks waren in den vergangenen Tagen immer wieder für ihren Favoriten auf die Straße gegangen. Nun werden neue Ausschreitungen befürchtet.

Palästinenser feiern Mursis Wahlsieg

Die radikalislamische Hamas hat den Triumph Mursis mit Begeisterung aufgenommen. Dessen Sieg bedeute Unterstützung für den Kampf gegen die israelische Besatzung, sagte Hamas-Führer Mahmud al-Sahar.

Der gestürzte ägyptische Staatschef Mubarak hatte sich an der israelischen Blockade des Autonomiegebiets beteiligt. Die Palästinenser hoffen nun, dass der neue Präsident Mursi die Beziehungen zum Gaza-Streifen verbessern wird.

Auch die US-Regierung gratulierte Mursi zum Sieg und sprach von einem Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie. Es sei wichtig, dass der neue Präsident bei der Regierungsbildung auf alle Wählerschichten eingehe und die Rechte aller Ägypter beachte, heißt es in einer Stellungnahme des Weißen Hauses.

hut/Reuters/dpa/AFP

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insgesamt 18 Beiträge
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1. er hats verstanden.
egal42 24.06.2012
er hats verstanden das er ein vorbild sein muss, nur so ist frieden und stabilität gewärleistet. die touristen werden es ihm danken. :) als erstes war ich zwar auch skeptisch,aber mann muss auch mal mit guten erwartungen ran gehen. insofern er auch durchgehend die würde des menschen achtet, wie versprochen.
2. Das Märchen von der
DenkZweiMalNach 25.06.2012
In Ägypten gab es noch nie eine Demokratie und die wird es auch in den nächsten Jahrzehnten ziemlich sicher nicht geben. Demokratie heisst, dass jede Bürgerstimme zählt - jeder bestimmt mit und jeder ist mit verantwortlich. Das gibt es in Europa fast nur noch in einem Schweizer Bergdorf oder Kleinkanton, wo jeder jeden kennt. Wenn also Europa als Vorbild längst ausgedient hat, bleibt nur noch der Islam (der echte, nicht der, von dem die Medien reden). Und der hat ja gesiegt mit der Wahl. Für die (noch) Christen in Ägypten brechen keine einfachen Zeiten an.
3. optional
freddiedewilde 25.06.2012
Kann Mursis seine Versprechen einhalten bezueglich Frieden und der zusammengewuerfelten Familie von Christen,Alten,Junngen e.t.c. wuerde dieses ein wunderbarer Anfang sein, auf welchen ich hoffe - ein Anfang von echtem Frieden und Verständigung der dieser Region so gut tuen wuerde.........ich hoffe das seinen Worten Taten folgen, es könnte der meistverdiente Friedensnobelpreis werden ......ich hoffe Mohammed Mursi schafft das.
4.
Altesocke 25.06.2012
Zitat von sysopAP/Egypt State TVEr ist Islamist und er ist Ägyptens neuer Präsident. Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbruderschaft, hat in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg betont, er werde alle internationale Abkommen einhalten und den Frieden mit Israel achten. Zugleich würdigte er die Opfer der Revolution. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,840691,00.html
Interessant, was reale Politik ("wir koennten die ganzen Gelder der Weststaaten verlieren") doch selbst bei Muslimbruedern moeglich macht. Das genaue Gegenteil von den Griechen! Aber halt: Wuerden wir bei denen auch die ganzen Unterstuetzungen streichen, wenn sie die Vertraege nicht einhalten? Aber vielleicht sollten wir das mal probieren, und nicht nur anderer Laender Steuerzahler neue Schulden verbuergen lassen!
5. Schmunzel
chagall1985 25.06.2012
Zitat von sysopAP/Egypt State TVEr ist Islamist und er ist Ägyptens neuer Präsident. Mohammed Mursi, der Kandidat der Muslimbruderschaft, hat in seiner ersten Ansprache nach seinem Wahlsieg betont, er werde alle internationale Abkommen einhalten und den Frieden mit Israel achten. Zugleich würdigte er die Opfer der Revolution. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,840691,00.html
Wenn das die Ansprache eines Islamisten war, dann benötigt der Spiegel und die Presse dringend eine Differenzierung dieses Wortes. Diese Ansprache mit einem Wort in Verbindung zu bringen, dass bei AlKaida und der Hamas ständig fällt ist unpassend! Und christliche Fundamentalisten gibt es in Amerika zu Hauf. Da wird der neue Präsident auch Nie Radikal genannt. Selbst dann nicht wenn er es offenkundig ist.
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Bevölkerung: 81,121 Mio.

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Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

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