Ägyptische Frauen: Jung, weiblich, revolutionär

Von Christina Schmitt

Sie übernachteten auf dem Tahrir-Platz und legten sich mit Polizisten an: Die ägyptischen Frauen griffen selbstbewusst in die Revolution ein. Jetzt fordern sie mehr Rechte, doch die konservative Gesellschaft will von Gleichberechtigung nichts wissen.

Protest ägyptischer Frauen: "Sie standen vorne und nicht in der zweiten Reihe" Zur Großansicht
REUTERS

Protest ägyptischer Frauen: "Sie standen vorne und nicht in der zweiten Reihe"

Tränengas schwebt über der Nilinsel Zamalek, einem der reichsten Viertel Kairos. Auf der anderen Seite des Flusses bekämpfen sich Bürger und Polizei, Steine gegen Gummigeschosse. Eine Ägypterin tritt einem Polizisten gegenüber, dunkle Locken fallen ihr über die Schultern. Sie und zwei Männer sind auf dem Weg zur Demonstration. "Warum kommst du nicht mit uns, warum demonstrierst du nicht?", brüllt sie. "Wahrscheinlich würdest du auch auf uns schießen. Schäme dich!" Der Polizist und auch die Männer schweigen, sie schreit ihn weiter an. Dann dreht sie sich um und marschiert weiter zu den anderen Demonstranten. Der Polizist schweigt, er sieht ihr nur hinterher.

"Frauen waren nicht Frauen und Männer nicht Männer auf dem Tahrir-Platz", sagt Sally Zohney knapp sechs Monate später. "Mütter und Hausfrauen haben sich gegen Polizisten aufgelehnt, sie standen vorne und nicht in der zweiten Reihe." Niemand habe damit gerechnet, dass die Frauen ein solcher Antrieb für die Revolution sein würden. Sally sitzt in einem Cafe, kerzengerade, aber nicht steif, auf der Kante ihres Stuhls, die Schultern nach hinten, das Kinn nach oben gerichtet. Die goldenen Ohrringe verheddern sich in ihren Locken, wenn sie redet. Sie gehört zu der jungen Generation, die dem alten Regime den Boden unter den Füßen wegzog. Sie ist eine der Frauen, die nach der Revolution selbstbewusst nach ihren Rechten greifen. Zusammen mit 20 anderen Mitstreiterinnen hat die Beraterin bei den Vereinten Nationen außerdem eine Organisation namens "Sawa" gegründet, um für Gleichberechtigung einzutreten.

Die 25-Jährige war mit auf dem Tahrir-Platz, wappnete sich gegen Tränengas und Wasserwerfer. "In den 18 Tagen, als wir den Platz besetzt hielten, gab es nicht ein Problem", erzählt sie. Frauen waren gleichauf mit den Männern, es gab kaum sexuelle Belästigung, wie sonst auf Kairos Straßen. Ägypter aus allen sozialen Schichten waren da, alle waren sich einig, alle waren gleich.

Mubarak ging, die konservative Gesellschaft blieb

Mit dem Ende der Proteste endete aber auch die neue Gleichberechtigung. Diktator Husni Mubarak ging, die konservative Gesellschaft blieb. "Die Politik in Ägypten war und ist auch immer noch sehr frauenfeindlich", sagt die Wissenschaftlerin Hania Shalkomy. Die Professorin für Anthropologie an der Amerikanischen Universität in Kairo forscht derzeit zu Frauen in Politik und Wirtschaft in Ägypten. Ein Grund für fehlende Gleichberechtigung ist aber nicht nur die Politik - auch das vorherrschende Frauenbild steht ihr im Weg.

Ob in der Familie oder in der Öffentlichkeit, Frauen in Ägypten stoßen immer wieder auf Vorbehalte. "Die Gesellschaft begründet diese Ungleichheit mit der Religion, die sie konservativ interpretiert", sagt Zohney.

Wo Wochen zuvor noch Männer und Frauen gemeinsam demonstriert und sogar übernachtet hatten, holten die alten Zeiten die Frauen der Revolution wieder ein. Als Zohney und ihre Mitstreiterinnen im März den Weltfrauentag am Tahrir-Platz feiern wollten, wurden sie von Männern sexuell belästigt und auseinander getrieben. Einige Frauen mussten sogar Jungfrauentests durch das Militär über sich ergehen lassen. "Viele geben uns Frauen die Schuld, wenn uns so etwas passiert. Manche fragen: Was hattest du an?", sagt sie und blickt auf sich herunter. Sie trägt eine lange Jeanshose und eine Bluse mit halblangen Ärmeln. Sie steht in der Mittagssonne, draußen, bei über 30 Grad.

Im Haus ist der Mann der "Eigentümer des Wortes"

Salwa Anwar sitzt in ihrem Wohnzimmer, gegenüber hat ihr Mann Platz genommen, neben ihr die Schwägerin, die Tochter, der Sohn, die Nichte und die Großmutter - die ganze Familie ist zusammengekommen. Salwa soll das Interview nicht alleine bestreiten, auch das ist typisch für die Lage der Frauen.

Als Sozialarbeiterin im Kairoer Viertel Shobra spricht Salwa jeden Tag mit den Frauen über ihre Probleme. "Viele müssen arbeiten gehen, um die Familie ernähren zu können. Die Männer aber helfen ihnen nicht im Haushalt, die Frauen leiden unter der doppelten Belastung", erzählt sie. Oft sind die Familien auf den zweiten Lohn angewiesen. "Deshalb können die Frauen nicht zu Hause bleiben."

Ihr Mann kommt aus der Küche und serviert frischen Mangosaft und Wassermelone, die er eben in Stücke geschnitten hat. "Im Koran steht, dass Mann und Frau außerhalb des Hauses gleichberechtigt sind", sagt Salwa Anwar. Aber im Haus, unterbricht er sie, sei der Mann der "Sahib el-Kalima", der Eigentümer des Wortes. Er trifft am Ende die Entscheidungen. Sie nickt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Recht so
ohnefilter 26.07.2011
Zitat von sysopSie*übernachteten auf dem Tahrir-Platz und legten sich mit Polizisten an: Die ägyptischen Frauen griffen selbstbewusst in die Revolution ein. Jetzt*fordern sie mehr*Rechte, doch die konservative Gesellschaft will von Gleichberechtigung nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773702,00.html
Im Nachhinein wissen wir, dass die Frauen besser zu Hause geblieben wären. Ihr Verhalten verletzt muslimische Grundregeln und kann für die Führer der Revolution nicht akzeptabel sein. Man kann eben nicht alles zugleich haben, Freiheit und Gleichberechtigung.
2. titel
sverris 26.07.2011
"Ägyptische Frauen: Jung, weiblich, revolutionär" Weiblich sind die also? Und alle revolutionär? Und alte Frauen gibts also da nicht? Ich habe darauf hin den Artikel nicht gelesen. :|
3. ....
ekel-alfred 26.07.2011
Zitat von sysopSie*übernachteten auf dem Tahrir-Platz und legten sich mit Polizisten an: Die ägyptischen Frauen griffen selbstbewusst in die Revolution ein. Jetzt*fordern sie mehr*Rechte, doch die konservative Gesellschaft will von Gleichberechtigung nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,773702,00.html
Waas? Frauen wollen mehr Rechte? Revolution ja, aber bitte nicht soo tiefgreifend! Immerhin kann sich die Männerclique ja noch auf den Koran berufen..... Puuhh, Glück gehabt....
4. Wo
panzerknacker51 26.07.2011
... sind all die Kommentatoren geblieben, die vor Monaten eine demokratische Gesellschaft heraufziehen sahen? Außer der Entmachtung der Gallionsfigur Mubarak scheint sich nicht viel getan zu haben in Ägypten. Das Militär scheint sich an der Macht wohl zu fühlen, und wie es um Frauenrechte in einer muslimischen Gesellschaft bestellt ist, kann im gesamten Orient beobachtet werden. Träume ade...
5. .
feuercaro1 26.07.2011
Zur Erinnerung: In Saudi Arabien ist es Frauen immer noch verboten, Auto zu fahren. Frauenunterdrücker verteilten dort an Männer Stricke, mit denen "unbotmäßige" Frauen später dann geschlagen wurden. Eine zarte Blume wächst jetzt Ägypten. Lasst uns hoffen, dass sie nicht zertreten wird. Auf lange Sicht lässt sich die Gleichberechtigung der Frau nirgendwo mehr aufhalten. Nur: WIE lang?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Machtkampf in Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare
Karte

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Ägypten-Reiseseite


Ägypten-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...