Ägyptische Muslimbrüder: Fromm und frauenfeindlich

Von , Beirut

Frauendemonstration in Kairo: "Frauen haben eine Botschaft", heißt es auf den Bannern Zur Großansicht
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Frauendemonstration in Kairo: "Frauen haben eine Botschaft", heißt es auf den Bannern

Sie geben sich nach außen als Islamisten mit Augenmaß - doch wenn es um die Rechte von Frauen geht, sind sie gnadenlos radikal: Ägyptens Muslimbrüder haben ein Uno-Papier zur Stellung der Frau aufs Schärfste verdammt - es drohe die "völlige Auflösung der Gesellschaft".

Beobachter der postrevolutionären Entwicklung in Ägypten haben lange gezögert, die Muslimbrüder dort als radikale Islamisten zu brandmarken. Für wirklich extremistische Ansichten schien die Organisation zu pragmatisch, zu sehr daran interessiert, von den westlichen Verbündeten - die Ägypten dringend braucht - anerkannt zu werden. Auch wenn sich die Führung um Präsident Mohammed Mursi nach innen hin markig zeigte, wahrte sie nach außen das Gesicht des gemäßigten Islam.

Dass die Muslimbrüder auch anders können, haben sie mit ihrer Reaktion auf ein Arbeitspapier zum "Ende der Gewalt gegen Frauen" gezeigt, das die Uno-Kommission für die Stellung der Frau (UNCSW) gerade in New York verabschieden will. Mit nie dagewesener Offenheit haben die Muslimbrüder dabei ihr frauenfeindliches und mittelalterliches Weltbild demonstriert: Die UNCSW-Initiative werde die Welt nicht etwa zum Guten verbessern, da sei der Titel des Statuts "euphemistisch, irreführend und bewusst trügerisch", so die Brüder in einer am Donnerstag auf Englisch auf ihrer offiziellen Website veröffentlichten Stellungnahme. Stattdessen werde sie dazu dienen, die Menschheit in "vorislamische Ignoranz herabzuziehen".

Sollte die UNCSW-Versammlung ihre Erklärung ratifizieren, heißt es bei den Muslimbrüdern weiter, werde das "zur völligen Auflösung der Gesellschaft führen". Indem es den Kitt eliminiere, der islamische Gesellschaften zusammenhalte, sei das Papier "der letzte Schritt in der intellektuellen und kulturellen Invasion muslimischer Länder". Und: "Dekadenz wartet auf die Welt, wenn wir dieses Dokument unterzeichnen", warnen die Brüder. Sollte sich die Weltgemeinschaft darauf einigen, die Rechte der Frauen zu stärken, droht der Untergang des Morgenlands - so sehen es die Frommen.

Katalog der Unwörter

Die Liste der Frauenrechte, die die Frommen empören, ist exakt die Liste der Errungenschaften, auf die moderne Demokratien heute stolz sind:

  • Mädchen sollen völlige sexuelle Freiheit genießen, inklusive das Recht, homosexuelle Partnerschaften einzugehen.
  • Das heiratsfähige Alter soll angehoben werden.
  • Heranwachsende Mädchen sollen Zugang zu Verhütungsmitteln haben. Abtreibungen sollen legalisiert werden.
  • Ehebruch soll nicht länger durch den Verlust von Rechten bestraft werden. Söhne aus ehebrecherischen Verbindungen sollen künftig nicht mehr rechtlich benachteiligt werden.
  • Ehefrauen sollen das Recht haben, im Fall von Vergewaltigung durch ihren Ehemann diesen anzeigen zu können. Der Vergewaltigung schuldige Ehemänner würden danach genauso bestraft als seien es Fremde.
  • In Zukunft soll der Mann nicht mehr Vormund, sondern gleichberechtigter Partner seiner Frau sein. Künftig entscheide zudem nicht mehr der Ehemann, ob es zu einer Scheidung kommt, sondern ein Gericht.

Dass nach dem Willen der Uno-Kommission Musliminnen künftig Nicht-Muslime heiraten dürfen und die Mehrehe abgeschafft werden soll, wird ebenfalls bemängelt. Die Muslimbrüder riefen die Führer der muslimischen Nationen auf, das Dokument aus New York "abzulehnen und zu verdammen".

Sexuelle Übergriffe sind Alltag

Angesichts der sofort aufbrandenden Empörung modern eingestellter Ägypter ruderten die Brüder kurz nach Veröffentlichung ihres Pamphlets am Donnerstag zurück. Pakinam al-Scharkawy, Beraterin Präsident Mursis und Ägyptens Abgesandte zu der Konferenz der UNCSW, bemühte sich, den politischen Schaden zu begrenzen, indem sie betonte, die Brüder sprächen nicht direkt für den Staatschef.

Die ägyptische Regierung bemühe sich "mit all ihrer Macht", alle Formen der Gewalt gegen Frauen zu stoppen, sagte Scharkawy der "New York Times". Einwände gegen das UNCSW-Paper habe die Regierung nur dort, wo in Ägypten geltende kulturelle Normen in Frage gestellt würden. Ausländische Normen könnten nicht einfach importiert werden. "Wir reden hier über Sachen, bei denen nicht alle einer Meinung sind. Wir können Frauen nicht einfach das Recht geben, abzutreiben, wann immer sie es wollen."

Ägypten ist ein Land, in dem sexuelle Übergriffe auf Frauen zum Alltag gehören. Daran hat auch die Revolution nichts geändert. Zudem werden auch heute noch die Mehrheit der Mädchen in Ägypten traditionell beschnitten, müssen als Heranwachsende die Verstümmelung ihrer Schamlippen und der Klitoris über sich ergehen lassen.

Über 90 Prozent der erwachsenen Ägypterinnen sind nach Angaben von Gesundheitsorganisationen beschnitten. Eine Initiative, die über die Gefahren dieser sogenannten pharaonischen Beschneidung aufklärte und versuchte, die Tradition abzuschaffen, ging mit der Diktatur Husni Mubaraks zu Ende: Seine Ehefrau Suzanne Mubarak hatte sich den Kampf gegen die Verstümmelung der Ägypterinnen auf die Fahne geschrieben.

Doch mit ihrem Mann verlor auch sie Amt und Würden - und ihre Initiative die Durchschlagskraft.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Arabischer Frühling
-fussel- 15.03.2013
Wenn das Erstarken der radikalen Muslime auf Dauer solche Folgen hat, frage ich mich wie lange der "Westen" das unterstützen möchte. Ich finde die Einstellungen, die dort Vertreten werden einfach nur verachtenswert.
2. Aaaach was!
Zappa_forever 15.03.2013
"Beobachter der postrevolutionären Entwicklung in Ägypten haben lange gezögert, die Muslimbrüder dort als radikale Islamisten zu brandmarken. Für wirklich extremistische Ansichten schien die Organisation zu pragmatisch, zu sehr daran interessiert, von den westlichen Verbündeten - die Ägypten dringend braucht - anerkannt zu werden...Dass die Muslimbrüder auch anders können, haben sie mit ihrer Reaktion auf ein Arbeitspapier zum "Ende der Gewalt gegen Frauen" gezeigt..." ...wer hätte das für möglich gehalten? Ironie off. Wer ist denn mit Beobachter gemeint? Eventuell Journalisten, die vorher noch nichts von dem Muslimbrüdern gehört hatten und nicht sich nicht ium prinzipiell schnell zugängliche Informationen geschert haben?
3. Auswandern
thomas.b 15.03.2013
Das kann ich den Frauen nur raten. Soll doch das mittelalterliche Patriarchat mal sehen, wo (oder wie lange) es bleibt, so ganz ohne Frauen...
4. bitter
universitario 15.03.2013
Es zeigt sich deutlich, wer die Verlierer des sogenannten "arabischen Frühlings" sind: es sind die Frauen. Wo sind all die liberalen Facebookrevoluzzer hin? Was wurde aus dem zarten Pflänzlein der Demokratie und der Meinungsfreiheit, das aus dem Wüstenboden sproß? 90% der Frauen beschnitten? Pfui Teufel!
5. Ja was für eine Überraschung,
quarks2 15.03.2013
wo wir doch alle so begeistert vom arabischen Frühling waren! Jeder der in den letzten Jahren nicht blind durch das Leben gegangen ist hat das kommen sehen. Die alten Herrscher hat man davon gejagt oder ermordet und damit den islamischen Spinnern den Weg freigemacht. Mubarak, Gaddafi usw. waren sicher keine Guten, aber es gab eine Religionsfreiheit und man hat sich nicht gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Islam ist eben Mittelalter!
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Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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