Ärger mit Nuklearbehörde: Baut Brasilien eine Atombombe, Herr Minister?

Brasilien lässt keine Inspektoren in eine Uran-Anlage, baut ein Atom-U-Boot, der Präsident flirtet mit Iran: Die Außenpolitik der Regierung in Brasilia bereitet manchen Beobachtern Sorgen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Strategieminister Pinheiro Guimaraes über Rüstung und Verschwörungstheorien.

Forscher mit Pellets in Nuklearanlage Resende (westlich von Rio): "Die Atommächte wollen ihr nukleares und konventionelles Macht-Oligopol festigen"Zur Großansicht
AP

Forscher mit Pellets in Nuklearanlage Resende (westlich von Rio): "Die Atommächte wollen ihr nukleares und konventionelles Macht-Oligopol festigen"

SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Atomexperte Hans Rühle behauptet, dass Brasilien den Inspektoren der IAEA den Zugang zu den Zentrifugen zur Uranreicherung in Resende bei Rio verweigert, weil Brasilien dort in Wirklichkeit Nuklearwaffen entwickelt. Baut Brasilien eine Atombombe?

Samuel Pinheiro Guimaraes: Nein, das ist nicht wahr. Brasilien hat den Inspektoren der IAEA den Zugang zu den Nuklearanlagen in Resende im Rahmen des Garantieabkommens mit der IAEA erlaubt. Das brasilianische Nuklearprogramm gehorcht der brasilianischen Verfassung: Die schreibt als einzige in der Welt vor, dass alle nuklearen Aktivitäten nur friedlichen Zwecken dienen dürfen und der Genehmigung des Kongresses bedürfen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Brasilien wird das Zusatzprotokoll des Nichtverbreitungsvertrag für Atomwaffen (TNP), das eine verschärfte Kontrolle aller Nuklearanlagen vorsieht, nicht unterzeichnen. Warum?

Pinheiro Guimaraes: Die Zusatzprotokolle besagen, dass die Inspektoren der Internationalen Atomaufsichtsbehörde (IAEA) jederzeit ohne Vorankündigung an jedem Ort eine Inspektion vornehmen können. In der brasilianischen Verfassung steht, dass alle nuklearen Aktivitäten ausschließlich friedlichen Zwecken dienen dürfen. Außerdem haben wir ein Garantieabkommen, das ist ein absolut zufriedenstellendes Abkommen für die IAEA und für uns. Es sieht regelmäßige Inspektionen vor. Niemand bezweifelt, dass Brasiliens Nuklearprogramm friedlichen Zwecken dient.

SPIEGEL ONLINE: Isoliert sich Brasilien nicht mit dieser Entscheidung?

Pinheiro Guimaraes: Brasilien ist nie allein, wenn es seine nationalen Interessen verteidigt. Wenn ich etwas unterschreibe, nur weil ich fürchte, mich zu isolieren, verstoße ich gegen meine eigenen Interessen.

SPIEGEL ONLINE: Sie verweigern den Inspektoren der Internationalen Atombehörde den Zugang zu den Zentrifugen zur Urananreicherung. Warum?

Pinheiro Guimaraes: Wir haben die modernsten Zentrifugen der Welt, sie wurden von Brasilien mit brasilianischer Technologie entwickelt. Diese Zentrifugen sind extrem effizient und besitzen einen enormen industriellen Wert. Es gibt daher keinen Grund, warum die Inspektoren sie sehen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Beherrscht Brasilien die Technik für den Bau einer Atombombe?

Pinheiro Guimaraes: Dafür braucht man Zünder, einen Haufen Dinge, außerdem muss das Uran zu 90 Prozent angereichert werden. Wir reichern es aber nur bis drei Prozent an, für Versuchszwecke gelegentlich bis zu 19 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: In den siebziger und achtziger Jahren hatten die brasilianischen Streitkräfte ein geheimes Programm zur Entwicklung der Atombombe…

Pinheiro Guimaraes: Das glaube ich nicht, das wird überschätzt.

SPIEGEL ONLINE: Will Brasilien denn in Zukunft Atombomben bauen?

Pinheiro Guimaraes: Nein, dafür gibt es überhaupt kein Motiv, außerdem verbietet es unsere Verfassung.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammt denn die Technologie für die Zentrifugen?

Pinheiro Guimaraes: Zu einem großen Teil aus Brasilien, schon allein, weil es extrem schwierig ist, an die Teile zu kommen. Aber das ist eine extrem vertrauliche Angelegenheit, es gibt davon nicht einmal Fotos.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sie also nicht von internationalen Waffenhändlern, etwa in Pakistan, erworben?

Pinheiro Guimaraes: Das ist ebenso absurd wie der Vorwurf, es gäbe Terroristen im Dreiländereck Brasilien/Argentinien/Paraguay. Das wird auch immer wieder behauptet.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 43 Beiträge
fofinha 10.05.2010
Brasilien hat keine Feinde, ich glaube auch nicht daran, dass das Land Geld und Energie verschwenden wuerde,um Atomwaffen zu bauen. Sehr hoffnungsvoll,die selbstbewusste Haltung des Ministers. Leute passt auf, Brasilien [...]
Brasilien hat keine Feinde, ich glaube auch nicht daran, dass das Land Geld und Energie verschwenden wuerde,um Atomwaffen zu bauen. Sehr hoffnungsvoll,die selbstbewusste Haltung des Ministers. Leute passt auf, Brasilien erfuellt die Maastricht-Kriterien, Brasilien ist wirtschaftlich unabhaengig, im Energiebereich vor allem. Der Euro wird eine Weichwaehrung, der Real ist eine harte Waehrung. Bald werden Brasilianer zu uns als Entwicklungshelfer kommen, und uns zeigen, wo es langgeht!
alfredoneuman 10.05.2010
Hört sich nicht besonders vertrauenerweckend an was der Minister so erzählt, insbesondere die Begründung für Lulas Reise nach Teheran klingt ziemlich an den Haaren herbeigezogen an. Er sagt: "Brasilien hat eine große [...]
Zitat von sysopBrasilien lässt keine Inspektoren in eine Uran-Anlage, baut ein Atom-U-Boot, der Präsident flirtet mit Iran: Die Außenpolitik der Regierung in Brasilia bereitet manchen Beobachtern Sorgen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Strategieminister Pinheiro Guimaraes über Rüstung und Verschwörungstheorien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,693421,00.html
Hört sich nicht besonders vertrauenerweckend an was der Minister so erzählt, insbesondere die Begründung für Lulas Reise nach Teheran klingt ziemlich an den Haaren herbeigezogen an. Er sagt: "Brasilien hat eine große Gemeinde von Arabischstämmigen", deswegen muss der Präsident unbedingt nach Teheran fahren? Hat es sich denn noch nicht bis Brasilien herumgesprochen, dass Iraner keine Araber sind?
durchblick 10.05.2010
Sicher wird es nicht lange dauern bis CIA, NSI, FBI... die ersten Al Quaida kaempfer an der Copa Caban aufindig machen. Dann wird der brasilianischen Dschungel als Rueckzugsgebiet erklaert und man kann den ganzen Krampf gegen [...]
Zitat von sysopBrasilien lässt keine Inspektoren in eine Uran-Anlage, baut ein Atom-U-Boot, der Präsident flirtet mit Iran: Die Außenpolitik der Regierung in Brasilia bereitet manchen Beobachtern Sorgen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Strategieminister Pinheiro Guimaraes über Rüstung und Verschwörungstheorien. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,693421,00.html
Sicher wird es nicht lange dauern bis CIA, NSI, FBI... die ersten Al Quaida kaempfer an der Copa Caban aufindig machen. Dann wird der brasilianischen Dschungel als Rueckzugsgebiet erklaert und man kann den ganzen Krampf gegen den Terror auch Brasilien ueberstuelpen, ob die wollen oder nicht.
alfredoneuman 10.05.2010
Dass was Sie als "selbstbewusste Haltung des Ministers" bezeichnen, empfinde ich eher als eine Mischung aus Dummheit und Dreistigkeit. Wenn jemand die Nukleartechnologie so kritiklos lobt, kann er nicht ganz auf der [...]
Zitat von fofinhaBrasilien hat keine Feinde, ich glaube auch nicht daran, dass das Land Geld und Energie verschwenden wuerde,um Atomwaffen zu bauen. Sehr hoffnungsvoll,die selbstbewusste Haltung des Ministers. Leute passt auf, Brasilien erfuellt die Maastricht-Kriterien, Brasilien ist wirtschaftlich unabhaengig, im Energiebereich vor allem. Der Euro wird eine Weichwaehrung, der Real ist eine harte Waehrung. Bald werden Brasilianer zu uns als Entwicklungshelfer kommen, und uns zeigen, wo es langgeht!
Dass was Sie als "selbstbewusste Haltung des Ministers" bezeichnen, empfinde ich eher als eine Mischung aus Dummheit und Dreistigkeit. Wenn jemand die Nukleartechnologie so kritiklos lobt, kann er nicht ganz auf der Höhe der Zeit sein. Und bevor Brasilianer zu uns als Entwicklungshelfer kommen, müssten Sie erst einmal ihren Job in den Favelas von Rio zu Ende bringen.
carioca 10.05.2010
Brasilien hat ein Riesenpotential und hat sich in den letzten Jahren in eine richtige Richtung in vielerlei Hinsicht bewegt. Umso beunruhigender die Erklärungsversuche und Verteidigungen von Irans Atomprogramm von diesem [...]
Brasilien hat ein Riesenpotential und hat sich in den letzten Jahren in eine richtige Richtung in vielerlei Hinsicht bewegt. Umso beunruhigender die Erklärungsversuche und Verteidigungen von Irans Atomprogramm von diesem Minister. Brasilien soll aufpassen, dass es sich nicht in die Richtung wie Venezuela bewegt mit Anbiederung an Iran. Das kann nur für die Wirtschaft und folglich für die Demokratie schiefgehen!
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Brasilien

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Montag, 10.05.2010 – 18:49 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 43 Kommentare

Zur Person
REUTERS
Samuel Pinheiro Guimarães ist braslianischer Minister für strategische Angelegenheiten.

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 196,526 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Brasilien-Reiseseite


Uran und Atomwaffen
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.

Irans Atomprogramm
AP
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.




TOP



TOP