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Ärzte ohne Grenzen in Syrien: "Wir wissen nicht, wie lange wir das noch schaffen"

Ein Interview von

Angriffe in Syrien: Krieg gegen Krankenhäuser Fotos
DPA/ MSF

Bomben haben ein Krankenhaus in Syrien zerstört, die Zahl der Opfer steigt. Joanne Liu, Chefin von Ärzte ohne Grenzen, schildert die verzweifelte Lage der Helfer.

Zur Person
  • AFP
    Joanne Liu ist seit 2013 die Präsidentin der internationalen Hilfsorganisation Médecins sans Frontieres (MSF), in Deutschland als Ärzte ohne Grenzen bekannt. Die in Kanada geborene Kinderärztin arbeite von 1996 an selbst mit Flüchtlingen in Mauretanien und danach in vielen anderen Kriegs- und Krisengebieten, noch 2013 auch im Norden von Syrien. MSF ist eine von Regierungen unabhängige Hilfsorganisation, die sich durch Spenden finanziert.
SPIEGEL ONLINE: Frau Liu, vor einigen Tagen wurde erneut ein Hospital, das Ärzte ohne Grenzen unterstützt, bombardiert. Sie reden täglich mit den Ärzten in Idlib. Was berichten sie?

Liu: Die Situation ist fürchterlich. Noch immer suchen wir in den Trümmern nach Opfern. Hoffnung auf Überlebende gibt es nicht mehr. 25 Menschen, darunter neun Mitarbeiter der Klinik, wurden getötet, doch die Zahl kann noch steigen. Unter den getöteten Patienten ist auch ein kleines Kind.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es den Überlebenden?

Liu: Die Ärzte und Schwestern stehen noch immer unter Schock. Von den rund 50 Mitarbeitern der Klinik waren 25 zur Zeit des Angriffs vor Ort. Die meisten konnten noch gar nicht realisieren, was passiert ist. Sie haben erst mal ihren Kollegen geholfen und nach weiteren Opfern gesucht, zur Reflektion ist da keine Zeit. Es ist die schlimmste Form eines Adrenalinrausches, die man sich vorstellen kann.

SPIEGEL ONLINE: Bisher hat sich keine der Kriegsparteien zu dem Angriff bekannt. Was glauben Sie, wer die Klinik bombardiert hat?

Liu: Wir können es nicht sicher sagen. Und doch müssen wir davon ausgehen, dass es Kampfjets des syrischen Regimes oder der Russen waren, da diese auch in der Umgebung von Idlib am gleichen Tag Angriffe ausführten. Die Ärzte haben an dem Morgen ja auch Kampfjets gehört.

SPIEGEL ONLINE: Normalerweise kommuniziert Ärzte ohne Grenzen die Position der Kliniken in Kriegsgebieten an alle kämpfenden Parteien. War das in Syrien auch der Fall?

Liu: Wir wissen das noch nicht. In Idlib haben wir das Hospital nur unterstützt, aber nicht betrieben. In unseren eigenen Einrichtungen senden wir allen Kriegsparteien regelmäßig die Koordinaten. Das soll Luftangriffe vermeiden. Ich gehe aber davon aus, dass die Hospitalbetreiber in Idlib zumindest das syrische Regime über die Position des Krankenhauses informiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre es ein gezielter Angriff gewesen.

Liu: Die Art der Bombardierung weist darauf hin. Allein die Sequenz, das Krankenhaus wurde ja in zwei Wellen kurz nacheinander getroffen, spricht für eine gezielte Attacke. Im zynischen Militär-Duktus nennt man so etwas einen Doppelschlag, so will man sichergehen, dass das Ziel vollständig zerstört wird. Diese Attacke kann also kein Fehlschlag gewesen sein, zudem wurde ja nur unser Haus getroffen und nicht die Gebäude um uns herum.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Sinn könnte ein solcher Angriff haben?

Liu: Ich kann es mir auch nicht erklären. Allerdings müssen wir sehen: Das Kriegsrecht gilt in Syrien nicht mehr. Immer wieder wurden dort Krankenhäuser angegriffen, in denen Zivilisten behandelt worden sind, es ist schon zur traurigen Routine geworden, eine akzeptierte Art der Kampfführung. Es scheint ein Trend zu sein, dass sich die Kriegsparteien immer wieder mit Grausamkeiten überbieten.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem muss der Angriff ja ein Ziel gehabt haben.

Liu: Offensichtlich geht es einzig darum, unter der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Es war ja nicht der erste Angriff auf Krankenhäuser, sogar Ambulanzen mit Verletzten werden in Syrien beschossen. Der Effekt ist ein Horror für jeden Syrer, nicht einmal mehr das letzte Recht von Menschen in Kriegsgebieten wird gewahrt. Doch das Schlimmste ist, dass sich kaum noch jemand dafür interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von einer Art medialer Abstumpfung?

Liu: Exakt. Vor ein paar Jahren waren Angriffe auf Zivilisten ein Skandal, die Welt hat sich empört. Dann war es der Einsatz von Gas, dann Fassbomben, später Attacken auf Hospitäler. Heute sind das alles keine Nachrichten mehr, da schon so viele Gräueltaten passiert sind. Den Kriegsparteien öffnet das einen Weg in eine Gleichgültigkeit, auch eine Straflosigkeit. Das dürfen wir nicht akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer aber soll solche Angriffe verhindern?

Liu: Das ist eins der Hauptprobleme: Vier der fünf Mitglieder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sind mittlerweile selbst Kriegsparteien in Syrien. Ob sie es wollen oder nicht, steigern sie das Leid der syrischen Bevölkerung. Selbst wenn zum Beispiel die USA oder Frankreich nur gegen den "Islamischen Staat" kämpfen wollen, drehen sie doch die Gewaltspirale weiter. Man kann Luftangriffe nicht mehr kritisieren, wenn man selbst solche Attacken fliegt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen eigentlich noch möglich im Norden Syriens?

Liu: Unsere Arbeit ist immer gefährlich, wir versorgen ja ausschließlich Menschen in Kriegs- und Krisengebieten. In Syrien allerdings sind wir selbst so in Gefahr, dass unsere Ärzte und Helfer am Rande ihrer Kräfte sind, einige wollen fliehen. Wir versuchen, unsere Arbeit weiter zu machen. Ausländische Ärzte können wir kaum noch ins Land bringen, da es zu gefährlich ist. Jeden Tag wird zudem die Versorgung mit Medikamenten schwieriger, da wir uns kaum noch bewegen können, fast alle Straßen sind mit Checkpoints versperrt oder vermint. Ich will ganz ehrlich sein: Wir wissen nicht, wie lange wir das noch schaffen.

Nachtrag: Nach Erscheinen des Interviews korrigierte die Organisation MSF ein Detail über den Angriff. Inzwischen habe man recherchiert, so MSF, "dass die lokalen Verantwortlichen der Klinik sich dazu entschlossen hatten, die GPS-Koordinaten der Einrichtung nicht mit der syrischen Regierung zu teilen". Dies sei "aus Angst vor einem gezielten Angriff" geschehen.

Video: Krankenhäuser in Nordsyrien bombardiert

AFP

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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