Aufstand in Syrien: Damaskus macht Jagd auf Ärzte

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Das syrische Regime zerstört offenbar gezielt Krankenhäuser und verfolgt Mediziner - die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" reiste heimlich in das Land und unterstützte die bedrängten Kollegen. Am Dienstag wurde ein Uno-Konvoi angegriffen, die Beobachter befinden sich bei den Rebellen.

Uno-Beobachterchef Ahmed Himmiche: Auch seine Leute wurden angegriffen Zur Großansicht
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Uno-Beobachterchef Ahmed Himmiche: Auch seine Leute wurden angegriffen

Hamburg - Syrische Sicherheitskräfte machen offenbar gezielt Jagd auf Mediziner und Patienten. Zu diesem Ergebnis kommt die humanitäre Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Sie entsendet Mediziner in Krisengebiete. Nach Syrien darf sie zwar offiziell nicht einreisen. Doch nun erreichten zwei ihrer Ärzte heimlich die Unruheregion Idlib - und machten sich ein Bild von der Lage vor Ort.

"Die Situation in den Krankeneinrichtungen ist unglaublich angespannt. Das medizinische Personal führt nur das allernötigste durch und sendet Verletzte dann sofort nach Hause - aus Angst angegriffen zu werden", sagt Brice de le Vingne, Leiter von "Ärzte ohne Grenzen" in Brüssel SPIEGEL ONLINE.

In einem Fall seien zwei Schwerverwundete nach einer viertelstündigen Behandlung wieder mit ihren Familien fortgeschickt worden. Denn die syrischen Ärzte befürchteten eine Attacke auf die Krankeneinrichtung und wollten diese evakuieren.

Internationale Helfer mussten aus Klinik flüchten

"Die Verwundenen konnten keine Hilfe bekommen, weil sie weggeschickt wurden", sagt de le Vingne, "das Problem sind nicht die Vorräte von medizinischen Hilfsmitteln, die sind vorhanden. Es ist die Sicherheitslage". Denn Krankeneinrichtungen werden offenbar gezielt angegriffen. Auch das Team von Ärzte ohne Grenzen musste einmal aus einer Klinik flüchten. Zehn Minuten später ging diese in Flammen auf.

"Wir sind extrem frustriert, dass wir in Syrien nicht arbeiten können", sagt de la Vingne. "Selbst in Afghanistan oder Somalia ist es einfacher, denn dort sind sich die Konfliktparteien einig, dass man eine unabhängige und neutrale Gesundheitsversorgung braucht." Die Organisation wolle jedoch nicht aufgeben und weiterhin Damaskus um eine Einreiseerlaubnis bitten. Im Februar hatten ihre Ärzte bereits heimlich in der Unruhestadt Homs Verwundete versorgt.

Das syrische Regime hat Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen bisher regelmäßig die Einreise verboten. Auch das Krisenhilfswerk der Vereinten Nationen (OCHA) fordert seit Monaten erfolglos, die Not leidende Bevölkerung zu unterstützen.

Das Internationale Rote Kreuz und der Rote Halbmond dürfen unter Aufsicht des Regimes operieren, werden in ihrer Arbeit jedoch massiv behindert und bedroht. So sollen etwa am 24. April Regierungstruppen ein Fahrzeug des Roten Kreuzes angegriffen und einen Helfer getötet haben. Dies berichtete die staatliche US-Entwicklungsorganisation USAID in einer internen Mitteilung, die das Nachrichtenportal "Foreign Affairs" nun veröffentlichte.

Uno-Konvoi angegriffen - Beobachter befinden sich bei Rebellen

Am Dienstag wurde auch ein Konvoi von Uno-Militärbeobachtern an einer Straßensperre im Norden des Landes angegriffen. Der Konvoi sei von einem improvisierten Sprengsatz getroffen worden, teilte ein Sprecher des internationalen Vermittlers Kofi Annan über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Drei der vier Fahrzeuge seien beschädigt worden. Weitere Details oder Angaben zu möglichen Opfern machte er nicht.

Syrische Rebellen erklärten, Regierungstruppen hätten in der zentral gelegenen Stadt Chan Scheichun mit Panzerabwehrraketen oder von gepanzerten Fahrzeugen aus das Feuer auf Teilnehmer einer Beerdigung eröffnet. Dabei seien mindestens 21 Menschen getötet sowie mindestens eines der vier Uno-Fahrzeugen beschädigt worden.

Ein Mitglied des Uno-Teams sagte in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur Reuters, er und seine sechs Kollegen befänden sich bei den Oppositionellen in Sicherheit. Sie versuchten, eine sichere Rückkehr zu ihrer Basis zu organisieren. Die Beobachter hatten die Rebellenhochburg gegen Mittag besucht, als die Gewalt ausbrach. Der syrische Fernsehsender Addunja berichtete, Bewaffnete hätten die internationalen Beobachter entführt. Die Angaben lassen sich unabhängig nur schwer überprüfen, weil die syrische Führung kaum ausländische Journalisten ins Land lässt.

Die Beobachter sollen die Einhaltung eines von Annan im Auftrag der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga ausgehandelten Waffenstillstands überprüfen, der sich in den vergangenen Wochen jedoch mehrfach als brüchig erwiesen hat. Präsident Baschar al-Assad versucht seit mehr als einem Jahr einen Aufstand gegen seine Herrschaft niederzuschlagen. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten sollen bei Gewalttaten am Dienstag insgesamt 43 Zivilisten getötet worden sein.

Mit Material von Reuters und AFP

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1. Irreführend
KerKaraje 15.05.2012
Zitat von sysopAFPDas syrische Regime zerstört offenbar gezielt Krankenhäuser und verfolgt Mediziner - die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" reiste heimlich in das Land und unterstützte die bedrängten Kollegen. Am Dienstag wurde ein Uno-Konvoi angegriffen, die Beobachter befinden sich bei den Rebellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833399,00.html
Der Bericht von Frau Salloum ist irreführend. Der Originalartikel der Ärzte ohne Grenzen sagt keineswegs, dass "das syrische Regime" gezielt Krankenhäuser zerstört, etc.: Siehe hier: Syria: Safety of Wounded and Medical Workers Must be Prioritized | Doctors Without Borders (http://www.doctorswithoutborders.org/press/release.cfm?id=6012&cat=press-release) Wenn es so eindeutig wäre, wer die Täter sind, würde folgende Passage nicht vorkommen: "All parties to the conflict must fully respect the safety and integrity of wounded people, doctors, and healthcare facilities, MSF said." Was offensichtliche Angriffe auf die UN-Beobachter angeht ist sich die regimekritische BBC im Gegensatz zu SPON gar nicht so sicher: BBC News - Syrian troops 'kill 20 at funeral during UN visit' (http://www.bbc.co.uk/news/world-18077394) "UN monitors were also hit by gunfire during an intense battle in the town of al Rastan on Monday, and the convoy of another UN team was struck by an explosion in Deraa last week." Und ob es Sinn macht bzw. auch nur entfernt wahrscheinlich ist, dass eine Regierung, die ständig Sanktionen auferlegt bekommt ausgerechnet in Anwesenheit von UN-Beobachtern auf eine Begräbnisfeier schiesst, kann sich jeder denken. Nur kommt es den SPONs dieser Welt nicht in den Sinn, einen Schuss Skepsis an den Tag zu legen. Die Logik ist so: Rebellen Gewalt -> "Alles Regierungspropaganda bzw. Verschwörungstheorie" Regierungsgewalt -> Skandal! Noch mehr Sanktionen.
2. Übung für den Tag x?
pikeaway 15.05.2012
Zitat von KerKarajeDer Bericht von Frau Salloum ist irreführend. Der Originalartikel der Ärzte ohne Grenzen sagt keineswegs, dass "das syrische Regime" gezielt Krankenhäuser zerstört, etc.: Siehe hier: Syria: Safety of Wounded and Medical Workers Must be Prioritized | Doctors Without Borders (http://www.doctorswithoutborders.org/press/release.cfm?id=6012&cat=press-release) Wenn es so eindeutig wäre, wer die Täter sind, würde folgende Passage nicht vorkommen: "All parties to the conflict must fully respect the safety and integrity of wounded people, doctors, and healthcare facilities, MSF said." Was offensichtliche Angriffe auf die UN-Beobachter angeht ist sich die regimekritische BBC im Gegensatz zu SPON gar nicht so sicher: BBC News - Syrian troops 'kill 20 at funeral during UN visit' (http://www.bbc.co.uk/news/world-18077394) "UN monitors were also hit by gunfire during an intense battle in the town of al Rastan on Monday, and the convoy of another UN team was struck by an explosion in Deraa last week." Und ob es Sinn macht bzw. auch nur entfernt wahrscheinlich ist, dass eine Regierung, die ständig Sanktionen auferlegt bekommt ausgerechnet in Anwesenheit von UN-Beobachtern auf eine Begräbnisfeier schiesst, kann sich jeder denken. Nur kommt es den SPONs dieser Welt nicht in den Sinn, einen Schuss Skepsis an den Tag zu legen. Die Logik ist so: Rebellen Gewalt -> "Alles Regierungspropaganda bzw. Verschwörungstheorie" Regierungsgewalt -> Skandal! Noch mehr Sanktionen.
Das Timing mag nicht ganz glücklich zu sein. Aber man bereitet sich bereits für den Ernstfall vor. Hier eine kaum publizierte Meldung, weder von Reuters noch anderen Mainstream-Medien. "AMMAN, Jordan — The United States and its allies have started in Jordan what was described as the largest military exercises in the Middle East in 10 years, focusing on “irregular warfare,” top officers said on May 15 . “Yesterday we began to apply the skills that we have developed over the last weeks in an irregular warfare scenario ... They will last for approximately the coming two weeks,” Maj. Gen. Ken Tovo, head of the U.S. Special Operations Forces, told reporters in Amman . More than 12,000 soldiers are taking part in the war games, dubbed “Eager Lion 2012.” They represent 19 countries, including Bahrain, Egypt, Iraq, Jordan, Saudi Arabia, Lebanon Pakistan, Qatar, Britain, France, Italy, Spain and Australia. “The message that I want to send through this exercise is that we have developed the right partners throughout the region and across the world ... insuring that we have the ability to ... meet challenges that are coming to our nations,” Tovo said" .
3. !
manuelbaghorn 16.05.2012
Zitat von KerKarajeDer Bericht von Frau Salloum ist irreführend. Der Originalartikel der Ärzte ohne Grenzen sagt keineswegs, dass "das syrische Regime" gezielt Krankenhäuser zerstört, etc.: Siehe hier: Syria: Safety of Wounded and Medical Workers Must be Prioritized | Doctors Without Borders (http://www.doctorswithoutborders.org/press/release.cfm?id=6012&cat=press-release) Wenn es so eindeutig wäre, wer die Täter sind, würde folgende Passage nicht vorkommen: "All parties to the conflict must fully respect the safety and integrity of wounded people, doctors, and healthcare facilities, MSF said." Was offensichtliche Angriffe auf die UN-Beobachter angeht ist sich die regimekritische BBC im Gegensatz zu SPON gar nicht so sicher: BBC News - Syrian troops 'kill 20 at funeral during UN visit' (http://www.bbc.co.uk/news/world-18077394) "UN monitors were also hit by gunfire during an intense battle in the town of al Rastan on Monday, and the convoy of another UN team was struck by an explosion in Deraa last week." Und ob es Sinn macht bzw. auch nur entfernt wahrscheinlich ist, dass eine Regierung, die ständig Sanktionen auferlegt bekommt ausgerechnet in Anwesenheit von UN-Beobachtern auf eine Begräbnisfeier schiesst, kann sich jeder denken. Nur kommt es den SPONs dieser Welt nicht in den Sinn, einen Schuss Skepsis an den Tag zu legen. Die Logik ist so: Rebellen Gewalt -> "Alles Regierungspropaganda bzw. Verschwörungstheorie" Regierungsgewalt -> Skandal! Noch mehr Sanktionen.
Sie meinen also, auf eine Begräbnisfeier zu schießen, währden die UN in der Nähe ist, mache keinen Sinn. Nun, denken sie die UN hat sich das ausgedacht? Im Übrigen: macht Assad wirklich auf sie den Eindruck, als würde er ruhig überlegen ob es Sinn macht was er tut, bevor er es tut? Natürlich gibt es bei den Rebellen auch schwarze Schafe, aber letztendlich war es Assad, der jegliche Gespräche abgelehnt und stattdessen auf friedliche Demonstranten geschossen hat, wodurch der Konflikt erst hochgekocht ist. Ist ihnen das entgangen?
4. Kein Titel
willi_der_letzte 16.05.2012
Zitat von sysopAFPDas syrische Regime zerstört offenbar gezielt Krankenhäuser und verfolgt Mediziner - die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" reiste heimlich in das Land und unterstützte die bedrängten Kollegen. Am Dienstag wurde ein Uno-Konvoi angegriffen, die Beobachter befinden sich bei den Rebellen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833399,00.html
Was für ein dämlicher Satz und ausserdem falsch. Das Sheraton Damaskus ist voller Journalisten aus aller Herren Länder.
5. sollen,hätten,müssten
materialist 16.05.2012
Der Artikel bsteht eigentlich nur aus Behauptungen und Vermutungen ich habe selten so was unfundiertes gelesen.
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Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

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