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Afrika: Rekord-Dürre bedroht Äthiopiens Wirtschaftswunder

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Äthiopien: Wirtschaftswunderland in der Dürrekrise Fotos
REUTERS

Die Trockenheit in Äthiopien ist schlimmer als im Katastrophenjahr 1984. Die Dürre wird zum Test für Afrikas Wirtschaftswunderland.

So schlimm, sagen die Leute, die beim großen Sterben vor rund 30 Jahren dabei waren - so schlimm war die Dürre in Äthiopien lange nicht mehr.

Das ostafrikanische Land leidet seit Monaten unter einer extremen Trockenheit. Im Sommer 2015 fiel der Regen in Äthiopien fast ganz aus. Die Erde brach, das Vieh starb, das Korn verdorrte, Quellen und Wasserläufe trockneten aus.

Die Meldungen über den Sommer ohne Regen weckten schreckliche Erinnerungen: Von 1983 bis 1985 erlebte Äthiopien das größte Hungersterben Afrikas der vergangenen Jahrzehnte, noch verschlimmert durch das Missmanagement der kommunistischen Regierung und einen langen Bürgerkrieg. Etwa eine Million Menschen starben.

Helfer von Welt: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon applaudiert Äthiopiern Zur Großansicht
AP

Helfer von Welt: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon applaudiert Äthiopiern

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon war Ende Januar im Dürregebiet in Zentral-Äthiopien. Dort schritt er Reihen von Helfern und aufgestapelte Maissäcke ab - und rief zum Durchhalten auf. "Diese Herausforderung wird uns noch eine Weile begleiten", sagte er. "Mit andauernder und konzertierter Anstrengung denke ich, dass wir das schaffen können. Ich bin sehr bewegt davon, wie hart die Leute hier anpacken."

18 Millionen Menschen vom Hunger bedroht

Die Uno warnt: Allein in diesem Jahr würden 1,4 Milliarden Dollar benötigt, um den Hungertod vieler Menschen zu vermeiden. Laut Regierung sind 18 Millionen der insgesamt 90 Millionen Äthiopier vom Hunger bedroht. Mehr als zehn Millionen müssten von Hilfsorganisationen unterstützt werden, warnt Oxfam. Noch ist wohl niemand an Unterernährung gestorben. Vereinzelte Berichte über Hungertote wurden bislang nicht belegt.

Totes Rind im Osten Äthiopiens: Nomadenvölkern stirbt ihr einziges Vermögen weg Zur Großansicht
REUTERS

Totes Rind im Osten Äthiopiens: Nomadenvölkern stirbt ihr einziges Vermögen weg

Die extreme Dürre bedroht die Existenz der Menschen. Besonders hart trifft jede Trockenheit die Hirtenvölker im Osten und Süden entlang der Grenzen zu Eritrea, Dschibuti und Somalia.

Sie sind an ein karges Leben gewöhnt, ihre Kamele und Rinder können auch längere Trockenzeiten aushalten. Aber wenn es so gut wie gar nicht regnet, sterben die Tiere, die Lebensgrundlage ist zerstört. Es ist ein Schicksal, dass die Hirten dort mit vielen ihrer ostafrikanischen Leidensgenossen teilen.

Dürre, 800.000 Flüchtlinge - und die Grenzen bleiben offen

Häufige Dürren sind daher auch ein Grund, warum Äthiopien nur langsam aus der Armutsfalle herauskommt. Zwar hat das üppige Wirtschaftswachstum geholfen, den Anteil der Allerärmsten mit weniger als 60 US-Cent pro Tag zu reduzieren. Aber noch immer lebt etwa jeder Vierte von weniger.

Die seit Jahren oft zweistelligen Wachstumsraten sorgen leider nicht für gleichmäßig verteilten Wohlstand. Hochhäuser wachsen in der Hauptstadt in den Himmel, in Addis Abeba eröffnete die erste Metrolinie Afrikas südlich der Sahara. Doch die Landbewohner haben davon wenig. Bei ihnen herrscht auch ohne Dürre permanent Unterernährung. Ein Viertel bis ein Drittel bekommen Jahr für Jahr zu wenig Nahrung, rechnet das Welternährungsprogramm der Uno (WFP) vor.

Die Dürre stellt Äthiopien aktuell vor ein weiteres Problem: Das fabelhafte Wirtschaftswachstum stammt aus den Sektoren Dienstleistung - und aus der Landwirtschaft. 90 Prozent der Anbauflächen sind allerdings von Regen abhängig. Bewässerungssysteme für eine industrialisierte Landwirtschaft baut das Land erst auf. Dafür wurde Äthiopien schon für seine grüne Revolution gefeiert. Doch nun könnte die Dürre den bislang stetigen Aufschwung bremsen.

Obendrein beherbergt das Land ein großes Flüchtlingskontingent: 821.000 Menschen aus dem Südsudan, Somalia und Eritrea leben in äthiopischen Lagern. Trotzdem bleibe die Regierung bei einer "Politik der offenen Tür", berichtete das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Boomtown Addis Abeba: Die Dürre gefährdet das Wirtschaftswachstum Zur Großansicht
Corbis

Boomtown Addis Abeba: Die Dürre gefährdet das Wirtschaftswachstum

Trotz der Dürre gibt es eine Hoffnung: Je stabiler ein Staat, umso sicherer ist die Bevölkerung vor dem Hungertod. Die Regierung versucht seit Jahren vorzusorgen: 2005 legte sie ein Programm auf, um Millionen chronisch unterversorgten Menschen zu helfen. Außerdem hat das autokratische Regime knapp 400 Millionen US-Dollar im Staatshaushalt für die Jahre 2015 und 2016 umgeschichtet, um die erwartete Hungersnot zu bekämpfen.

Die Dürre ist allerdings so gewaltig, dass auch im passabel organisierten Äthiopien die eigenen Mittel nicht reichen werden, räumt die Regierung ein. Das WFP meldete, es würden sehr bald weitere 500 Millionen Dollar benötigt, sonst könnte die Nothilfe Ende April versiegen. Der Ruf der Uno nach insgesamt 1,4 Milliarden Dollar für das laufende Jahr ist ebenfalls ein Alarmzeichen.

Vor Juni wird es in Äthiopien wohl nicht regnen. Erst dann beginnt dort - hoffentlich - die nächste Regenzeit.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Wirtschaftswachstum als Indikatior in %
ernieb 10.02.2016
ist ja eh so eine Sache... Vereinfacht: Wenn es eine Firma im Land gibt und noch eine weitere gebaut wird, dann ist das auch ein Wirtschaftswachstum von 100 %... Ist das jetzt besser als eine funktionierende Wirtschaft, die nur um 1% wächst? Mit Wohlstand hat es eh nichts zu tun - wie richtig im Artikel erwähnt - ist es wichtig, dass es auch im Land ankommt und nicht nur bei der reichen Elite.
2. Was ist mit dem Riesenstau im Süden?
seid-kritisch 10.02.2016
Ich erinnere mich an einen Artikel im Spiegel vor vielleicht 15 Jahren. Der Stausee war fertig. Aber es fehlten die Wasserkanäle zu den Feldern. Die damalige Regierungspartei blockierte den Bau, weil sie verdiente mit dem Transport von Getreide - geschenkt von der Welthungerhilfe - in den sterbenden Süden. Das war der eigentliche Grund der Hungerkatastrophe.
3.
floersche 10.02.2016
1,4 Milliarden um 18 Millionen Menschen zu ernähren? Die sind doch aber nicht relevant für Dividenden und Einlagen der Entscheidungsträger. In dem Fall wären die 1,4 Mill. vermutlich während des Mittagessens abgesegnet worden. Dass es schwerfällt, diesen "Kleinstbetrag" zu stemmen, die Europäische Union aber kein Problem hatte, Banken die Casione spielten, mit Summen, die die jetzt benötigten Gelder um einen Faktor von rd. 1.150!!!! (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/teuer-fuer-den-steuerzahler-milliardengrab-bankenrettung-12535343.html) überschreiten, aufzupäppeln, treibt einem die Zornesröte ins Gesicht!
4.
heinz_schmitz 10.02.2016
"Äthiopisches Wirtschaftswunder"?? Hatte das Land nicht mal - als Reaktion auf die Hungerkatastrophe, eine staatlich organisierte Getreidebevorratung? Und mußte die nicht als Auflage des IWF und der Weltbank für eine Umschuldung aufgelöst und der äthiopische Getreidemarkt "dem Weltmarkt geöffnet" werden? Äthiopien wurde für ein, zwei Jahre sogar zum Geteideexporteuer, was als "Erfolg" der neoliberalen Maßnahmen verkauft wurde. Dabei waren das nur die aufgelösten Lagerbestände. DAS war das angebliche "Wirtschaftswunder"! Schon kurz darauf mußte wieder Getreide importiert werden. Und heute ist die äthiopische Landwirtschaft komplett abhängig von außen. https://geldseite.wordpress.com/2012/04/11/aethiopien-hunger-chossudovsk/
5. 522
otto_iii 10.02.2016
Es ist durchaus interessant bei dieser Gelegenheit so nebenbei zu erfahren, dass in Äthiopien in den vergangenen Jahren ein beachtlicher Wirtschaftsaufschwung stattgefunden hat. Das steht in deutlichem Widerspruch zu dem in der deutschen Öffentlichkeit gepflegten Stereotyp, Afrika sei ein einziger von Armut und Kriegen geschüttelter Krisenkontinent, und die Afrikaner seien aufgrund der seit dem Kolonialismus bis heute fortwirkenden Ausbeutung durch den Westen allesamt unschuldige Opfer. Auch jetzt wird wieder nur über Äthiopien berichtet, weil sich eine Krise abzeichnet und wieder an das Mitgefühl und die abzutragende moralische Schuld appelliert werden soll. Es wäre schön ofters mal differenziert zu berichten und klarzustellen, dass das Wohl und Wehe der Völker Afrikas vorrangig von ihnen selbst abhängt. Es hat ja Gründe, warum es in dem einen Land relativen Frieden und Wohlstand gibt und in einem anderen nicht. Die undifferenzierte Politik der Almosenverteilung beruhigt das den westlichen Gesellschaften über Jahrzehnte eingeredete schlechte Gewissen und schafft ein Gefühl der moralischen Überlegenheit. Sie ist aber alles andere als nachhaltig, schafft neue Abhängigkeiten und ist bei Lichte betrachtet auch herablassend.
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Bevölkerung: 90,076 Mio. Einwohner

Fläche: 1.133.380 km²

Hauptstadt: Addis Abeba

Staatsoberhaupt:
Mulatu Teshome Wirtu

Regierungschef: Hailemariam Desalegn

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