Petrys AfD und Le Pens Front National Schwestern im Geiste

Noch ziert sich AfD-Chefin Frauke Petry, wenn es um den Front National von Marine Le Pen geht. Doch inhaltlich kommen sich die Bewegungen immer näher - und die Radikalen in der AfD rufen längst nach einer Kooperation.

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Front-National-Politikerin Le Pen, AfD-Frau Petry: Aufmerksamer Blick nach Frankreich
AFP; dpa

Front-National-Politikerin Le Pen, AfD-Frau Petry: Aufmerksamer Blick nach Frankreich


Frauke Petry hat Marine Le Pen nicht gratuliert. Keine Silbe verloren die AfD-Chefin und ihr Führungsteam auf Facebook, Twitter oder in Presseerklärungen über den Sieg des rechtsextremen Front National (FN) bei den französischen Regionalwahlen.

Nur Björn Höcke hielt sich wieder einmal nicht an den Tagesbefehl: "Gratulation nach Frankreich", jubelte der Thüringen-Chef der AfD auf der Internetseite des "Flügels", wie das rechte Parteilager der AfD sich nennt. "Wir gratulieren Marine Le Pen zu ihrem überragenden Wahlerfolg. Frankreich und Europa dürfen noch hoffen!", schrieb Höcke.

Für die AfD entwickelt sich das Verhältnis zu den französischen Rechtsextremen zu einer der heikelsten Strategiefragen der kommenden Monate. Hier zeichnet sich ein neuer Konfliktherd in der Partei ab, zwischen den gemäßigten Rechten um Frauke Petry einerseits und dem völkischen Lager um Björn Höcke andererseits. Denn wie Höcke wünschen sich viele Mitglieder an der Parteibasis eine Allianz mit dem Front National.

Auch die Pegida-Bewegung, die längst mit dem AfD-Milieu eng verflochten ist, bejubelt Marine Le Pen ganz offen. Mit der britischen Ukip pflegt die Partei ohnehin bereits freundschaftliche Kontakte; Parteichef Nigel Farage wurde schon vom NRW-Chef Marcus Pretzell in Köln begrüßt. Es ist also fraglich, ob Petry ihren Kurs gegen Le Pen wird halten können.

Eine Kooperation mit dem FN würde freilich bedeuten, dass die AfD sich endgültig und offiziell vom Label "bürgerlich-konservativ" verabschiedet. Parteigründer Bernd Lucke konnte eine Nähe seiner "Professorenpartei" zu den französischen Extremisten noch glaubhaft zurückweisen. Doch schon bei seinem Sturz sah Lucke den Rechtsruck seiner Ex-Partei voraus: "Meine Sorge ist, dass sich die AfD zu einem deutschen Front National entwickeln könnte", sagte er. "Also zu einer Ein-Thema-Partei, die Ängste in der Bevölkerung schürt, um daraus Vorteil zu ziehen."

Tatsächlich vertreten die AfD (die noch kein offizielles Parteiprogramm hat) und der FN inzwischen in sehr vielen Themenfeldern ähnliche Positionen.

  • Beispiel Migration/Integration: Auf diesem Gebiet dürfte die Annäherung von Petrys und Le Pens Truppen am sichtbarsten sein. Seit der "Herbstoffensive" der AfD haben Parteifunktionäre eine Schließung deutscher Grenzen, einen Stop des Familiennachzugs für Flüchtlinge und gar Schusswaffengebrauch an der Grenze ins Spiel gebracht. Von verbalen Auffälligkeiten ganz zu schweigen: AfD-Vize Alexander Gauland nannte Flüchtlinge "Barbaren", Höcke warnte vor "Angstzonen für blonde Frauen" und einem "Bürgerkrieg". Da zudem der Front National inzwischen seinem alten antisemitischen Kurs abgeschworen hat, wäre ein weiteres Hindernis zur Kooperation beseitigt.
  • Beispiel Europa: Offiziell heißt es bei der AfD oft, man sei anders als der FN nur gegen den Euro, nicht gegen Europa. Tatsächlich hat auch Frauke Petry Ideen zur EU-Reform propagiert, die in ihrer Radikalität an Marine Le Pen erinnern: "Wir müssen die EU-Verträge komplett neu verhandeln", sagte sie der "Welt" im Mai. "Denn diese EU ist unserer Ansicht nach so nicht zu reformieren." Lissabon-Vertrag, Maastricht-Vertrag, alles müsse "zurückverhandelt" werden, am besten nur der Binnenmarkt bleiben - und der auch nur zwischen starken Staaten. Länder wie Bulgarien würde Petry gleich vor die Tür setzen. Insofern sind sie und Le Pen durchaus Schwestern im Geiste.
  • Beispiel Wirtschaft: Der FN sei "eine sozialistische Partei", betont Frauke Petry dieser Tage oft, schon deshalb passe er überhaupt nicht zur AfD, die eine wirtschaftsliberale Kraft sei. Tatsächlich sind sich aber auch viele Positionen der Rechtsparteien zu Wirtschaftsfragen zum Verwechseln ähnlich: Beide lehnen das Freihandelsabkommen TTIP und Sanktionen gegen Russland ab, beide prangern europäische Projekte wie die Bankenunion an. Und AfD wie FN loben den Mittelstand und prangern Steuervorteile für internationale Konzerne an.
  • Beispiel Russland: Als der SPIEGEL Ende 2014 enthüllte, dass die AfD sich von der russischen Botschaft beraten ließ, gab der Vorstand ein empörtes Dementi ab. Jetzt, ein Jahr später, verkündet man selbst eine "tiefergehende Zusammenarbeit auf fachlicher Ebene" mit den Russen in Berlin; gemeinsame "Fachkonferenzen" seien geplant. Petry hatte schon im Mai gefordert, die Russen stärker in die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik einzubeziehen. Wieder eine Gemeinsamkeit mit Putin-Versteherin Marine Le Pen: Dass der FN sogar seine Aktivitäten mit Millionenkrediten aus russischen Kassen finanziert, ist bekannt.
  • Beispiel Kulturpolitik: Frauke Petrys sächsischer AfD-Landesverband forderte im Landtagswahlkampf, es müsse eine Quote für deutsche Musik im Radio geben. Sogar das Geburtstagslied "Happy Birthday" möchte Petry am liebsten von Kinderfesten verbannen. Marine Le Pen wiederum, die schon einmal die Einladung von Madonna auf einen Kennenlern-Drink ausschlug, fährt mit ihrer Partei in Kulturfragen ebenfalls einen klar nationalistischen Kurs. Die französische Musikquote ist eine der wenigen Regeln, die der FN im Fall einer Machtübernahme nicht kippen würde. Auch in Film, Theater und Literatur wollen die Rechten laut ihrem Programm einen dominierenden Einfluss der eigenen Landsleute und Sprache bewahren.

Man könnte also sagen: der größte Unterschied zwischen AfD und Front National dürfte derzeit sein, dass man nicht dieselbe Sprache spricht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 481 Beiträge
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Seite 1
TomBlatt 13.12.2015
1. Da soll noch einer sagen...
Frauen wären besser als Männer :-D
kenterziege 13.12.2015
2. Das war ja klar, dass hier eine Gleichheit versucht wird...
....herzustellen. Dieser Versuch gilt der Diffamierung der AfD. Wenn man eine Ähnlichkeit von Frauen herstellen will, dann ist es Frauke Petry mit der Grünen Begründerin Petra Kelly. Vom Typus sind diese beiden Frauen absolut gleich. Auch die Liebhaber im Geiste, nämlich Pretzell bei Petry und der General Bastian bei der Kelly sind vergleichbar. Frau Petry brennt an beiden Enden - genau, wie die Kelly. Es ist viel einfacher. Die AfD ist rechts-konservativ in Deutschland und der FN ist rechtsextrem in Frankreich. Bezogen auf die Tabuisierung allen Rechten's in Deutschland mag das ähnlich aber nicht gleich sein!
Motzkoffer 13.12.2015
3. Muss das nicht.
Wie bei den Linken "Aktivist" heissen?
windpillow 13.12.2015
4. Kooperation wohl erst mal in Brüssel...
...denn dort wird es erstmal zu Gemeinsamkeiten kommen. Und schnell werden sich Ungarn, Polen, Dänemark und noch ein paar Länder dazu gesellen. Aber, das ist halt Demokratie. Entweder haben wir hier in Europa Demokratie oder nicht. Wenn den Mächtigen hier die Wahlen, bzw. die Ergebnisse in Frankreich -und vielleicht auch bald in D.-nicht passen, dann müssen sie die Demokratie wieder abschaffen.
oromer 13.12.2015
5. Afd
die Darstellung der Partei als rechtsextrem verdeutlicht immer mehr die Angst der Etablierten die sich vom Wahlvolk meilenweit entfernt haben..Es gibt aber diese Veränderung und das ist gut so.
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