Affäre Petraeus: Böse Verführerin, armer Sünder?
Immer neue, rätselhafte Details über Paula Broadwell werden bekannt. Die frühere Geliebte von Ex-CIA-Chef Petraeus erscheint als eitle Frau, die mit Geheimnissen prahlte. Der Ehebrecher hingegen steht als Opfer da. Doch auch die Vorgehensweise des FBI wirft Fragen auf.
Erst der tiefe Sturz vom großen General zum schnöden Ehebrecher. Und jetzt die Wiederauferstehung: als armes Opfer der einstigen Geliebten. Das ist die Wandlung, die Ex-CIA-Chef David Petraeus gerade in der öffentlichen Wahrnehmung Amerikas widerfährt.
Geht da alles mit rechten Dingen zu?
Der Mann - bis eben noch in Diensten eines demokratischen Präsidenten, zugleich aber eingetragener Republikaner - erfährt von allen politischen Seiten Anerkennung für seinen "außerordentlichen Dienst" (O-Ton Barack Obama). Sein Rücktritt bringt ihm überall höchste Achtung. Man bete jetzt für ihn und seine Frau Holly, versichern unisono Politiker aller Lager. "Am Boden zerstört" sei Petraeus, berichten Weggefährten aus dem Seelenleben des Sünders.
Und Paula Broadwell, die Ex-Geliebte und Petraeus-Biografin? Für sie betet wohl gerade keiner. Jedenfalls nicht öffentlich. Zugleich rückt die 40-Jährige zum Wochenbeginn mehr und mehr in den Fokus. Am Montagabend durchsuchten FBI-Agenten Broadwells Haus in Charlotte, North Carolina. Immer wieder zeigen die Nachrichtensender Videoschnipsel von ihr, meist bei irgendwelchen Auftritten, meist in hautengen Kleidern, meist sehr selbstbewusst. Ihre Rolle scheint festgelegt: auf die der Verführerin.
"Newsweek" berichtet von jenen Droh-Mails, die Broadwell ab Mai 2012 anonym an die mit Petraeus befreundete 37 Jahre alte Jill Kelley in Florida geschrieben hat. Petraeus hatte Kelley einst als Chef des Central Command der Streitkräfte auf der Militärbasis in Tampa kennengelernt.
"Was denkst du, wer du bist?"
Das alles hätte etwas von einem "Zickenkrieg" gehabt, zitiert das Magazin Geheimdienst-Kreise. Es handele sich nicht um Lass'-die-Finger-von-meinem-Kerl-Äußerungen, sondern "das war mehr wie: 'Was denkst du, wer du bist? Wie du über die Basis stolzierst Halt dich mal zurück.'" Die "New York Times" zitiert eine Mail, in der Broadwell ihrer vermeintlichen Rivalin vorwarf, sie habe Petraeus unangemessen unterm Esstisch "angefasst".
Belästigungen also, aber keine Todesdrohungen. Dennoch wandte sich Kelley - die offenbar eine mit dem kommandierenden US-General in Afghanistan, John Allen, "unangemessene Kommunikation" pflegte - an einen befreundeten Mitarbeiter der Bundespolizei.
So waren es überhaupt erst jene E-Mails, die das FBI auf die Spur der Ehebrecher brachten - auch Broadwell ist verheiratet und hat zwei Kinder. Konspirativ bewandert, tauschten Broadwell und Petraeus ihre Botschaften laut Nachrichtenagentur AP über den Entwürfe-Ordner eines E-Mail-Kontos aus, um auf diese Weise Spuren des Versendens zu vermeiden.
Die Ende 2011 begonnene Liebesaffäre soll vor gut vier Monaten geendet haben. Es heißt, Petraeus habe den Schlussstrich gezogen. Zudem, so berichteten es meist anonym Freunde und Weggefährten diversen US-Medien, sei Petraeus schockiert gewesen, als er im Sommer von Broadwells E-Mails erfuhr. Kelley selbst berichtete dem befreundeten General offenbar davon, nachdem ihr das FBI den mittlerweile ermittelten Namen der Verfasserin mitgeteilt hatte. Daraufhin soll Petraeus laut "Washington Post" Broadwell aufgefordert haben, die Belästigungen zu unterlassen.
Petraeus wollte unbedingt im Amt bleiben
Dennoch glaubte Petraeus offenbar, mit seiner Verfehlung durchzukommen. Wie die Zeitung berichtet, habe der CIA-Chef trotz der Affäre nicht beabsichtigt, von seinem Posten zurückzutreten. Tatsächlich ist Ehebruch allein unter den Regeln des Militärs ein Delikt. Aber Petraeus war ja nun gerade von der Armee zur CIA gewechselt, hatte offiziell seinen Abschied genommen.
Doch als die Affäre öffentlich wurde, sah er keine andere Wahl mehr.
Der reumütige Ex-General und die wütende Geliebte: Ist dies das korrekte Bild der Affäre? Schließlich haben doch beide ihre Partner hintergangen. Und hätte nicht gerade Petraeus sich im Griff haben müssen - wenn schon nicht als Ehemann, dann doch als Chef des mächtigsten Geheimdiensts der Welt? Sogar das Petraeus wohlgesinnte konservative "Wall Street Journal" stellt fest: "Es lässt doch auf einen erstaunlichen Mangel an Urteilsvermögen dieses disziplinierten und erfahrenen Mannes schließen, wenn er sich als Amerikas Chef-Spion derart angreifbar macht."
Mysteriöse Aussagen zur Botschaftsattacke in Bengasi
Dass sich aber die Affäre zu einem Gruppenbild mit wütender Dame entwickelt, das liegt auch an immer neuen, rätselhaften Details über Paula Broadwell.
So hat am Montag ein YouTube-Video die Runde gemacht, das Broadwell Ende Oktober bei einem Vortrag an der Universität von Denver zeigt. Darin behauptet sie, dass die Terroristen bei ihrem Angriff auf die US-Vertretung im libyschen Bengasi am 11. September gezielt mehrere in einem CIA-Gebäude festgehaltene Milizionäre hätten befreien wollen. Petraeus wisse das alles, er habe bereits 24 Stunden nach der Attacke davon erfahren.
Die CIA steht in der Kritik, weil sie gegenüber der Regierung in den Tagen nach Bengasi eben nicht von einem gezielten Terrorangriff sprach, sondern auf spontanen Gewaltausbrüchen beharrt haben soll. Auch die Sicherheitsvorkehrungen werfen Fragen auf. All das sollte Petraeus bei einem Auftritt vor entsprechenden Kongresskomitees an diesem Donnerstag aufklären. Nun kommt sein Stellvertreter.
Die Geliebte prahlte öffentlich mit Zugang zu Geheimnissen
Broadwells Aussagen in Denver zu den Milizionären wies die CIA genauso zurück, wie sie es schon mit einem entsprechenden Bericht von Fox News aus dem Oktober getan hatte, in dem ebenfalls diese Behauptung aufgestellt wurde. Und eines lässt tatsächlich aufhorchen: In ihrem Vortrag erwähnt Broadwell zu Beginn die Fox-News-Sendung. Zufall?
Natürlich kann auch alles anders sein: Es sei natürlich nicht auszuschließen, so zitiert die "Washington Post" einen CIA-Vertreter, dass Broadwell geheime Informationen herausrutschten, die sie von einer CIA-Quelle erhalten habe. War das Petraeus?
Wohlgemerkt: Der Angriff aufs US-Konsulat trug sich im September zu. Da soll die Liebesaffäre ja bereits beendet gewesen sein. Auf dem Computer Broadwells entdeckte das FBI mehrere, als geheim klassifizierte Dokumente. Stammten die von Petraeus? Nein, erklärte Broadwell laut "New York Times". Nein, sagte auch Petraeus bei einer Befragung.
Schon im Juli bei einem Vortrag vor dem "Aspen Security Forum" in Colorado hatte Broadwell, die den militärischen Rang eines Hauptmanns der Reserve trägt, mit ihrem Zugang zu Geheiminformationen während ihrer Recherche für die Petraeus-Biografie in Afghanistan kokettiert: "Ich hatte die Möglichkeit, in hochrangigen Meetings mit General Petraeus zu sitzen." Sie habe dort etwa die als geheim klassifizierten Gespräche von Terroristen mithören dürfen, zitiert das Magazin "Politico" aus der Rede. Eitelkeit oder Dummheit? Das bleibt unklar.
Oben-ohne-Bilder vom FBI-Agenten
Die Rolle des FBI wirft weiterhin Fragen auf. Warum hat es so lange gedauert - mehrere Monate -, bevor das Weiße Haus von dem Fall informiert wurde? Natürlich, man kann argumentieren, dass es am Ende keine Sicherheitsbedenken mehr gab, die Affäre also hätte privat bleiben können. Aber hatte der Fall Petraeus nicht längst schon zu große Kreise gezogen?
Da war zum Beispiel jener FBI-Mann, den Jill Kelley ganz zu Anfang ins Vertrauen zog. Nach Recherchen der "New York Times" hatte der Mann, der Kelley auch schon mal ein Foto seines nackten Oberkörpers übermittelte, die Informationen in seiner Behörde weitergegeben - dann aber nichts mehr gehört. Das machte ihn stutzig. Er vermutete offenbar, man wolle den Fall unter den Teppich kehren, um Obama zu schützen.
Und so wandte er sich an den politischen Gegner, an den republikanischen Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Eric Cantor. Der wiederum alarmierte FBI-Direktor Robert Mueller. All das habe natürlich keinen Einfluss auf die Ermittlungen gehabt, heißt es aus dem FBI.
Aber man kann sich wohl vorstellen, wie diese Story plötzlich ein Eigenleben entwickelte. Die Petraeus-Liebelei wurde zur Affäre.
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- Dienstag, 13.11.2012 – 09:31 Uhr
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