Affront Moskau sperrt deutschen Russland-Experten aus

Russlands Grenzschutz verweigert dem angesehenen deutschen Russland-Experten Hans Henning Schröder die Einreise am Moskauer Flughafen Domodedowo. Den Behörden gilt der 62-Jährige als "Sicherheitsrisiko". Die deutsche Botschaft und das Kanzleramt haben sich in den Fall eingeschaltet.

Von , Moskau


Beamte des russischen Grenzschutzes haben am Mittwochnachmittag einem renommierten deutschen Russland-Experten die Einreise verwehrt. Hans-Henning Schröder, 62, wurde am Moskauer Flughafen Domodedowo gestoppt. "Der Grenzbeamte hat kurz gestutzt und mir dann bedeutet, ihm zu folgen", sagte Schröder SPIEGEL ONLINE. Ihm sei die Einreise ohne Angabe von Gründen verwehrt worden. Deutschen Diplomaten wurde von russischer Seite aber bedeutet, Schröder stelle ein "Sicherheitsrisiko" dar.

Der angesehene Russland-Experte und Leiter einer Forschungsgruppe der Stiftung Wissenschaft und Politik war auf Einladung der Moskauer Higher School of Economics in die russische Hauptstadt geflogen. Das Visum hatte die russische Botschaft in Berlin ausgestellt. Schröder sollte in Moskau an einer Konferenz teilnehmen und zum Thema "Werte von Russen und Deutschen im Vergleich" sprechen.

"Gefährdung der nationalen Sicherheit"

Es ist nicht das erste Mal, dass Moskau westliche Russlandkenner trotz gültigen Visums aussperrt. Anfang Februar wurde der damalige Moskau-Korrespondent der britischen Tageszeitung "Guardian" ebenfalls am Flughafen Domodedowo gestoppt. Luke Harding hatte für den "Guardian" die WikiLeaks-Dokumente analysiert.

Nach Schätzungen des Moskauer Zentrums für Journalismus in Extremsituationen verwehrten russische Behörden zwischen 2000 bis 2007 rund 40 Journalisten die Einreise. 2007 stoppten Grenzer die moldauische Reporterin Natalija Morar wegen "Gefährdung der nationalen Sicherheit", nachdem sie über die "schwarze Kasse im Kreml" berichtet hatte. Auch dem deutschen Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff versagte Russland 2003 die Einreise.

"Für uns ist das ein Schock"

Anders als Morar und Harding aber hat der deutsche Experte Schröder den Kreml nie frontal angegriffen. Der Herausgeber der "Russlandanalysen" gilt als besonnener, Russland durchaus gewogener Experte.

"Für uns ist das ein Schock", sagte der Leiter der Moskauer Büros der SPD-nahen Friedrich Ebert Stiftung, Reinhard Krumm. Die Stiftung ist neben der Higher School of Economics und dem Deutschen Historischen Institut Co-Organisator der Konferenz, zu der Schröder geladen war. "Er ist einer der kompetentesten Russland-Experten in Deutschland", so Krumm gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Inzwischen haben sich die deutsche Botschaft in Moskau und das Kanzleramt eingeschaltet. Schröder selbst kann sich keinen Reim auf das Verhalten der russischen Behörden machen. Er sei in diesem Jahr bereits mehrfach problemlos in das Land eingereist. Es habe keinerlei Anzeichen auf mögliche Probleme gegeben.

Schröder muss nun in Moskau-Domodedowo auf den nächsten möglichen Rückflug nach Berlin warten, in einer Zelle mit Abschiebehäftlingen, die nach Zentralasien und in den Südkaukasus ausgewiesen werden sollen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.