Afghanistan Taliban erobern Kunduz

Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr ist die nordafghanischen Provinzhauptstadt Kunduz an die Taliban gefallen. Dies bestätige das afghanische Innenministerium. Im Stadtzentrum wehe schon die Flagge der Extremisten.

Häftlinge auf den Straßen von Kunduz: Die Taliban stürmten das Gefängnis und ließen inhaftierte Extremisten frei.
AP/dpa

Häftlinge auf den Straßen von Kunduz: Die Taliban stürmten das Gefängnis und ließen inhaftierte Extremisten frei.


Kunduz-Stadt ist gefallen, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, in Kabul. In einem überraschenden Angriff hatten die radikalislamischen Taliban die nordafghanische Provinzhauptstadt überrannt.

Die Extremisten hatten am Morgen aus mehreren Richtungen mit dem Sturm auf die Stadt begonnen und sie nun eingenommen. Kunduz ist die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wurde. Zahlen über die Opfer der Attacke lagen zunächst nicht vor.

Die Taliban brachten unter anderem das Provinz-Krankenhaus mit seinen 200 Betten unter Kontrolle. Sie hätten den Sitz des Gouverneurs, der sich zurzeit im Ausland befindet, das Gebäude des Provinzrats und eine Radiostation in Brand gesetzt. Die Taliban hätten auch das Gefängnis gestürmt und mehr als 600 Häftlinge befreit, sagte Innenministeriumssprecher Sedikki. Darunter seien auch 144 Taliban-Kämpfer. Ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa in Kunduz meldete, die Taliban hätten wichtige Zufahrtsstraßen zur Stadt abgeschnitten.

Im Stadtzentrum weht Flagge der Taliban

Der Vizegouverneur der Provinz Kunduz, Hamdullah Daneschi, sagte, die Taliban hätten ihre Flagge im Stadtzentrum gehisst. Der Politiker wurde nach Berichten von Augenzeugen zum Flughafen gebracht, wohin viele der rund 300.000 Bewohner der Stadt geflohen waren. Ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation sagte, Ausländer hätten sich ebenfalls am Flughafen außerhalb der Stadt versammelt.

Lokale Medien berichteten, die Vereinten Nationen hätten ihr Personal aus Kunduz abgezogen. Das Uno-Gebäude sei danach von den Taliban geplündert worden. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hatte schon vor dem Angriff alle internationalen Mitarbeiter aus Kunduz herausgebracht. Das Auswärtige Amt schätzte die Entwicklung als "kritisch" ein.

Kampf um den Flughafen

Noch befinde sich der Flughafen unter Kontrolle der afghanischen Regierung. Sicherheitskräfte unterhalten dort Stützpunkte. Allerdings sagte ein Taliban-Kommandeur: "Unsere Kämpfer bewegen sich nun in Richtung des Flughafen-Hügels vor, wo sich der Feind versteckt." Nach Angaben von Innenministeriumssprecher Sedikki habe die Regierung Verstärkung zum Flughafen Verstärkung geschickt.

In der Nähe des Flughafens unterhielt die Bundeswehr bis vor ihrem Abzug vor knapp zwei Jahren ein Feldlager. Die Bundeswehr unterhält auch weiterhin ein Camp mit 600 deutschen Soldaten in der rund 150 Kilometern Luftlinie entfernten nordafghanischen Provinzhauptstadt Masar-i-Scharif - was den bedrängten Menschen in Kunduz aber wenig nützt. Der Kampfeinsatz der Bundeswehr und der Nato in Afghanistan lief Ende vergangenen Jahres aus, weil die vor allem Amerikaner darauf drängten. Der Auftrag lautet nun: Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte. Jener Sicherheitskräfte also, die Kunduz nicht verteidigen konnten.

kop/dpa/Reuters



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holdost 28.09.2015
1. Umsonst
Alles umsonst! http://www.spiegel.de/politik/ausland/kaempfe-bei-kunduz-drei-bundeswehrsoldaten-sterben-bei-gefecht-in-afghanistan-a-687122.html Welche deutsche Regierung meinte seinerzeit, diesen Einsatz bedingungslos unterstützen zu müssen? Das waren doch die Grünen auch! Aus einer pazifistischen Partei sind Freunde des Krieges geworden. Hier haben sie das Ergebnis.
1besserwisser1 28.09.2015
2.
Das ist eine Katastrophe! Wenn hier einer nochmal über die Sowjets lacht, gehört er erwürgt. Milliarden für diese Diletanten Armee. Aber es war klar,denn die Afgahnen fliehen nicht umsonst zu Tausenden. In einem bis zwei Jahren weht die weiße Flagge auch in Kabul.
recepcik 28.09.2015
3. Statt sich in Syrien mit Russland zu streiten
Sollten die Amerikaner ihren Kampf gegen die Taliban wieder verstärken. Die Taliban sind der Ursprung der islamistischen Terroristen und haben als erste den Dschihadisten aus aller Welt die Möglichkeit zur Ausbildung an Waffen und Bomben angeboten.
hwdtrier 28.09.2015
4. Das war zu erwarten.
Das halbherzige Eingreifen des Westens hat alles verschärft. Wenn man zu Feige für Bodenkampf ist hält man sich besser heraus. Die nächste Flüchtlingswelle wird kommen. Und das sind dann Leute die den Westen unterstützt haben.
spon_3064063 28.09.2015
5.
Solange Pakistan sein hinterhältiges Spiel nicht aufgibt, gibt es keine Chance für Afghanistan! Die Führung des Geheimdienstes besteht seit den Zeiten von Zia al Huq nur aus hartgesottenen Islamisten.Die sind den Amerikanern schon seit Jahren in den Rücken gefallen. Neben saudi Arabien und Iran der grösste Kriegstreiber im Nahen Osten. Dieses bankrotte und durch und durch korrupte Land versucht Afghanistan durch die Taliban von jeder Art von Demokratisierung abzuhalten. Kein Angriff der Taliban, der nicht vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt wird. Die Amerikaner sollten Pakistan militärisch und finanziell am langen Arm verhungern lassen!
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