Afghanistan Allahs Richter in Kabul

Drohungen aus den USA und Europa kümmern Ansarullah Maulavi Zada nicht. Der Richter im Fall Abdul Rahman  ist fest entschlossen, den abtrünnigen Moslem zum Tode zu verurteilen. Ein Besuch in der Dienststube des Richters, dessen Fall weltweit für Aufsehen sorgt.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Die beiden Telefone von Ansarullah Maulavi Zada wollen nicht aufhören zu klingeln. "Ruhe jetzt", schreit der bärtige Mann hinter seinem staubigen Schreibtisch. Die sechs Männer im Raum zucken zusammen. Zada widmet sich höflich dem Anrufer aus Iran. "Ja, ich bin der Richter in dem Fall Abdul Rahman". Er lehnt sich zurück. Wenig Zeit habe er, aber ein kurzes Interview geht schon. Per Knopf an der Wand bestellt er den Büroboten, ordert Tee.

Richter Ansarullah Maulavi Zada hält während des Prozesses gegen Abdul Rahman eine Bibel: "Welchen Druck denn?"
AP

Richter Ansarullah Maulavi Zada hält während des Prozesses gegen Abdul Rahman eine Bibel: "Welchen Druck denn?"

Auf dem Flur vor dem Büro warten Dutzende Bittsteller devot kauernd auf den Gestellen von Stühlen oder auf dem Boden. Sie wollen für Verwandte vorsprechen, die in das Mahlwerk der afghanischen Justiz geraten sind. Die meisten von ihnen vegetieren weiter hinten auf dem abgesperrten Gebiet im Untersuchungsgefängnis. Normalerweise ist der Knast mehr oder minder offen für Besucher, da die Häftlinge sonst verhungern würden. Da jedoch kein westlicher Journalist Abdul Rahman sprechen soll, werden die Verwandten abgewiesen. Die Häftlinge hungern.

"Diese Journalisten wollen unseren Fall nur verdrehen"

Heute wird keiner der Verzweifelten vorsprechen, denn Zada ist beschäftigt. Haufenweise Papier und Visitenkarten stapeln sich vor ihm. Ganz rechts liegen englische, daneben afghanische Artikel. Überall kommt Zada irgendwo vor, manchmal sogar im Bild. Ganz links auf dem Tisch liegt eine zerfledderte Mappe, darin acht Seiten Papiere mit Handschrift. Es sind die Akten im Fall des Konvertiten Abdul Rahman. Er machte den Richter weltbekannt. Er weckte den Westen aus dem Traum, in Afghanistan existiere ein Rechtsstaat.

Der Trubel nervt, stöhnt Zada. Demonstrativ massiert er sich den Nacken, reibt seine Augen. Dann klingelt das silberne Telefon. Zada hebt sofort ab, ein englischer Journalist ist dran. Nein, gerade sei es schlecht, lieber später in seinem Büro. "Wissen Sie, der Fall ist kompliziert", sagt er in gebrochenem Englisch. Außerdem sehe er seinen Gesprächspartnern lieber in die Augen. Ja, er sei fast den ganzen Tag da. Dann legt er auf. "Diese Journalisten", sagt er fast gequält und mit verkniffenem Blick, "wollen unseren Fall hier nur verdrehen".

Viel zu verdrehen gibt es eigentlich nicht. "Abdul Rahman hat in der ersten Verhandlung gestanden, dass er sich vom Islam entfernt hat und nun Christ ist", stellt Zada fest, "für dieses Verhalten gibt es nach der Scharia nur den Tod als Strafe". Das war vor einer Woche. Damals hatten Polizisten den 41-jährigen Rahman in das braun getünchte Büro von Zada gezerrt, das auch als Gerichtssaal dient. Auf den ausgefransten Sofas saßen Zadas Richterkollegen und ein Staatsanwalt. Zeugen gab es keine. Einen Anwalt habe Rahman nicht gewollt, sagt der Richter.

Der 41-jährige Abdul Rahman. Sein einziges Verbrechen: Es wandte sich vom Islam ab.
REUTERS

Der 41-jährige Abdul Rahman. Sein einziges Verbrechen: Es wandte sich vom Islam ab.

Am Samstag sitzen die Beteiligten wieder in dem kleinen Raum. Nur der Staatsanwalt hat anderes zu tun. Es wird intensiv ermittelt, sagt Zada. Keiner der Beteiligten hat eine Akte oder ähnliches in der Hand. Alle sitzen einfach da, fast die ganze Zeit sprechen mehrere der Beteiligten in ihre Mobiltelefone oder verlassen den Raum mit unbekanntem Ziel. Welcher Frage Zada und seine Mitstreiter nachgehen, bleibt offen. Es sei geheim, sagt Zada, er könne darüber nicht reden. Allerdings werde in ein paar Tagen wieder ein Prozesstag stattfinden.

Alles begann mit einem Streit in Rahmans Elternhaus

Grund für den Prozess sind die acht Seiten Papier, die vor Zada in der Mappe liegen. Eine Anzeige vom 11. Februar, unterzeichnet per Fingerabdruck von Rahmans Vater. Demnach sei Abdul nach seiner Rückkehr nach Kabul vor zwei Jahren brutal zu ihm, schlage ihn und seine Enkel Maria und Mariam. Die Religion wird auf keiner Seite der Anzeige erwähnt. "Der Vater wollte, dass Abdul aus dem Haus verschwindet", erinnert sich der Polizist Mohammed Mousefi. Er hat die Beschwerde aufgenommen. Rahmans Vater kann nicht schreiben.

Wie aus dieser Anzeige letztlich ein Prozess wurde, der Statements aus Washington und aller Welt provozierte und Präsidenten Karzai schwitzen lässt, bleibt schleierhaft. Der ermittelnde Polizist Mousefi vermutet, einem der Staatsanwälte sei Rahmans Religion aufgefallen. "Er hat darauf bestanden, dass die Religion in seiner Personenbeschreibung erwähnt wird", erinnert sich Mousefi. Er habe sich damals nichts gedacht - außer, dass Rahman einen irgendwie "wirren Eindruck" auf ihn machte.

Richter Zada berichtet es etwas anders, er will erst beim Gerichtstermin von der Religion Rahmans erfahren haben. "Er sollte sich zu den Vorwürfen zu äußern", sagt er, "und da fing er sofort damit an, dass er kein Moslem mehr ist und an Jesus glaubt". Zada war die Bedeutung schnell klar. "Nach der Scharia gibt es dafür die Todesstrafe", sagt er. Wieder klingelt das Handy. Zada nimmt ab, bittet um Geduld. "Wenn sich Rahman nicht bei den nächsten Sitzung zum Islam bekennt, wird er sterben", sagt er zu uns. Dann kümmert er sich um den Anrufer.

Mittlerweile ist der Fall ein Politikum. Die USA setzen Präsidenten Karzai unter Druck, die Todesstrafe zu verhindern. Bisher hat Washington die geltende Scharia in Afghanistan wenig gestört. Nun aber wollen der Fall Rahman und Richter wie der Richter Zada so gar nicht in das US-Bild von Afghanistan passen. Gern wird das Land am Hindukusch als Erfolgsbeispiel für eine entstehende Demokratie nach US-Invasion inklusive eines langsam wachsenden Rechtsstaat in einer islamischen Gesellschaft genannt - der Anti-Irak sozusagen.

"Dieser Richter ist ein Kleriker"

Männer wie Zada sind lebende Beispiele, wie verzerrt das Bild ist. "Dieser Richter ist ein Kleriker, der jeden Tag Urteile über Menschen fällt, die einzig nach dem Koran ausgelegt sind", kommentiert der Gelehrte Dr. Sharif Fayez von der Amerikanischen Universität in Kabul den Fall. Nach seiner Analyse muss die Regierung sehr viele Richter austauschen und vor allem ein von der Religion unabhängiges Gesetzbuch schaffen. "Richter wie dieser fällen Urteile wir vor Hunderten von Jahren", so Fayez, "wie lange soll das noch so gehen?"

Hinter seinem Schreibtisch wirkt Zada eher wie ein Geistlicher als ein Richter. Auch das vergilbte Bild von Präsident Karzai an der Wand seiner Dienststube ändert daran nichts. Klassisch gekleidet in langem weißem Hemd und Hosen, darüber ein schwarzes Sakko, könnte er auch vor Gläubigen in einer Moschee predigen. Wie die meisten Richter in Afghanistan ist er ein religiöser Gelehrter. Sein Rechtsverständnis lernte er statt auf der Uni in einer Religionsschule. "In Afghanistan gilt die Scharia uneingeschränkt und so wie ich sie gelernt habe", sagt er.

Wieso eigentlich das Todesurteil gegen die Menschenrechtscharta verstoße, fragt Zada plötzlich. Ihm wird erklärt, dass die von Afghanistan in der Verfassung akzeptierte Charta die Freiheit der Religion und explizit auch den Religionswechsel garantiert. Er schweigt kurz. Mit Zeigefinder und Daumen reibt er in seinem Bart. "Aber manche Länder müssen eben kleine Ausnahmen von dieser Charta bekommen, darauf hat Afghanistan ein Recht", sagt er nach kurzem Zögern. Er nimmt den Hut ab, klagt über Kopfweh. Das Interview müsse bald enden.

"Sie sehen, wir sind tolerant"

Ob er denn den Druck von außen nicht bemerke, wollen wir wissen. Zada grinst. "Welcher Druck denn?", sagt er, "hier hat noch niemand angerufen". Jahrlang habe er gehört, Gerichte sollten unabhängig arbeiten. "Nun aber will der Westen mir bei meinen Urteilen reinreden". Zada hat sich viele kleine ironische Floskeln zugelegt. Gern erzählt er, dass er ja auch nicht in Europa wegen der Erlaubnis für Schwulen-Ehen protestiere. "Sie sehen, wir sind tolerant, doch wie steht es bei ihnen", sagt er. Zada freut sich über seinen rhetorischen Winkelzug. Von Kopfschmerzen keine Spur mehr.

Draußen vor der Tür wird jetzt es unruhig. Immer wieder kommt der Bürobote hinein und meldet, dass der arabische Nachrichtensender al-Dschasira seine Kameras schon aufgebaut habe und auf das Interview warte. Zada erhebt und verabschiedet sich mit langen Danksagungen für den Besuch und die nette Unterhaltung. Man könne sich ja bald mal wieder treffen - interessante Fälle gebe es ja immer wieder.



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