Amnesty-Studie zu Afghanistan "US-Armee versagt bei Aufklärung von Kriegsverbrechen"

Amnesty International erhebt schwere Vorwürfe gegen das US-Militär: Es soll offensichtliche Hinweise auf Tötung und Folterung von afghanischen Zivilisten durch Soldaten fast durchgehend ignoriert haben.

Afghanische Gefangene in Unterbringungslager nahe der US-Basis Bagram (Archiv): Kriegsverbrechen gegen Zivilisten nicht aufgedeckt
AP

Afghanische Gefangene in Unterbringungslager nahe der US-Basis Bagram (Archiv): Kriegsverbrechen gegen Zivilisten nicht aufgedeckt


Washington/Kabul - Neben Soldaten und Kämpfern sind auch Tausende Zivilisten seit 2001 im Afghanistan-Krieg getötet worden. Oft war ihr Schicksal jedoch nur eine Randnotiz in den blutigen Auseinandersetzungen zwischen der US-Armee und bewaffneten Islamisten. Nun berichtet Amnesty International in einem Bericht von zehn Fällen mit über 140 getöteten Zivilisten - darunter mehr als 50 Kinder und schwangere Frauen. Der Vorwurf: "Selbst offensichtliche Hinweise auf Kriegsverbrechen wurden ignoriert und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen", sagte die Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Selmin Çaliskan.

Zwar habe die US-Armee in den meisten Fällen eigene Untersuchungen angekündigt, oftmals wurden jedoch Angehörige und Zeugen nicht angehört. In dem am Montag in Kabul veröffentlichten Bericht stützt sich die Menschenrechtsorganisation auf Interviews mit 125 Zeugen und Angehörigen von Opfern. Viele sagten demnach zum ersten Mal zu den Ereignissen während der Luftschläge und nächtlichen Razzien der US-Armee zwischen 2009 und 2013 aus.

Eines der Kriegsopfer war Qandi Agha. Vor zwei Jahren hätten ihn US-Spezialkräfte gefangen genommen, peitschten ihn mit Kabel aus, versetzen ihm Elektroschocks, tauchten ihn unter Wasser bis kurz vor dem Ersticken. Seine Peiniger gehörten der US-Armee und afghanischen Spezialeinheiten an, wie der Mann Amnesty International im Bericht "Left in the Dark" schilderte.

Die Opfer hätten kaum eine Chance auf Gerechtigkeit. "Die Militärjustiz der USA versagt fast immer, wenn es darum geht, mutmaßliche Kriegsverbrechen aufzuklären", sagt Çaliskan. In den USA würden nach bisherigem Recht militärische Befehlshaber entscheiden, ob ein Verfahren eingeleitet wird - nicht aber eine unabhängige Ermittlungsbehörde, kritisiert Amnesty International weiter. Die Militärjustiz müsse grundlegend reformiert werden, damit Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht umfassend und unabhängig aufgedeckt werden könnten, sagte Çaliskan weiter.

Auch Deutschland forderte Amnesty zum Handeln auf: Die Bundesregierung müsse sich dafür einsetzen, dass Kriegsverbrechen aufgeklärt, die Täter strafrechtlich verfolgt und die Opfer entschädigt werden.

daf



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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
hanseat89 11.08.2014
1.
Wunschdenken Dann würden solche Kriege ja in der Bevölkerung verhasst sein, zumindest in der breiten Gruppe.
tolate 11.08.2014
2.
Hat das womöglich mit Donald Rumsfeld, Dick Cheney und G.W.Bush zu tun, mit ihrer damaligen Reaktion auf 9/11?
noelkenproettel 11.08.2014
3. Lachhaft!
Um Kriegsverbrechen erfolgreich aufzuklären muss auch der wille dazu da sein und das ist er bei der US Armee beim besten willen nicht, was man schon daran sieht das sich US Soldaten in keinem Land für von ihnen begangenen Verbrechen Verantworten müssen, dieses Pack glaubt doch über allem zu stehen und machen zu können was sie wollen!
hemtech 11.08.2014
4. Welch eine Überraschung!
Warum erkennen die USA wohl nicht den internationalen Gerichtshof an? Recht ist, was sie unter Recht verstehen, und das ist das Recht des Stärkeren. Warum sollte also die US- Army ein Interesse an der Aufklärung von Kriegsverbrechen haben? Die grundlegenden Menschenrechte werden doch selbst innerhalb der USA mit Füßen getreten, ganz zu schweigen von Geheimgefängnissen und Geheimgerichten, die man sonst nur noch bei finstersten Diktaturen findet.
interessierterleser1965 11.08.2014
5. Moralische Überlegenheit
einer sanften Supermacht sieht anders aus. Jetzt wissen wir auch, warum sich die USA einer internationalen Gerichtsbarkeit verweigern. Moral? war da mal was?
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