Afghanistan-Besuch Guttenberg in der Gefechtszone

Der erste Versuch wurde abgeblasen. Zu gefährlich. Doch dieses Mal ging Verteidigungsminister Guttenberg bei seinem Afghanistan-Besuch auf Tuchfühlung zum Feind - und zu den eigenen Leuten. Ziel der PR-Offensive im vorgeschobenen Posten OP North ist es, seiner Truppe zu zeigen: Ich bin einer von euch.

AFP

Vom Observation Post North berichtet Ulrike Demmer


Kunduz - Nur fünf Kilometer bis zum Feind. Karl-Theodor zu Guttenberg hebt den Feldstecher. Mit verschwitztem T-Shirt steht der Verteidigungsminister in einer Lehmkule, die Stiefel knöcheltief im Staub versunken und blickt auf das Tal vor sich. Das Grün der Reisfelder breitet sich zwischen dem braunen Staub der Berge aus wie ein See. Highway-Triangle nennen die Soldaten das Tal. Die Hauptverkehrsrouten "Uranus" und "Pluto" kreuzen sich hier. "Diesen Raum haben wir freigekämpft", sagt ein Offizier, "die Uranus ist die Trennlinie zwischen uns und den Aufständischen." Karl-Theodor zu Guttenberg an der Front.

"Nur so wird deutlich, wie hart und unerbittlich der Dienst ist, den unsere Soldaten hier leisten", sagt Guttenberg. Er besucht den Observation Post North, kurz OP-North. Ein kleines Feldlager, das die Bundeswehr in der Provinz Baghlan südlich von Kunduz in den Staub gesetzt hat. Ein Paar Zelte, Planen, drumherum ein Wall aus grobem Kies, zusammengehalten mit Säcken aus Draht. In Panzern sichern Scharfschützen das Camp. Vor Jahren hatten die Russen hier eine ihrer Stellungen. Seit April kämpfen hier deutsche Soldaten - gegen die Taliban und um das Vertrauen der Bevölkerung. Ein Minister hat sich bisher noch nicht hierhin gewagt.

"Infanteristisch ist das Gebiet hier eine Herausforderung", erklärt der Offizier. Schweißperlen rinnen ihm wie Tränen über das Gesicht. Oberstleutnant Jared Sembritzki ärgert sich über die Baumreihen, hinter denen sich die Aufständischen so gut verstecken können, und über die Reisfelder, weil sie überraschende Bewegungen querfeldein unmöglich machen. "Wir sehen den Feind nur selten. Aber uns haben die Aufständischen immer im Blick." Sembritzki ist Kommandeur der Quick Reaction Force. Er ist Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall, wie die meisten seiner Soldaten.

Wenn Soldaten einem Minister von ihrem Einsatz erzählen, zeigen sie normalerweise eine Power Point Präsentation. Vor Sembritzki steht an diesem Mittag ein großes Brett, angelehnt an einen Lehmhügel. Das Einsatzgebiet ist darauf gezeichnet. Mit einem Holzstock weist der Offizier auf die Tücken des Geländes hin. In Stichworten ist auf der Karte vermerkt, was in den letzten Wochen und Monaten so alles passiert ist. Sprengfallen, Gefechte, Festnahmen. Für jede Feindberührung gibt es ein kleines rotes Kästchen mit Datum. Die Karte ist übersät mit roten Kästchen. Im April sind hier vier Kameraden gefallen.

Guttenberg hatte schon im Juli versucht, die Soldaten im OP-Nord zu besuchen. Sembritzki und der Minister saßen im Hubschrauber von Kunduz nach Baghlan. Sie mussten umkehren. Der Kommandeur bekam auf dem halbstündigen Flug die Nachricht, dass seine Soldaten in schwere Gefechte verwickelt seien. "Dieser Gefahr wollten wir den Minister nicht aussetzen."

Die Bundeswehrreform am OP North

Dieses Mal gelingt der Trip, der tags zuvor in Masar-i-Scharif begann. Gemeinsam mit Bundestagspräsident Norbert Lammert war Guttenberg nach Afghanistan geflogen - zu einem denkwürdigen Zeitpunkt. Nächste Woche jährt sich der fatale Bombenangriff auf zwei Tanklaster in einem Flussbett nahe Kunduz. Damals waren Taliban aber auch Dutzende Zivilisten getötet oder verletzt worden.

Die Aufarbeitung des Einsatzes hatte Guttenberg schwer zu schaffen gemacht, die Regierung in Erklärungsnöte gebracht und viele Soldaten in Kunduz verunsichert. Auch deshalb sind die Politiker hier. Eine PR-Offensive in eigener Sache und für die Truppe, die sich seitdem immer wieder Kämpfe mit den Taliban liefert.

"Taohid III" heißt die Operation bei der sie, wie Sembritzki sagt, die Taliban erfolgreich aus dem Tal vertrieben haben. Jetzt bringen sie den afghanischen Polizisten und Soldaten bei, wie sie das Gebiet halten können. Sie patrouillieren durch das Tal, und sprechen mit den Afghanen, trinken Tee mit den Dorfältesten. Die Bevölkerung soll darauf vertrauen können, dass die Taliban schon nicht wieder zurück kommen werden. "Partnering ... Winning Hearts and Minds" steht dazu auf der Tafel. Darunter ist ein Foto von einem Fußballspiel. Deutsche Soldaten in Uniform gegen Afghanen in langen Gewändern. "Sie fassen Vertrauen, wenn sie sehen, wir meinen es erst", sagt Sembritzki. Schon ein Knicklicht, ein Plastikstab, der anfängt zu leuchten, mache sie glücklich.

Glücklich sind an diesem Tag auch die Soldaten. Dass der Minister sich bis zu ihnen ins Kampfgebiet vorwagt macht sie stolz. "Für uns ist es eine Auszeichnung, dass der Minister uns besucht", sagt Sembritzki. Ein Soldat bittet schüchtern um ein Foto mit Guttenberg. In der sengenden Mittagssonne beantwortet der Minister dann noch Fragen zur Strukturreform. "Bekommen die älteren Soldaten bald einen Brief, dass sie nicht mehr gebraucht werden", fragt einer. Guttenberg kann ihn beruhigen. "Wenn sie zurück kommen, wird es die Bundeswehr noch geben. Es wird auch die Gebirgsjäger noch geben."

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Gandhi, 25.07.2010
1. Wie oft soll dieser Krieg
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
ayamo, 25.07.2010
2. Titel
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
kleenermann 25.07.2010
3.
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
edgarzander 25.07.2010
4. Wo ist der Aha-Effekt?
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
machorka-muff 25.07.2010
5. red herring
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
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