Entschädigungen der Bundeswehr 5000 Dollar für ein Menschenleben, 10.000 Dollar für ein Auto

Durchschnittlich 5000 Dollar zahlte die Bundesregierung für Zivilisten, die versehentlich im Afghanistan-Krieg getötet wurden. Für zerstörte Fahrzeuge zahlte sie laut einer neuen Auswertung teils das Doppelte.

Tanklaster-Angriff in Kunduz (Archivbild): Gut hundert Menschen starben
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Tanklaster-Angriff in Kunduz (Archivbild): Gut hundert Menschen starben


Berlin - Rund 1,1 Millionen Dollar hat das deutsche Militär laut einer neuen Auswertung für die von ihr in Afghanistan verursachten Kriegsschäden gezahlt - mehr als die Hälfte davon, um die Opfer der von der Bundeswehr veranlassten Bombardierung zweier Tanklaster bei Kunduz zu entschädigen. Nun gibt es Proteste über die Höhe der Entschädigung.

In der Nacht zum 4. September 2009 hatte ein amerikanischer F15-Kampfjet auf deutschen Befehl zwei von den radikalislamischen Taliban gekaperte Tanklaster bombardiert. Der Bundeswehroberst Georg Klein befürchtete, dass die Aufständischen die Fahrzeuge als fahrende Bomben gegen die Truppen verwenden könnten - obwohl die Laster auf einer Sandbank im Kunduz-Fluss feststeckten. Gut hundert Menschen starben, viele von ihnen wollten einfach nur Benzin abzapfen.

Der Bremer Anwalt Karim Popal kämpft derzeit in zweiter Instanz mit zwei Musterklagen für 81 afghanische Familien, die sich von der Bundesrepublik Deutschland ungerecht behandelt fühlen. Die Bundesregierung hatte an 90 Opferfamilien jeweils 5000 Dollar gezahlt - als freiwillige Kompensation ohne Schuldeingeständnis. Popal fordert 39.000 Euro für jeden getöteten Angehörigen. "Afghanen sind nicht so billig", sagt er.

Die genaue Höhe der Entschädigungen im Afghanistan-Krieg war bislang nicht bekannt. Erst auf Anfrage des Linken-Bundestagsabgeordneten Jan van Aken hat das Verteidigungsministerium jetzt die Akten nach Entschädigungszahlungen in 13 Jahren Afghanistan-Einsatz durchforsten lassen. Für die Zeit ab 2010 stellte das Ministerium eine detaillierte Liste mit 186 Einzelfällen zusammen:

  • Im Oktober 2011 raste demnach ein Bundeswehrfahrzeug in einen Stall. Für das Gebäude und die Tiere erhielt der Besitzer 6000 Dollar.
  • Nur wenige Tage später erlegte ein abgerissenes Stromkabel ein Kamel. Die Bundeswehr zahlte dem Besitzer 1000 Dollar für das Tier.
  • Für ein erschossenes Pferd gab es 2500 Dollar.
  • Auch getötete oder verletzte Hunde (50 Dollar), Schafe (200 Dollar), Esel (150 Dollar) und Ziegen (50 Dollar) finden sich auf der Liste.
  • Im Oktober 2010 setzte ein Bundeswehrsoldat mit einer Signalpistole ein Feld in Brand. Kostenpunkt: 14.850 Dollar - für afghanische Verhältnisse ein Vermögen.
  • Ein durch Panzer angerichteter Flurschaden kostete die Bundeswehr sogar 25.200 Dollar.
  • Nach der Operation "Halmazag", der größten Offensive gegen die Taliban, zahlte die Bundeswehr insgesamt 78.000 Dollar für zerstörte Felder.

Auch Entschädigungen für im Kampf versehentlich getötete Zivilisten finden sich auf der Liste. Neunmal steht dort der Eintrag "Schussabgabe", viermal war damit ein "Personenschaden" verbunden. Die Zahlungen reichen von 1500 bis 7800 Dollar. Für zerstörte Fahrzeuge wurden indes bis zu 10.000 Dollar gezahlt. Der Linken-Politiker van Aken wirft der Bundeswehr nun vor, "eiskalt gerechnet" zu haben.

USA und Großbritannien zahlen noch weniger

Im Vergleich zu den großen Bündnispartnern in Afghanistan entschädigt die Bundeswehr die Opfer allerdings noch relativ großzügig. Die USA zahlen nach Recherchen der US-Menschenrechtsorganisation Center for Civilians in Conflict 2000 bis 2500 Dollar pro getötetem Zivilisten.

Das britische Verteidigungsministerium gab Medienberichten zufolge Anfang Januar bekannt, dass es für 186 getötete Zivilisten in Afghanistan durchschnittlich 3000 britische Pfund Entschädigung bereitgestellt hat. Das sind ungefähr 4500 Dollar.

Die 5000 Dollar aus Deutschland sind für afghanische Verhältnisse viel Geld. Die Summe entspricht dem achtfachen jährlichen Durchschnittseinkommen von 585 Dollar. Zum Vergleich: Die Angehörigen gefallener Bundeswehrsoldaten erhalten mit 100.000 Euro das Dreifache von dem, was ein Deutscher im Durchschnitt pro Jahr verdient.

Popal machen solche Vergleiche wütend. Erst kürzlich bekam er eine neue Mail eines vermeintlichen Opfers. "Das Schlimmste ist", schrieb man ihm, "dass man uns nach dem Angriff vergessen hat."

ssu/dpa

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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
LDaniel 25.01.2015
1. Popal
Dem Popal geht es doch lediglich um eigene Bereicherung. wir haben die Taliban schon genug unterstützt durch diese Zahlungen. Schließlich starben bei dem Angriff njr Taliban und deren direkte Unterstützer. Andere wurden garnicht dahin gelassen - diese Tatsache wird gerne mal übersehen. Ebenso übersieht der Linke Vogel, dass diese Summen aus der afghanischen Kultur stammen, also muss er nicht so scheinheilig von "eiskalt berechnen" reden
dieter1978 25.01.2015
2.
deswegen mischt man sich da gar nicht erst ein. spart ersten geld für die ganze aktion und zum schluss noch für die entschädigung weil man helfen wollte/sollte. liefert einfach genügend waffen (bringt sogar noch geld) und der rest erledigt sich von selbst. ruhe wird man in diese region eh nie rein bringen.
silenced 25.01.2015
3.
Man kann ein Menschenleben nicht mit Geld aufwiegen, das ist unmoralisch und führt irgendwann zu seltsamen alltäglichen Gebräuchen.
pekaef 25.01.2015
4. Das entspricht der deutschen Rechtssprechung
Man muss sich darüber klar sein, dass in unserem Land das am besten geschützte Rechtsgut Besitz und Eigentum sind - mit großem Abstand vor der Unversehrtheit von Leib und Leben. Das drückt sich übrigens auch im Strafmaß aus.
perserkater 25.01.2015
5. das ist die Krönung...
... erst wird der deutsche Steuerzahler in einen Krieg gezwungen, den die Mehrheit der Bevölkerung nicht unterstützt, und danach muss dieser dt. Steuerzahler auch noch für die Zerstörung durch Entschädigungszahlungen aufkommen. Wann wacht der dt. Wähler auf, das frage ich mich schon lange.
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