Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin

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So schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr.

Französische Soldaten in Afghanistan: "Es ist Zeit zu gehen." Zur Großansicht
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Französische Soldaten in Afghanistan: "Es ist Zeit zu gehen."

Berlin/Brüssel - Die Bundesregierung sorgt sich vor der Stichwahl in Frankreich am übernächsten Sonntag vor einer neuen Debatte um den Afghanistan-Abzug. Grund sind die eindeutigen Äußerungen von François Hollande zur Zukunft der französischen Mission am Hindukusch. Der Sozialist hatte am Donnerstag klargestellt: Wenn er die Wahl gewinne, werde er auf dem Nato-Gipfel Mitte Mai in Chicago den sofortigen Abzug aller Soldaten ankündigen. Spätestens Ende 2013 soll die ungeliebte Mission für Paris beendet sein.

Die Ankündigungen bereiten Diplomaten im Auswärtigen Amt und bei der Nato erhebliche Sorgen. "Wenn Hollande in Chicago tatsächlich den sofortigen Abzug ankündigt, versinkt der Gipfel im Chaos", sagte ein hochrangiger Nato-Mann, "dann gibt es kein Halten mehr". Wie in Berlin fürchtet man in Brüssel nach einer solchen Ankündigung einen fatalen Domino-Effekt innerhalb des Bündnisses. Statt des mühsam ausgehandelten Abzugs bis zum Jahr 2014 drohe dann ein unkoordinierter Sturm in Richtung Ausgangstür.

Hollandes designierter Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian weiß um die Sorgen der Nato-Staaten, gibt sich aber trotzdem unbeeindruckt: "Die Nato hat den Abzug für 2014 terminiert", sagte er kürzlich in einem Interview, "wir aber glauben, dass es nun Zeit ist zu gehen". Schon jetzt werde er in Großbritannien oder den USA nicht freudig wegen der Ankündigungen begrüßt, berichtete Le Drian - aber so sei das eben, wenn man eine progressive Außenpolitik mache. Hollande selber wiederholt das Ziel des Turbo-Abzugs ebenso vehement.

Für den Nato-Gipfel, bei dem der mögliche neue Präsident Hollande nur eine Woche nach seinem Amtsantritt einen ersten großen Auftritt beim Militärbündnis hätte, wäre die Ankündigung ein Spektakel. Seit Monaten bemühen sich die wichtigen Truppensteller in Afghanistan, darunter auch Berlin, Ruhe in die Abzugsdebatte zu bringen. Erst beim sogenannten Jumbo-Treffen der Nato-Außen- und Verteidigungsminister belehrten sie Australien eindringlich, das ebenfalls einen früheren Abzug als von der Strategie angekündigt hatte. Die Australier gaben dann klein bei: Sie seien nur falsch verstanden worden.

USA und Deutschland fürchten chaotischen Abzug

Die Nervosität zeigt die massive Unsicherheit innerhalb des Bündnisses. In keinem Nato-Mitgliedsland steht die Bevölkerung noch hinter der Mission am Hindukusch, deswegen wollen auch alle Regierungen die Militäroperation der Isaf zu einem Ende bringen. Die USA und Deutschland warnen jedoch vor einem unkoordinierten Abzug ohne eine Strategie für die Zeit danach. Wie Ende der achtziger Jahre nach dem chaotischen Abzug der Sowjets aus Afghanistan drohe dann ein Rückfall in einen Bürgerkrieg. Außerdem könne das Land am Hindukusch dann schnell wieder zum Rückzugsort für den internationalen Terrorismus werden.

Ausgerechnet Deutschland ist mittlerweile eine der wenigen festen Säulen für die Einhaltung des Nato-Plans und gegen eine Beschleunigung des Abzugs. Dabei stehen die Bundesbürger der Mission schon lange kritisch gegenüber, und die Regierung muss durch den Parlamentsvorbehalt bei allen Auslandsmissionen stets für die Mission kämpfen. Ziemlich genervt mahnte zum Beispiel Verteidigungsminister Thomas de Maizière in Brüssel vor einer Woche hinter verschlossenen Türen, er verbitte sich weitere Irritationen in der Frage des Abzugsdatums, egal von welchem Land.

Eine klare Aussage von François Hollande könnte die mühsam erreichte und doch wackelige Einigkeit unter den Nato-Staaten rasch unterlaufen. Auch in Deutschland würde umgehend nach dem Gipfel in Chicago eine neue Debatte um den Afghanistan-Einsatz beginnen. "Wenn ein Land wie Frankreich plötzlich vor allen abzieht", sorgt sich ein Diplomat, "können wir schwer beantworten, warum wir noch bleiben."

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insgesamt 78 Beiträge
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1.
eduardschulz 27.04.2012
Zitat von sysopSo schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr. Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830171,00.html)
Der korrupte umhangbemäntelte Maulheld in Kabul wird am wenigsten davon begeistert sein, solche Pläne hören zu müssen. Arbeitet er doch noch immer daran, sich einen Plan für die Zeit "danach" zurechtzulegen.
2. Obama meinte so was ähnliches
Foul Breitner 27.04.2012
Zitat von sysopSo schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr. Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830171,00.html)
Da gab es aber keinen Widerspruch. Sogar im Gegenteil.
3. dieser hollande...
wwwwebman 27.04.2012
Zitat von sysopSo schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr. Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830171,00.html)
...wird mir immer sympathischer!!!
4. Recht hat er...
dipl_arch 27.04.2012
Zitat von sysopSo schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr. Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830171,00.html)
.. und je schneller auch wir dort weg sind desto besser ! Wenn ich schon "Mission" höre. Was für ein Quatsch.
5. find ick jut
eldani 27.04.2012
Zitat von sysopSo schnell wie möglich will François Hollande Frankreichs Soldaten aus Afghanistan abziehen. Die Ankündigung des möglichen neuen Präsidenten sorgt für Unruhe in der Bundesregierung. Berlin fürchtet einen Domino-Effekt in der Nato - und neuen Streit um die Mission der Bundeswehr. Afghanistan-Strategie: Hollandes Abzugspläne alarmieren Berlin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830171,00.html)
ich kann mir nicht helfen, aber ich finde diese Ankündigung Hollande's ziemlich symphatisch :-)
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