Amnestie in Afghanistan Freilassung von Taliban alarmiert die Bundeswehr

Trotz Protesten der USA werden in Afghanistan Terrorverdächtige aus dem Gefängnis entlassen. Auch die Bundeswehr ist besorgt: Ein in Nordafghanistan festgenommener Kämpfer ist bereits frei, weitere könnten bald folgen - darunter ein erklärter Feind der Deutschen.

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Ehemaliges US-Gefängnis Parwan in Afghanistan: Freilassung von Taliban frustrierend
AP/dpa

Ehemaliges US-Gefängnis Parwan in Afghanistan: Freilassung von Taliban frustrierend


Berlin - Die Bundeswehr fürchtet nach der schrittweisen Freilassung von rund hundert Gefangenen aus dem ehemaligen US-Anti-Terror-Gefängnis Parwan in Afghanistan, dass Feinde der Deutschen auf freien Fuß kommen und den Kampf gegen die Bundeswehr wieder aufnehmen könnten. In Militärkreisen sorgt das Thema seit Wochen für Aufregung, bei den Spezialkräften der Bundeswehr herrscht Frust.

Unter den bereits aus dem früheren US-Militärgefängnis nördlich von Kabul entlassenen Verdächtigen befand sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ein im deutschen Kommandogebiet in Nordafghanistan festgesetzter Kämpfer: Mullah Naqib war als Taliban-Kommandeur der mittleren Führungsebene identifiziert und als Feind auf die Nato-Fahndungsliste gesetzt worden.

Die Freilassung eines weiteren prominenten Taliban-Kommandeurs, den die deutsche Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) im Oktober 2012 festgesetzt hatte, konnte Deutschland offenbar durch Einwirken auf die afghanische Justiz verhindern. Trotzdem fürchten die Deutschen, dass auch Mullah Abdul Rahman entlassen werden könnte.

Der Taliban-Kommandeur galt vor seiner Festnahme als Schattengouverneur der Region Kunduz und war im November 2009 mit der Seriennummer 2242 auf die sogenannte Joint Priority Effects Liste (JPEL) gesetzt worden. Als Kommandeur befehligte er die Entführung von zwei Tanklastern im September 2009, die letztlich zum fatalen Bombardement bei Kunduz führte.

Weitere Freilassungen mit Gefahrenpotential

Wie bei allen vom KSK festgesetzten Personen hatte die Bundeswehr auch im Fall von Abdul Rahman vor der Festnahme ein Dossier mit Beweisen zusammengestellt. Laut den Militäranalysten war der hagere Mann indirekt an den Planungen eines Hinterhalts bei Kunduz beteiligt, bei dem am Karfreitag 2010 drei deutsche Soldaten ums Leben kamen.

Im August 2011 berichtete ein Informant zudem, der Mullah plane einen Angriff auf öffentliche Gebäude. Zwei Monate lang hörte die Bundeswehr dann Telefongespräche ab, wonach Rahman angeblich Sprengstoff an zwei Bombenbauer weitergeleitet hat. Als man im Oktober 2012 plötzlich erfuhr, wo sich Abdul Rahman aufhielt, griff das KSK zu.

Die Deutschen sorgen sich nicht nur um Abdul Rahman. Unter den noch inhaftierten Personen in der "Parwan Detention Facility", die die Amerikaner vor Monaten an die Afghanen übergeben hatten, sollen insgesamt fünf vom KSK festgenommene Verdächtige einsitzen, alle gelten im Fall einer Entlassung als potentielle Gefahr, da sie sich für ihre Festnahme rächen könnten.

Kopfschütteln bei deutschen Spezialkräften

Aus afghanischer Sicht reichen die von den USA und anderen Nationen gesammelten Beweise gegen die meisten der in Parwan inhaftierten Verdächtigen nicht für eine Verurteilung aus. Die USA hatten in den letzten Wochen scharf gegen die Freilassung von zunächst 37 Personen vor einigen Wochen und von 65 weiteren vergangene Woche protestiert.

Die Freilassungen sorgen seit Wochen für Spannungen zwischen Kabul und Washington. Die USA hatten für die 37 freigelassenen Gefangenen sogar detailreiche Dossiers mit den Verdachtsmomenten gegen die Männer veröffentlicht. Viele der Gefangenen, so die Liste, werden demnach direkt mit Kampfhandlungen und Anschlägen gegen die ausländischen Truppen in Verbindung gebracht.

Für die Deutschen, vor allem für die Soldaten des KSK, sind die Freilassungen frustrierend. Bereits in der Vergangenheit war ein vom KSK festgesetzter Kämpfer durch eine Amnestie freigekommen. Dass nun womöglich alle mühsam identifizierten und in gefährlichen Operationen festgenommenen Taliban vor der Freilassung stehen, sorgt bei der geheim agierenden Truppe nur für Kopfschütteln.

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insgesamt 134 Beiträge
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lullylover 14.02.2014
1. Genug jetzt
Keinen Cent mehr für Karzai, lieber die Dolmetscher nach D holen, BW + Helfer komplett abrücken. Dieses Land ist hoffnungslos.
syssifus 14.02.2014
2. Arbeitsbeschaffung auf afghanisch
Zitat von sysopAP/dpaTrotz Protesten der USA werden in Afghanistan Terrorverdächtige aus dem Gefängnis entlassen. Auch die Bundeswehr ist besorgt: Ein in Nordafghanistan festgenommener Kämpfer ist bereits frei, weitere könnten bald folgen - darunter ein erklärter Feind der Deutschen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-bundeswehr-befuerchtet-freilassung-von-feinden-a-953571.html
Klasse Arbeitsbeschaffungsmaßnahme,die Bundis fangen die ein und Karzai lässt sie wieder frei,nun fehlen die nur noch als "Neubürger" in Deutschland.
lehm.44 14.02.2014
3. TjA
Alle, also USA; Deutsche und andere sollten dann doch bald aus Afghanistan verschwunden. Das Kasai ein undurchsichtiges Spiel spielt ist doch offensichtlich.
kaputtschino 14.02.2014
4.
Zitat von sysopAP/dpaTrotz Protesten der USA werden in Afghanistan Terrorverdächtige aus dem Gefängnis entlassen. Auch die Bundeswehr ist besorgt: Ein in Nordafghanistan festgenommener Kämpfer ist bereits frei, weitere könnten bald folgen - darunter ein erklärter Feind der Deutschen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-bundeswehr-befuerchtet-freilassung-von-feinden-a-953571.html
Neue Ziele für Drohnen.
taxiralle59 14.02.2014
5. Na denn mal
Koffer packen und ab nach Hause! Karzai kommt augenscheinlich ohne die deutschen Jungs klar. Noch schnell ein Souvenier auf dem Basar kaufen und der Freundin bescheid sagen; wegen der Überraschung. Viel Freude verbreitet und Geld gespart. Die Verantwortlichen zu Hause wissen doch eh nicht, was zwischen Kabul und Kandahar wirklich abgeht. Also weg da mit Karracho!
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