Afghanistan: Bundeswehr nimmt Taliban-Führer fest
Eine Einheit des geheim agierenden Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr hat in Nordafghanistan einen ranghohen Taliban-Kämpfer aufgegriffen und der Justiz übergeben. Der Mann war 2009 für die Entführung von mehreren Tanklastern nahe Kunduz verantwortlich.
Berlin - Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr hat einen der meistgesuchten Taliban-Führer Nordafghanistans festgenommen. Es handele sich um den "Schatten-Gouverneur" der Provinz Kunduz, Mullah Abdul Rahman, berichtet die "Bild"-Zeitung am Dienstag. Er gilt als wichtiger Logistiker der Aufständischen in der Region. Dem Bericht zufolge wurde der Kommandeur bereits am vergangenen Freitag von einem deutsch-afghanischen Kommando nahe Kunduz gestellt und mittlerweile der afghanischen Justiz übergeben.
In Bundeswehrkreisen wurde der Bericht bestätigt, die zuständigen Abgeordneten des Parlaments wurden indes bisher nicht informiert. Das KSK agiert weitgehend geheim, die Bundeswehr begründet diese Abschottung mit dem nötigen Schutz für die Elitekämpfer.
Mullah Abdul Rahman, ein dürrer Mann mit eingefallenem Gesicht und einer auffälligen Narbe im Gesicht, galt rund um Kunduz als einflussreicher Kommandeur der Taliban, spätestens seit der Entführung der beiden Tanklaster Anfang September 2009 hatte ihn die Bundeswehr auf die sogenannten JPEL-Liste der Nato-Truppen gesetzt.
Die Abkürzung JPEL steht für "Joint Prioritized Effects List", die Liste führt sowohl zur Fahndung ausgeschriebene Taliban und Terroristen als auch Personen, welche die Nato gezielt töten will. Deutschland liefert nach Auskunft der Bundesregierung hingegen nur Ziele und Informationen mit der Maßgabe, dass diese Personen festgenommen werden sollen.
Fataler Befehl
Stunden nach der Tankerentführung Anfang September 2009 durch Rahman und seine Kämpfer hatte der deutsche Oberst Georg Klein die fatale Bombardierung der beiden Fahrzeuge durch US-Kampfjets angefordert. Dabei kamen aber fast ausschließlich Zivilisten ums leben, da sich Rahman und seine Kämpfer längst von den auf einer Sandbank feststeckenden Lastern entfernt hatten als die Bomben fielen. Dabei kamen fast 100 Menschen zu Tode.
Die "Bild"-Zeitung zitiert in ihrem Bericht geheime Papiere der Bundeswehr, die Rahman als sogenannten Schatten-Gouverneur der Taliban für die Provinz Kunduz bezeichnen. Demnach soll Rahman als Logistiker den Bau von Bomben, die auch gegen die Bundeswehr eingesetzt werden, verantwortet haben. Zudem gab er angeblich erst kürzlich den Befehl, Selbstmordattentäter sollten sich mit blauen Burkas als Frauen tarnen und so Sicherheitskontrollen umgehen.
In afghanischen und deutschen Geheimdienstkreisen hingegen hieß es, der Taliban-Kommandeur habe sich in den letzten Monaten immer mehr von den Radikalislamisten gelöst, möglicherweise wollte er sogar überlaufen und beim Friedensprogramm der afghanischen Regierung für ausstiegswillige Kämpfer der Gruppe mitmachen.
Die KSK-Soldaten, speziell trainierte Elitekämpfer, arbeiteten bei dem Zugriff eng mit von ihnen trainierten Afghanen zusammen. Mitten in der Nacht landete dann am Freitag ein deutscher Hubschrauber vom Typ CH-53 nahe der Ortschaft Ghunday Kalay bei Kunduz, offenbar überraschten sie Rahman und einen weiteren Taliban-Kommandeur bei der Operation und konnten sie ohne Widerstand festnehmen.
Die beiden Festgenommenen wurden inzwischen von Masar-i-Sharif in die afghanische Hauptstadt Kabul geflogen und den dortigen Behörden übergeben. Die Bundeswehr verlässt sich bei ihren Zugriffen stets darauf, dass die afghanische Justiz die Häftlinge verurteilt, dies ist jedoch nicht immer der Fall, denn die afghanische Justiz ist unzuverlässig, regelmäßig werden durch Generalamnestien auch gefährliche Taliban wieder aus den Gefängnissen entlassen.
Der jetzt festgenommene Rahman hatte sich nach der Entführung der Tanklaster und der Bombardierung der Sandbank selbst zu der Tat bekannt. Bei einem Treffen im Herbst 2009 schilderte er bei einem konspirativen Treffen mit dem SPIEGEL ausgiebig, wie sich der Tag der Entführung abgespielt hatte. Rahman sagte damals, er sei 35 Jahre alt, über seine genaue Rolle in dem Geflecht von Taliban machte er keine genauen Angaben.
Dabei lieferte Rahman für die Bundeswehr unangenehme Details, da sowohl er als auch andere Zeugen eindeutig aussagten, dass an der Sandbank, die Oberst Georg Klein damals bombardieren ließ, keine Taliban-Kämpfer sondern ausschließlich Zivilsten waren, die das Benzin aus den Tanks der beiden Laster abzapfen wollten.
Klein wurde für seinen fatalen Befehl, der entgegen mehrerer Vorschriften der Nato-Truppen in Afghanistan erfolgte, weder dienstrechtlich noch juristisch belangt, vielmehr wird er Anfang 2013 zum General befördert.
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- Dienstag, 23.10.2012 – 07:17 Uhr
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Fläche: 652.225 km²
Bevölkerung: 31,412 Mio.
Hauptstadt: Kabul
Staats- und Regierungschef: Hamid Karzai
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