Afghanistan: Bundeswehr nimmt Taliban-Führer fest 

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Eine Einheit des geheim agierenden Kommandos Spezialkräfte der Bundeswehr hat in Nordafghanistan einen ranghohen Taliban-Kämpfer aufgegriffen und der Justiz übergeben. Der Mann war 2009 für die Entführung von mehreren Tanklastern nahe Kunduz verantwortlich.

Mullah Rahman: Einflussreicher Kommandeur Zur Großansicht
Matthias Gebauer / SPIEGEL ONLINE

Mullah Rahman: Einflussreicher Kommandeur

Berlin - Das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr hat einen der meistgesuchten Taliban-Führer Nordafghanistans festgenommen. Es handele sich um den "Schatten-Gouverneur" der Provinz Kunduz, Mullah Abdul Rahman, berichtet die "Bild"-Zeitung am Dienstag. Er gilt als wichtiger Logistiker der Aufständischen in der Region. Dem Bericht zufolge wurde der Kommandeur bereits am vergangenen Freitag von einem deutsch-afghanischen Kommando nahe Kunduz gestellt und mittlerweile der afghanischen Justiz übergeben.

In Bundeswehrkreisen wurde der Bericht bestätigt, die zuständigen Abgeordneten des Parlaments wurden indes bisher nicht informiert. Das KSK agiert weitgehend geheim, die Bundeswehr begründet diese Abschottung mit dem nötigen Schutz für die Elitekämpfer.

Mullah Abdul Rahman, ein dürrer Mann mit eingefallenem Gesicht und einer auffälligen Narbe im Gesicht, galt rund um Kunduz als einflussreicher Kommandeur der Taliban, spätestens seit der Entführung der beiden Tanklaster Anfang September 2009 hatte ihn die Bundeswehr auf die sogenannten JPEL-Liste der Nato-Truppen gesetzt.

Die Abkürzung JPEL steht für "Joint Prioritized Effects List", die Liste führt sowohl zur Fahndung ausgeschriebene Taliban und Terroristen als auch Personen, welche die Nato gezielt töten will. Deutschland liefert nach Auskunft der Bundesregierung hingegen nur Ziele und Informationen mit der Maßgabe, dass diese Personen festgenommen werden sollen.

Fataler Befehl

Stunden nach der Tankerentführung Anfang September 2009 durch Rahman und seine Kämpfer hatte der deutsche Oberst Georg Klein die fatale Bombardierung der beiden Fahrzeuge durch US-Kampfjets angefordert. Dabei kamen aber fast ausschließlich Zivilisten ums leben, da sich Rahman und seine Kämpfer längst von den auf einer Sandbank feststeckenden Lastern entfernt hatten als die Bomben fielen. Dabei kamen fast 100 Menschen zu Tode.

Die "Bild"-Zeitung zitiert in ihrem Bericht geheime Papiere der Bundeswehr, die Rahman als sogenannten Schatten-Gouverneur der Taliban für die Provinz Kunduz bezeichnen. Demnach soll Rahman als Logistiker den Bau von Bomben, die auch gegen die Bundeswehr eingesetzt werden, verantwortet haben. Zudem gab er angeblich erst kürzlich den Befehl, Selbstmordattentäter sollten sich mit blauen Burkas als Frauen tarnen und so Sicherheitskontrollen umgehen.

In afghanischen und deutschen Geheimdienstkreisen hingegen hieß es, der Taliban-Kommandeur habe sich in den letzten Monaten immer mehr von den Radikalislamisten gelöst, möglicherweise wollte er sogar überlaufen und beim Friedensprogramm der afghanischen Regierung für ausstiegswillige Kämpfer der Gruppe mitmachen.

Die KSK-Soldaten, speziell trainierte Elitekämpfer, arbeiteten bei dem Zugriff eng mit von ihnen trainierten Afghanen zusammen. Mitten in der Nacht landete dann am Freitag ein deutscher Hubschrauber vom Typ CH-53 nahe der Ortschaft Ghunday Kalay bei Kunduz, offenbar überraschten sie Rahman und einen weiteren Taliban-Kommandeur bei der Operation und konnten sie ohne Widerstand festnehmen.

Die beiden Festgenommenen wurden inzwischen von Masar-i-Sharif in die afghanische Hauptstadt Kabul geflogen und den dortigen Behörden übergeben. Die Bundeswehr verlässt sich bei ihren Zugriffen stets darauf, dass die afghanische Justiz die Häftlinge verurteilt, dies ist jedoch nicht immer der Fall, denn die afghanische Justiz ist unzuverlässig, regelmäßig werden durch Generalamnestien auch gefährliche Taliban wieder aus den Gefängnissen entlassen.

Der jetzt festgenommene Rahman hatte sich nach der Entführung der Tanklaster und der Bombardierung der Sandbank selbst zu der Tat bekannt. Bei einem Treffen im Herbst 2009 schilderte er bei einem konspirativen Treffen mit dem SPIEGEL ausgiebig, wie sich der Tag der Entführung abgespielt hatte. Rahman sagte damals, er sei 35 Jahre alt, über seine genaue Rolle in dem Geflecht von Taliban machte er keine genauen Angaben.

Dabei lieferte Rahman für die Bundeswehr unangenehme Details, da sowohl er als auch andere Zeugen eindeutig aussagten, dass an der Sandbank, die Oberst Georg Klein damals bombardieren ließ, keine Taliban-Kämpfer sondern ausschließlich Zivilsten waren, die das Benzin aus den Tanks der beiden Laster abzapfen wollten.

Klein wurde für seinen fatalen Befehl, der entgegen mehrerer Vorschriften der Nato-Truppen in Afghanistan erfolgte, weder dienstrechtlich noch juristisch belangt, vielmehr wird er Anfang 2013 zum General befördert.

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1.
spon-facebook-1425926487 23.10.2012
"Klein wurde für seinen .. Befehl, .., weder dienstrechtlich noch juristisch belangt, vielmehr wird er Anfang 2013 zum General befördert." Sehr gut. Es ist notwendig, richtige und notwendige Entscheidungen entsprechend zu honorieren. Jeder weiss, dass die Gegend Taliban-Gebiet war und es nicht augeschlossen werden konnte, dass mit dem geklauten Sprit weitere Bomben gebaut werden, die werden Deutschen Soldaten das Leben kosten könnten. Insofern war diese Massnahme, die Laster zu zerstören, im Sinne der Gefahrenabwehr notwendig. Dass dort angeblich viele Zivilisten und als Zivilisten verkleidete Terroristen ums Leben gekommen sein sollen, halte ich eher für zweitrangig.
2. Fakten bitte!
robertelee 23.10.2012
Zitat von sysopEine Einheit des geheim agierenden "Kommando Spezialkräfte" der Bundeswehr hat in Nordafghanistan einen ranghohen Taliban festgenommen. Der Mann war 2009 für die Entführung von mehreren Tanklastern nahe Kunduz verantwortlich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-bundeswehr-nimmt-hohen-taliban-fest-a-862794.html
Jetzt wäre es an der Zeit, erstmal die deutschen Soldaten zu ihrem Erfolg zu beglückwünschen. Der Mann wurde festgesetzt und der Justiz übergeben. Was wäre, darüber hinaus, zu verlangen? Davon abgesehen: Der SPON-Beitrag kann es sich augenscheinlich nicht verkneifen, längst widerlegte Falschbehauptungen aufzuwärmen. Das ist schade. Der Luftangriff auf die entführten Tanklaster war Gegenstand einer akribischen juristischen Überprüfung durch die Bundesanwaltschaft. Und zwar nicht allein hinsichtlich des Kriegsvölkerrechts, sondern auch des deutschen Strafrechts. Die Untersuchungsergebnisse wurden von der Bundesanwaltschaft veröffentlicht und sind jedermann zugänglich. 1. Daß bei dem Luftangriff auch Zivilisten zu Schaden kamen, ist unstrittig. Daß es sich bei den Opfern "überwiegend" um Zivilisten handelte, ist reine Spekulation. 2. Eine Opferzahl von "annähernd 100" zu behaupten, entbehrt jeder sachlichen Grundlage. Die Bundesanwaltschaft hat als wesentliches Beweismittel die Videobänder der US-Kampfflugzeuge vor und während des Angriffs ausgewertet. Demzufolge waren im Zeitpunkt des Bombenabwurfs (sic!) "rund 50 bis 60 Personen zählbar anwesend". Aus diesem Grund ist es haltlos, zu insinuieren, die Bundeswehr habe aufgrund eines "fatalen Befehls" rund 100 Zivilisten getötet (früher war mal von 142 die Rede - wieso jetzt plötzlich annähernd 100?). Wer auf den Videobändern der Jagdbomber nicht erkennbar ist, war schlicht nicht da - und kann demzufolge auch nicht zu Schaden gekommen sein. Die maximale Opferzahl kann 50 bis 60 Personen nicht überschritten haben. Darunter waren auch Verwundete bzw. Personen, die unverletzt entkamen. 3. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft haben klar ergeben, daß von deutschen Soldaten weder gegen das Kriegsvölkerrecht noch gegen das deutsche Strafrecht verstoßen wurde. Anstatt unbewiesene - weil faktisch nicht beweisbare - Falschverdächtigungen aufzukochen, wäre es höchste Zeit, Oberst Klein und seine Untergebenen zu rehabilitieren.
3. Erfreuliche Nachricht !
harry.hirsch 23.10.2012
Schön das der damalige Drahtzieher der damals die Tanklaster in Kunduz und wohl auch andere Dinge befehligte gefasst wurde,nun können die 100 Leute die unglücklicherweise bei dem Angriff auf die Tanklaster,der eigentlich den Taliban gelten sollte,vielleicht doch auch ihren Frieden finden und Herr Oberst Klein fällt bestimmt zumindest auch ein kleiner Stein vom Herzen,sehr schön. Von wegen die Bundeswehr is nur noch ein kleiner armseliger Haufen,wies manche in ihren Kommentaren vielleicht hinstellen,da sieht man das die Bundeswehr auch was auf die Beine bringt und bringen kann,sowas zu behaupten is sowieso ne Frechheit wenn man bedenkt das bei den Einsätzen auch Deutsche Soldaten ums Leben kommen.Übrigens mein Beileid den Bundeswehrsoldaten,die bei den Einsätzen ums Leben kamen und auch den Angehörigen,wenn ich das als Bundeswehrsoldat in Reserve oder ausser Dienst sagen darf.
4. Berichtigung erwünscht
onkel-pelle 23.10.2012
@Hans58: Waren Sie nicht vor kurzem noch der Meinung, daß die KSK seit Jahren nicht mehr in AFG aktiv sind? Bitte um eine Antwort fern von juristischen Phrasen.
5. Brigadegeneral
Peter.Lublewski 23.10.2012
"Klein wurde für seinen fatalen Befehl, der entgegen mehrerer Vorschriften der Nato-Truppen in Afghanistan erfolgte, weder dienstrechtlich noch juristisch belangt, vielmehr wird er Anfang 2013 zum General befördert." Was ist daran eigentlich so verwunderlich, wenn ein Offizier vom Oberst zum Brigadegeneral befördert wird?
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