Afghanistan Bush und Karsai wollen Taliban nicht entgegenkommen

Hamid Karsai braucht diese Unterstützung: US-Präsident Bush hat seinem afghanischen Amtskollegen demonstrativ den Rücken gestärkt. Der wegen mehrerer Geiselnahmen unter Druck geratene Karsai gibt sich optimistisch angesichts des Kampfes gegen die Taliban - und warnte vor Zugeständnissen.


Washington - Zwar gebe es noch viel zu tun, sagte US-Präsident George W. Bush nach zweitägigen Beratungen mit Karsai in Camp David. Aber dann stärkte Bush seinem wegen der wachsenden Gewalt in Afghanistan und der Geiselkrise unter Druck geratenen Amts-Kollegen demonstrativ den Rücken: "Es wurden Fortschritte gemacht, und wir sind stolz auf Sie", sagte der Gastgeber in der Präsidenten-Residenz.

Präsidenten Bush und Karsai: Harte Linie gegenüber Taliban
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Präsidenten Bush und Karsai: Harte Linie gegenüber Taliban

Karsai sagte, das Wiedererstarken der Taliban in Afghanistan sei ein Problem, aber keine Bedrohung seiner Regierung. "Unser Feind ist noch immer da, geschlagen und frustriert, aber in den Bergen versteckt", sagte Karsai. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns."

In der Krise um die Verschleppung von 21 Südkoreanern waren sich beide Staatschefs einig, dass keine Gegenleistungen gewährt werden dürften, die die Taliban ermutigen könnten. Das teilte ein Sprecher von Bush mit.

Der US-Präsident beschuldigte die Taliban in Afghanistan "brutale, kaltblütige Mörder zu sein", die unschuldige Zivilisten entführten und die eigenen Kinder und Frauen als Schutzschild benutzten. Zivile Opfer bei amerikanischen Militäraktionen seien "höchst bedauerlich"; verantwortlich dafür seien aber vor allem die Terroristen, die keinen Respekt vor Menschenleben hätten.

Differenzen beim Thema Iran

Differenzen traten bei der Einschätzung der Rolle Irans in Afghanistan zu Tage. Karsai hatte vor seiner USA-Reise erklärt, Teheran sei ein Partner im Kampf gegen den Terror und Drogen. Dagegen erklärte Bush auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Karsai: "Ich wäre sehr vorsichtig, ob der iranische Einfluss in Afghanistan positiv ist oder nicht."

Bush wich der Frage aus, ob die USA ohne eine vorherige Konsultation mit Pakistan eine Militäraktion zur Festnahme hochrangiger al-Qaida-Führer in dem afghanischen Nachbarland durchführen würden. Wichtig seien gute Geheimdienstinformationen, sagte der US-Präsident, dann "werden wir den Job erledigen".

Es wird vermutet, dass sich al-Qaida-Führer Osama Bin Laden im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet aufhält. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf hat sich gegen eine einseitige Militäraktion der USA verwahrt. Er will sich vermutlich noch in dieser Woche mit Karsai treffen. Dieser erklärte, er werde das Problem ansprechen, dass Extremisten im Grenzgebiet Unterschlupf fänden.

Die weiter steigende Opiumproduktion in Afghanistan war ein weiteres wichtiges Thema bei den Gesprächen in Camp David. 95 Prozent des Grundstoffs für die Heroin-Herstellung stammen mittlerweile dorther. Karsai bekräftigte die Entschlossenheit seiner Regierung im Kampf gegen den Opiumanbau, "denn dieses Übel trifft zuerst uns".

Schwierige Verhandlungen um deutsche Geisel

Unterdessen gestalten sich die Bemühungen um die Freilassung des in Afghanistan entführten Deutschen offenbar kompliziert. Laut dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler (SPD), sind die Verhandlungen "schwieriger als in anderen vorangegangenen Fällen". Nach Angaben des Auswärtigen Amtes arbeitet der Krisenstab weiterhin intensiv daran, den Bauingenieur unversehrt freizubekommen.

Rudolf B. war am 18. Juli gemeinsam mit seinem später erschossenen Kollegen Rüdiger D. in Afghanistan entführt worden. Die Mitarbeiter eines in Kabul ansässigen Unternehmens wurden in der afghanischen Provinz Wardak verschleppt, 100 Kilometer südwestlich der Hauptstadt.

Erler sagte, der Krisenstab in Berlin werde von den Behörden in Kabul ständig informiert. Einen direkten Kontakt zwischen der Bundesregierung und den Entführern gebe es nicht. "Wir verlassen uns hier auf die Verhandlungsführung der afghanischen Regierung, die Kontakt zu den Entführern hat", sagte der SPD-Politiker.

Im Fall der südkoreanischen Geiseln geht Erler nicht von einem militärischen Eingreifen aus. "Es sieht nach den offiziellen Angaben nicht so aus, dass ein solcher Versuch gemacht wird", sagte der Staatsminister. Man wisse inzwischen, dass die Südkoreaner auf möglicherweise bis zu neun Gruppen verteilt worden seien.

Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Jürgen Trittin, sagte zur Frage möglicher Lösegeldzahlungen: "Mir ist nicht bekannt, wer bezahlt oder nicht bezahlt hat. Mir ist bekannt, dass wir im Irak mehrfach Menschen aus sehr schwierigen Situationen rausbekommen haben." Das wünsche er auch für die in Afghanistan Entführten. Die Rettung von Menschenleben müsse für die Bundesregierung immer Vorrang haben.

Steinmeier für Ausweitung des Bundeswehr-Einsatzes

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach sich derweil für eine Ausweitung des deutschen Einsatzes am Hindukusch aus. "Ich plädiere dafür, unsere Hilfe bei der Ausbildung und Ausrüstung der afghanischen Armee auszuweiten", sagte er. Erst wenn die Afghanen selbst die Sicherheit im Land garantieren können, sei die Aufgabe der Deutschen dort erledigt.

Zugleich warnte der SPD-Politiker davor, die Verlängerung der Bundeswehr-Mandate in Afghanistan in Frage zu stellen. "Wenn wir jetzt aufgeben, dann haben die Taliban ihr Ziel erreicht", sagte er. Allerdings seien im militärischen Kampf gegen die Taliban auch Fehler gemacht worden.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Kossendey (CDU), lehnt ein Aufstocken des Kontingents jedoch ab. Es mangele nicht an deutschen Soldaten am Hindukusch, vielmehr müsse ihr Einsatz besser koordiniert werden. Ein stärkerer Akzent müsse allerdings beim zivilen Aufbau gesetzt werden.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), hob ebenfalls hervor, der Westen müsse in erster Linie mehr dafür tun, am Hindukusch einheimische Polizisten und Soldaten auszubilden. Der militärische Part müsse allmählich schon deshalb von afghanischen Sicherheitskräften übernommen werden, damit die ausländischen Soldaten nicht als Besatzungsarmee empfunden würden.

flo/dpa/AP/ddp



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