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Afghanistan: Der Mix, der den Terror nährt

Aus Kabul berichtet

Strom für Millionen Afghanen, Schulen und Hospitäler - die Provinz Helmand sollte ein Musterbeispiel für den Wiederaufbau im kritischen Süden werden. Heute ist die Region ein Hexenkessel: Drogenmafia, Terroristen und Schmuggler haben sich vereint. Und werden von Bauern unterstützt.

Kabul - Die Briten hatten ihren Einsatz in Helmand im Sommer 2006 optimistisch begonnen. Die Provinz im Süden gehört zum Herzstück des Paschtunenreichs, aus dem die Taliban ihre Anhänger rekrutieren. Ohne Helm und schusssichere Weste kickten die Englishmen in der Provinzhauptstadt Lashkar Gar mit afghanischen Kindern. Gezielt suchten sie die Nähe zu den Afghanen.

Der Kommandeur des Wiederaufbauteams kündigte die Reparatur des Kajaki-Damms an, der Tausenden Menschen Arbeit und Millionen Bürgern Strom bringen würde, Schulen und Hospitäler sollten entstehen. Der frühere britische Verteidigungsminister John Reid, der die Truppen nach Helmand entsandt hatte, hoffte damals, dass der Einsatz "ohne einen Schuss abzufeuern" beendet werden könnte.

"Tagsüber kämpfen wir, nachts kannst du nicht schlafen"

Heute ist Helmand ein Hexenkessel: Angrenzend an Pakistan, wo die Taliban-Führung den Nachschub an Waffen und Kriegern organisiert, ist die Provinz gleichzeitig auch die am meisten Opium produzierende Region der Welt. Drogen, Terrorismus und die einflussreiche Schmuggelmafia haben sich hier zu einem tödlichen Pakt vereinigt: Das Opium finanziert den Terror.

Deshalb schützen die Taliban nun gemeinsam mit internationalen Dschihadis die Mohnfelder und bekämpfen die westlichen Soldaten und die afghanischen Regierungstruppen. Viele Bauern in Helmand haben sich auf die Seite der Extremisten geschlagen, um ihre hohen Erntegewinne zu sichern. An Wiederaufbauprojekten wie dem Kajaki-Damm und dem Kontakt mit den Isaf-Truppen sind sie deshalb wenig interessiert. Und die afghanisch-pakistanische Schmuggelmafia unterstützt alle jene, die sich gegen die Errichtung eines funktionierenden Staatssystems wehren.

Junge Soldaten wie der 23-jährige Nici Whaites vom Royal Anglian Regiment liegen mitunter tagelang in Schützengräben, um einen Distrikt wie Sangin von den Taliban zurückzuerobern: "Tagsüber kämpfen wir, nachts kannst du nicht schlafen wegen der Fliegen und anderem Getier, das uns da anfrisst, das ist schon hart", sagt der sportliche Gefreite und pustet sich eine kurze blonde Strähne aus der Stirn.

Auch im bisher relativ stabilen Norden, dem Verantwortungsbereich der Deutschen, deutet einiges darauf hin, dass die Lage so ruhig nicht bleiben wird. Im Westen gibt es neuerdings Unruhen an der Grenze von Badghis zu Faryab. Viele paschtunische Flüchtlinge aus Pakistan kehrten jüngst dorthin zurück - einige offensichtlich mit dem Auftrag, die Region zu destabilisieren.

Geheimdienste wollen von einer geplanten Offensive der Taliban wissen, mit dem Ziel, die Provinz Kunduz zurückzuerobern. Die ehemalige Hochburg der Koranschüler verfügt tatsächlich über eine relevante Zahl von Paschtunen, die, unter Druck gesetzt, womöglich anfällig sind, den Koranschülern zu folgen. In Kunduz unterhalten die Deutschen ein großes Wiederaufbauteam mit fast 500 Soldaten.

Seit Mitte letzten Jahres zeigt die Isaf-Schutztruppe planmäßig im ganzen Land Präsenz. Die Militärs sollen Sicherheit herstellen, damit die afghanische Regierung die Arbeit aufnehmen und der zivile Aufbau beginnen kann.

Doch nie ist den Geberländern und ihren Aufbauhelfern die Situation sicher genug. Der Wiederaufbau durch zivile Organisationen findet nicht statt und die Regierung regiert nicht.

Der von der Internationalen Gemeinschaft erteilte Auftrag an das Militär erweist sich inzwischen als eine Mission Impossible.

Die Kriegskasse aus Drogengeldern ist gut gefüllt

Ist ein Handel mit den Taliban am Ende also doch die einzige Lösung für einen Frieden? Sollte der Westen eine Regierungsbeteiligung für extremistische Mörder und Anti-Demokraten unterstützen, wie es der afghanische Präsident Hamid Karzai gerade offerierte? "Gulbuddin Hekmatjar und Mullah Omar mögen mir ihre Adresse sagen, sie brauchen nicht zu mir zu kommen, ich komme zu ihnen", bot er jüngst direkte Verhandlungen für eine Koalition an, nur Stunden nachdem die Taliban in Kabul das verheerendste Attentat seit Jahren verübt hatten.

Die prompte Absage konnte kaum überraschen. Die wirklichen Taliban mit ihren Shuras im pakistanischen Quetta und im Stammesgebiet Waziristan wollen nicht verhandeln und jede Offerte an sie wird auch in Zukunft ins Leere laufen. Warum sollten sie sich mit einem Drittel des Kuchens begnügen, wenn sie am Ende womöglich den ganzen haben können?

Mit einer gut gefüllten Kriegskasse aus Drogengeldern, starken Unterstützer-Gruppen in den Nachbarländern und den Golfstaaten halten sie noch lange durch. Das ist der fatale Mix, aus dem sich der internationale Terror nährt.

Das Kalkül ist zynisch, aber realistisch: Der Widerstand in der Bevölkerung gegen die Karzai-Regierung und die Ausländer im Land wird größer, je länger der militärische Konflikt anhält. Denn aus welchem Grund die jungen Paschtunen die Taliban auch immer unterstützen, aus Zwang, Armut oder religiöser Überzeugung: Spätestens wenn ein Sohn oder Bruder im Bombenhagel der westlichen Alliierten stirbt, wird die ganze Familie fast automatisch zu glühenden Gegnern der Präsenz internationaler Truppen.

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