Afghanistan Deutsche Geisel an Strapazen gestorben - anderer Entführter lebt

Die Taliban brüsten sich mit der Ermordung von zwei deutschen Geiseln. Doch laut Außenminister Steinmeier lebt einer der beiden Entführten in Wahrheit noch - und der andere ist vermutlich an einem Herzanfall gestorben. Verwirrung gibt es über mögliche Schusswunden am Körper des Toten.

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Quasi im Minutentakt rief am Samstagmorgen ein Mann in den Büros der Nachrichtenagenturen und bei ein paar anderen Journalisten in der afghanischen Hauptstadt Kabul an. Für Rückfragen ließ die Stimme, hinter der sich der angebliche Taliban-Sprecher Jussef Ahmadi versteckt, keine Zeit. Meist in einem langen Satz und im simplen Paschtu eines Dorfbewohners berichtete er den angeblich neuen Stand der Geiselnahme zweier deutscher Männer im Distrikt Wardak. Am Ende, es war gegen 13.20 Uhr Ortszeit am Hindukusch, meldete er die Erschießung beider deutscher Bauingenieure. Wenige Minuten später ging die Nachricht als Eilmeldung durch die Welt.

Der Version des Taliban-Sprachrohrs zufolge haben die Kämpfer von Mullah Omar den ersten Entführten gegen 9.35 Uhr deutscher Zeit erschossen, den zweiten dann gegen 10.50 Uhr. Als Begründung gab Ahmadi an, die deutsche Regierung habe keinen Willen zu Verhandlungen über einen Truppenabzug erkennen lassen. "Wir haben bis zum Ende auf ein Zeichen gewartet", sagte er, "deshalb mussten wir die Geiseln töten." In der Tat hatte die Bundesregierung mitgeteilt, dass man sich nicht erpressen lasse. Das hatten sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch Verteidigungsminister Franz Josef Jung wiederholt. Die Nachrichten aus Afghanistan lösten in Deutschland einen Schock aus. Wurden wirklich das erste Mal seit dem Einmarsch in Afghanistan zwei Deutsche von den Taliban ermordet? Machten die Gotteskrieger wirklich einfach kurzen Prozess?

Doch je länger die Deutschen in Afghanistan recherchierten, desto skeptischer wurden sie. Am Nachmittag dann die Klarstellung durch die afghanischen Behörden: Das Außenministerium in Kabul teilte mit, einer der entführten Deutschen sei noch am Leben. Der andere sei gestorben - aber an einem Herzanfall und nicht wegen einer Hinrichtung durch die Taliban. Am Abend trat Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Berlin vor die Presse und bestätigte diese Angaben.

"Bedrückende Erfahrung, dass uns Grenzen gesetzt sind"

"Das Schicksal der beiden entführten Deutschen und auch der entführten Koreaner berührt uns zutiefst. Umso empörter bin ich, dass dieses Schicksal in den vergangenen Tagen von den Taliban instrumentalisiert worden ist", sagte er.

Seit Tagen würden im Krisenstab Informationen analysiert, Handlungsoptionen abgewogen - "und manchmal macht man in solchen Situationen die bedrückende Erfahrung, dass dem eigenen Handeln Grenzen gesetzt sind". Man müsse davon ausgehen, dass tatsächlich einer der Entführten in der Geiselhaft umgekommen sei. Allerdings sei er nicht ermordet worden, sondern "an den Strapazen gestorben, die ihm seine Entführer auferlegt haben. Das macht seinen Tod natürlich nicht weniger tragisch".

Bei dem Getöteten handelt es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE um den Bauingenieur Rüdiger D. aus Mecklenburg-Vorpommern. Er kam Sicherheitskreisen in Kabul zufolge schon am Freitag ums Leben. Der an Diabetes leidende Mann habe einen Schwächeanfall erlitten und sei dann gestorben. Zwar habe man noch versucht, über Vermittler dringend benötigte Medikamente für ihn zu übergeben. Vielleicht aber kamen diese zu spät oder gar nicht an - ganz genau weiß das in der verworrenen Lage dieser Entführung niemand mehr.

Verwirrung um mögliche Schusswunden des Toten

Verwirrung löste am Abend ein Bericht der "Bild am Sonntag" aus, dem zufolge Schusswunden am Leichnam von Rüdiger D. entdeckt wurden. Dies muss nach Meinung des Krisenstabs aber nicht bedeuten, dass er erschossen wurde - als eine wahrscheinliche Variante wird nach Informationen von SPIEGEL ONLINE diskutiert, dass dem Körper erst nach dem Tod die Verletzungen zugefügt wurden, um den Eindruck einer Hinrichtung zu erwecken. Jetzt geht es darum, den Leichnam schnellstmöglich in Kabul obduzieren zu lassen, um letzte Gewissheit über die Todesursache zu bekommen. Dass deutsche Ermittler den Leichnam schon ordnungsgemäß untersucht haben, was die "Bild am Sonntag" schreibt, ist nicht bestätigt. Das Außenministerium schwieg zu dem Bericht, verwies auf Steinmeiers Aussagen zu Strapazen als Todesursache.

Zur Identität von Rüdiger D. sagte Steinmeier nur, der Mann habe für den Wiederaufbau Afghanistans gearbeitet. Man trauere mit seiner Familie. Jetzt müsse man sich ganz darauf konzentrieren, das Leben der zweiten Geisel zu retten. Dabei handelt es sich um den Bauingenieur Rudolf B., der mit Rüdiger D. am Mittwochmorgen für eine afghanisch-deutsche Kabuler Firma im Distrikt Wardak den Band-e-Sultan-Staudamm besichtigt hatte, als sie entführt wurden.

Steinmeier sagte, er stehe den ganzen Tag in engem Kontakt mit Kanzlerin Merkel. Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Behörden sei "intensiv und gut".

Die Entführten sollen nicht in der Hand der Taliban sein

Der Krisenstab im Auswärtigen Amt hatte sich seit dem Morgen unter Hochdruck um eine Klärung der Lage bemüht. Kaum hatte Ahmadi am Morgen den Tod der zweiten Geisel verkündet, ging der Sprecher des Amts an die Öffentlichkeit. "Bislang haben wir keine unabhängige Bestätigung dafür, dass ein entführter Deutscher ermordet worden sein könnte", sagte Martin Jäger. Er ergänzte, dass man mit allen relevanten Stellen in der Region in Kontakt stehe, um das Leben der Geiseln zu retten.

Die Diplomaten arbeiteten den ganzen Tag über mit der These, dass die Taliban Rüdiger D. und Rudolf B. - entgegen Ahmadis Statements - nicht in ihrer Gewalt hatten und haben. Vielmehr seien die beiden Bauingenieure in der Hand eines Stammes. Dieser sympathisiere zwar mit den Taliban, gehöre aber nicht der politischen Bewegung der Miliz an. Mit ihm, so die Hoffnung, könne man noch verhandeln.

Der Hintergrund der Entführung könnte diesen Erkenntnissen zufolge nicht das gezielte Kidnapping von Ausländern gewesen sein. Vielmehr hat man mittlerweile herausgefunden, dass sich in der Gruppe mit den beiden Deutschen auch der Bruder des stellvertretenden Parlamentssprechers Arif Noorzai befand. Wie Noorzai gehört sein Bruder einem einflussreichen Paschtunen-Stamm aus der Region Helmand an. Seinem Bruder werden auch direkte Verbindungen in den massiven und milliardenschweren Drogenhandel mit afghanischem Opium nachgesagt. Nun vermutet man im Krisenstab, dass die Entführung eigentlich Noorzais Bruder und nicht den Deutschen galt.

Viele verschiedene Vermittler und Zwischenmänner

Die Angaben, denen zufolge Helfer am Freitag noch Medikamente für Rüdiger D. überbringen wollten, deuten darauf hin, dass man irgendeine Art von Kontakt zu den Geiselnehmern hat. Doch so detailliert die Beschreibungen über die Entführer und den Tod des einen Deutschen auch scheinen, so groß bleibt die Ungewissheit bei einem Entführungsfall, in dem viele verschiedene Vermittler und Zwischenmänner agieren.

Auf wen und wessen Aussage man sich bei einem solchen Poker wirklich verlassen kann, ist schwer zu sagen. Für die deutschen Zweifel an Taliban-Sprecher Ahmadi sprach schon vor dem Dementi des afghanischen Außenministeriums, dass er trotz mehrmaliger Nachfrage am Freitag und Samstag noch nicht einmal die Identitäten der angeblichen Taliban-Geiseln nennen konnte. Auch andere nachprüfbare Details über die Entführung konnte er nicht liefern. Bei der Verkündung der angeblichen Morde hingegen agierte er fast wie ein Live-Kommentator, der nur einige Minuten nach den vermeintlichen Morden der Weltöffentlichkeit mitteilte, was angeblich passiert war. Eine Arbeitsthese in Deutschland dazu lautet, dass er versucht haben könnte, die Entführung politisch für die Taliban auszuschlachten. Ähnliches könnte nun auch für seine Drohung vom Nachmittag gelten, die Taliban wollten 23 entführte Koreaner töten, wenn nicht im Austausch 23 gefangene Gotteskrieger freikämen.

Erst mal aber haben die Beamten in Berlin und Kabul andere Sorgen, als die genaue Rolle von Ahmadi aufzuklären. Mit Hochdruck arbeiten sie daran, zumindest Rudolf B. zu retten, sofern er noch am Leben ist.



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