Gewalt vor Wahlen Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan erschossen

Die deutsche Kriegsfotografin Anja Niedringhaus ist in Ostafghanistan von einem Polizisten erschossen worden. Eine Kollegin wurde bei dem Angriff in der Provinz Khost schwer verletzt.


Kabul/Khost - Einen Tag vor der Parlamentswahl in Afghanistan ist im Osten des Landes die deutsche Kriegsfotografin Anja Niedringhaus ums Leben gekommen. Die 48-Jährige wurde von einem Polizisten attackiert, er eröffnete das Feuer mit einem Sturmgewehr.

Ihre kanadische Kollegin Kathy Gannon erlitt bei dem Angriff schwere Verletzungen. Die 60-Jährige wurde in eine Klinik gebracht. Beide Frauen arbeiteten für AP.

Die US-Nachrichtenagentur bestätigte den Vorfall und den Tod von Niedringhaus. Gannons Zustand sei stabil. Ein anwesender freier Mitarbeiter von AP Television habe mitgeteilt, beide Frauen hätten in einem Wagen in einem Wahlkonvoi gesessen, als ein Polizist mit den Worten "Allahu Akbar" (Gott ist groß) das Feuer auf sie eröffnet habe. Er habe sich danach widerstandslos festnehmen lassen.

Niedringhaus hatte seit dem Jahr 2002 für AP gearbeitet. Sie war für die Agentur unter anderem im Nahen Osten, im Irak, in Pakistan und in Afghanistan im Einsatz. Im Jahr 2005 gewann sie mit einem AP-Fotografenteam den Pulitzer-Preis für ihre Berichterstattung aus dem Irak.

Täter in Haft

Warum der Mann auf die Frauen schoss, ist unklar. Die afghanische Regierung kündigte nach dem Vorfall in Khost eine umfangreiche Ermittlung an. "Der Polizist, der auf die beiden Journalisten geschossen hat, ist in Haft und wird derzeit vernommen", sagte der Nationale Sicherheitsberater Rangin Dadfar Spanta SPIEGEL ONLINE in Kabul. Er sprach von einem "tragischen Vorfall".

Der Polizist stamme aus der Provinz Parwan und sei seit mehreren Jahren im Dienst gewesen, seine Motive für die Tat hingegen seien derzeit noch unbekannt.

In der Vergangenheit hatten mehrfach Polizisten und Soldaten das Feuer auf Ausländer in Afghanistan eröffnet - die Zahl der sogenannten Insider-Attacken war in den vergangenen Monaten stark gestiegen.

Reporter ohne Grenzen bestürzt

Die Leiche der Reporterin soll in den kommenden Stunden nach Kabul gebracht werden. Die Bundesregierung schaltete sich in den Fall ein. Die deutsche Botschaft in Kabul sei "mit Nachdruck um Aufklärung bemüht", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) und Reporter ohne Grenzen (ROG) zeigten sich bestürzt über den Tod von Niedringhaus. "Der Angriff zeigt, wie extrem gefährlich Afghanistan für Journalisten immer noch ist", sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. "Die Regierung muss dafür sorgen, dass Journalisten in den kommenden Tagen über die Präsidentschaftswahl berichten können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen."

DJV-Chef Michael Konken forderte, den Täter zur Verantwortung zu ziehen: "Wer Journalisten tötet, löscht Leben aus und versetzt der Pressefreiheit einen schweren Schlag. Das darf nicht ungesühnt bleiben." Insgesamt wurden nach ROG-Angaben seit 2002 mindestens 19 Journalisten in Afghanistan bei ihrer Arbeit getötet.

Allein in den vergangenen Wochen waren in Kabul bei Angriffen mehrere Journalisten ums Leben gekommen. Zunächst hatten Unbekannte mitten in der Hauptstadt einen schwedischen Radio-Reporter auf offener Straße erschossen. Wenig später kam ein afghanischer Journalist der Nachrichtenagentur AFP bei einer Schießerei im Luxushotel "Serena" im Zentrum der Hauptstadt Kabul ums Leben.

In Afghanistan wird am Samstag ein neuer Präsident gewählt. Die radikalislamischen Taliban haben dem Urnengang den Krieg erklärt und mit Anschlägen gedroht.

heb/mgb/dpa/Reuters/AFP



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insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
immertreu 04.04.2014
1. Tragisch
Zitat von sysopZwei Journalistinnen sind Opfer eines Anschlags in Ostafghanistan geworden. Bei dem Angriff in der Provinz Khost ist eine Frau getötet, die andere durch Schüsse schwer verletzt worden. Die Attacke ereignete sich innerhalb eines Polizeistützpunkts. http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-journalistin-von-mann-in-polizeiuniform-erschossen-a-962545.html
Tragisch ist der Tod zweier Menschen. Die Nachricht hat bei mir eine Frage hochkommen lassen. In Afghanistan sterben dauernd Journalisten, aber eine fundierte Berichterstattung habe ich in den deutschen Medien noch nicht mitbekommen. Umso tragischer der Tod, weil noch nicht mal etwas erreicht.
wütender_bürger 04.04.2014
2. Tut mir leid
aber ich dachte da ist kein KRIEG?
Photograph 04.04.2014
3. Oh Nein!
Ich kannte Anja Niedringhaus und natürlich ist das eine riskante Arbeit, die sie tat. Aber es gibt Menschen, denen man wünscht, dass sie unverwundbar sind. Sie war so ein Mensch.
kraus.roland 04.04.2014
4. Raus aus Afghanistan!
Die dramatischen inneren Widersprüche des Landes werden durch westliche Präsenz nur verschärft. Afghanistan muss damit selber fertig werden - oder untergehen!
Raúl gonzales 04.04.2014
5.
Möge sie in Frieden Ruhen.
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